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Kapitel 2 - Osmanisches Reich Inhaltsverzeichnis Kapitel 4 - Generaldirektorium

3. DIE ORGANISATION DES SPORTS IN DEN ANFANGSJAHREN DER REPUBLIK (1922-1938)
3.1 ERSTE ORGANISATORISCHE BEMÜHUNGEN
3.2 BUND TÜRKISCHER SPORTVEREINE (1923-1936)
    3.2.1 Aufbau und Struktur des Bundes laut ihrer Satzung
    3.2.2 Die Führung des Sports unter dem Bund
3.3 DIE TÜRKISCHE SPORT UNION (1936-1938)
3.4 BILANZ EINER (FAST) UNABHÄNGIGEN SPORTFÜHRUNG
    3.4.1 Die Entwicklungen in der Sportpraxis
    3.4.2 Hindernisse für die Entwicklung des Sports in dieser Zeit



3. DIE ORGANISATION DES SPORTS IN DEN ANFANGSJAHREN DER REPUBLIK (1922-1938)
Mit dem Waffenstillstand von Mudros (1918) wurde die Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg besiegelt. Nach dem Frieden von Sevres (1920) wurde den Türken ein Rumpfgebilde ihres alten Reiches ohne eigene Souveränität zugesprochen (BfpB 1989, 13). Die Besetzung dieses Gebiets durch die Siegermächte führte zu dem von Mustafa Kemal ("Atatürk") initiierten Befreiungskrieg. Nach der Flucht des Sultans ins englische Exil und dem Einzug der nationalen Widerstandsarmee in die damalige Hauptstadt Istanbul (1922) erfuhr das Osmanische Reich sein Ende. Mit dem Friedensvertrag von Lausanne (1923) gewannen die Türken die volle Souveränität über ihr Staatsgebiet (Majoros/Rill 1994, 368). Die Türkische Republik wurde im Oktober 1923 ausgerufen (ZfT 1994, 120).

3.1 ERSTE ORGANISATORISCHE BEMÜHUNGEN
Seit 1920 spielten sechs verschiedene Fußballligen in Istanbul um ihre eigenen Meisterschaften (Fisek 1985, 92). Verschiedene Organisationen mühten sich in der Phase des politischen Umbruchs um eine Neuordnung im Sport.
Die christlich-amerikanische Organisation "Young Men's Christian Association" (YMCA) versuchte z.B. unter dem Deckmantel einer "amerikanisch-türkischen Vereinigung" in der unter amerikanischem Mandat stehenden Türkei Fuß zu fassen (Fisek 1980, 338). Sie kümmerte sich um die moderne Organisation von Turnieren, Ligen und Wettkämpfen . Nebenbei versuchte sie neue Sportarten, vor allem US-amerikanische Sportarten wie Baseball, American Football und Basketball, in einigen Städten zu verbreiten (Karakücük 1997, 281). Nachdem man hinter den Bemühungen dieser Organisation auch eine Form des "Kulturimperialismus" vermutete, wurde den Aktivitäten dieses Vereins 1928 ein Ende gesetzt (Tasmektepligil/Imamoglu 1996, 48).
Tarcan, der Gründer des "Osmanischen Olympischen Komitees", bemühte sich seinerseits wiederum, die Sportvereine unter einem Dach zu einigen, um eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen 1924 zu ermöglichen. Ausschlaggebend war ein Brief von Coubertin aus dem Jahr 1921, der ihn nach dem Ausschluss des Osmanischen Reiches von den Olympischen Spielen (1920) wieder als IOC-Mitglied begrüßte (TNOC 1975, 118). Hiernach gründete er den "Verein zur Vorbereitung auf die Weltspiele" , den Vorläufer des Türkischen Olympischen Komitees (San 1985, 31). Da Tarcan eine Bindung zu den Vereinen bisher nicht erreicht hatte, erlangte seine Organisation keine Bedeutung. Er hatte noch keine Erfahrungen in der Sportpraxis gesammelt. Deshalb wurde er bei den Vorstandswahlen des ersten nationalen Sportbundes in der Türkei 1922 von den Klubvertretern nicht gewählt (Fisek 1980, 362).
Währenddessen hatten sich einige Vereine zusammengeschlossen, um den Fußball in einer übergeordneten Struktur zu organisieren. Aus dem Reglement des Schweizer Sportbundes erstellten sie eine vorläufige, aus 20 Artikeln bestehende Satzung (Aydin 1988, 57). Als das Ende des Befreiungskrieges nahte, bemühten sich neue Vereine, die nicht nur Fußball betrieben, um einen Eintritt. Man entschied sich danach, alle Sportarten innerhalb einer Organisation unterzubringen und das Betätigungsfeld außerhalb von Istanbul auszudehnen (Fisek 1985, 96).
Mit einer erweiterten Satzung wurde 1922 der "Bund Türkischer Sportvereine" gegründet (Sümer 1990a, 28). Somit entstand in der Türkei zum ersten Mal eine nationale Sportorganisation auf der Basis einer föderalistischen Union von Sportvereinen (Fisek 1989, 628). Angesichts bevorstehender Olympischer Spiele wurden vorläufige Verbände gebildet, die sich nach den Regeln des IOC um die Aufnahme in die internationalen Verbände bemühen sollten. Es waren die drei Verbände Fußball, Ringen (mit den Sportarten Ringen, Boxen, Gewichtheben) und Athletische Sportarten (Schwimmen, Leichtathletik, Tennis, Fechten und Reiten) (Keten 1993, 41).
Im gleichen Jahr kam es zu den ersten Auseinandersetzungen, wie der Fußball organisiert werden sollte, in deren Folge einige Klubs ausgeschlossen wurden (Fisek 1980, 352). Der "Bund Türkischer Sportvereine" leitete den Sport in der jungen Republik bis 1936. An seine Stelle trat danach die "Türkische Sport Union".

3.2 BUND TÜRKISCHER SPORTVEREINE (1923-1936)
Trotz der nach der Gründung der Republik (1923) zahlreichen, nach europäischem Vorbild durchgeführten Reformen blieb der "Bund Türkischer Sportvereine" von staatlichen Eingriffen verschont. Der Staat überließ vorerst verschiedene Bereiche des Lebens, so auch die Wirtschaft, privaten Initiativen. In den nächsten Jahren wurden dem Bund verschiedene staatliche Zusicherungen garantiert. 1923 erhielt er eine besondere juristische Form, die ihm eine autonome Stellung gegenüber Staat, Regierung und anderen gesellschaftlichen Organisationen sicherte (Fisek 1980, 351). Es war die staatliche Garantie für einen selbstverwalteten Sport. Ein Jahr später erhielt der Bund den Status eines gemeinnützigen Vereins und die Bestätigung als einzige Organisation, die den türkischen Sport national und international vertritt (Ekenci/Zerarslan 1992, 74). Als gemeinnütziger Verein war ihm nun finanzielle Hilfe seitens des Staates gesichert. Erste finanzielle Hilfe erhielt der Bund für die Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen von 1924 (San 1997, 12). Dieser Umstand deutet auf die schwache Stellung des "Türkischen Olympischen Komitees", das 1923 von Tarcan neu gegründet wurde.
Mit den staatlich zugesicherten Rechten als alleiniger Vertreter des Sports in der Türkei wurde der Bund Ende 1923 mit einer erweiterten Satzung neu gegründet, die er bis auf kleine Veränderungen bis 1936 behielt (Sümer 1988, 28). Für den Sport war nun der Weg frei, sich unabhängig und selbstverwaltet auf der Basis von Vereinsentscheidungen zu organisieren.

3.2.1 Aufbau und Struktur des Bundes laut ihrer Satzung
Der Gründungszweck des Bundes war in der Präambel ihrer Satzung formuliert. Seine Ziele sah er u.a. darin, die Jugend von schlechten Gewohnheiten wie Alkohol und Glücksspielen abzuhalten, das Volk an gemeinsame Aktivitäten zu gewöhnen sowie gesunde und fähige Menschen für den Dienst am Vaterland zu erziehen.
Seine Aufgaben waren u.a. den Amateursport zu fördern und zu verbreiten, nationale Meisterschaften und Wettkämpfe zu organisieren, Sportverbände zu gründen, Sportstätten zu bauen sowie den türkischen Sport international zu vertreten (§ 2).
Das organisatorische Gebilde bestand aus dem Zentralkomitee und den Sportregionen (§ 4). Das Zentralkomitee war die höchste Vertretung des Bundes, das für alle Sportarten zuständig war (§ 12). Eine Stadt galt als eine Sportregion, wenn dort mind. 3 Klubs organisiert waren (§ 31). Die Sportregionenkomitees waren die lokale Vertretung des Zentralkomitees (§ 4). Dem Zentralkomitee untergeordnet waren die Sportverbände, welche die technische Organisation ihrer jeweiligen Sportart übernahmen (§ 23). Für die Gründung eines Sportverbandes war die Organisation einer Sportart in mind. drei Sportregionen notwendig (§ 21).
Gewählt wurden die Mitglieder der jeweiligen Vorstände (Sportverbände,
Zentralkomitee) vom Generalkongress . In diesem waren Vertreter der Vereine, der
Sportverbände, der Sportregionen und des Militärsports versammelt (§ 19). Der Generalkongress sollte einmal jährlich abgehalten werden (§ 9). Für die Entscheidungen war eine Zweidrittelmehrheit nötig (§ 10).
Die Förderung des Freizeitsports sollte durch sog. Sportzentren erreicht werden, in denen man ohne organisatorischen Zwang, Sport betreiben konnte (§ 218).

3.2.2 Die Führung des Sports unter dem Bund
Die Ideologie des Bundes ("Das letzte Wort haben die Vereine" ) wurde mit dem Generalkongress gesichert, da die Vereinsvertreter in der Überzahl waren (Fisek 1980, 351). Die Satzung garantierte dem Bund eine machtvolle Position im türkischen Sport. Dies bekam das "Türkische Olympische Komitee" (TNOK) zu spüren. In der 1924 vom Bund mit ausgearbeiteten Satzung des TNOK wurde festgelegt, dass mind. die Hälfte des Komiteevorstandes mit Mitgliedern aus dem Bund besetzt sein muss (Fisek 1980, 362). Der Vorsitzende des Bundes wurde 1926 gleichzeitig Präsident des TNOK (Fisek 1985, 110). Diese Abhängigkeit, in die das Komitee geriet, setzte sich fort, als der Staat nach 1938 die Sportorganisation übernahm.
Der Bund schaffte es nicht, eine organisatorische Stabilität zu gewinnen und geriet in eine finanzielle Abhängigkeit vom Staat (Ekenci/Serarslan 1997, 75). Entscheidungsschwierigkeiten wegen der erforderlichen Zweidrittelmehrheit, Unstimmigkeiten zwischen den Vereinen und dem Zentralkomitee, Rivalitäten zwischen den Vereinen, Auseinandersetzungen während der Fußballspiele und der Ausschluss von Vereinen führten in den 30er Jahren dazu, dass Partei und Staat eingriffen (Sümer 1990a, 30).
Seit 1932 mischte sich der Staat zunehmend in die Belange der Sportorganisation ein (Atalay 1998, 34). Die geringe Verbreitung des Sports wurde kritisiert. Die "nationale Verteidigung" gerate durch die Auseinandersetzungen zwischen den Vereinen in Gefahr (Fisek 1980, 376).
Der Sport genoss in den Augen des Staates eine große Bedeutung. Der Sport, der die körperlichen, geistigen, moralischen und mentalen Stärken der Menschen förderte, war in den Augen Atatürks ein Faktor zur Schaffung einer neuen,
modernen Gesellschaft (Directorate General of Press & Information [DGPI] 1991, 3). Die Erklärung des 19.Mai als jährlich stattfindender Jugend- und Sporttag
zollte von dieser Bedeutung. Sport war laut Atatürk auch "Dienst am Vaterland", da mit körperlichen Übungen militärische Eigenschaften gefördert wurden (Eroglu 1979, 79). Als Generalinspekteur der 1914 gegründeten "Osmanischen Pfadfinderorganisation" verfasste Atatürk 1915 einen Bericht über den Stand der körperlichen Fähigkeiten in der Jugend. In diesem empfahl er zur militärischen Verteidigung des Heimatlandes, Leibesübungen bei der Erziehung der Jugend verstärkt einzusetzen (Tayga 1990, 143).
Die Zukunft der Sportorganisation wurde durch das Parteiorgan "Ülkü" deutlich gemacht (Fisek 1980, 374ff). In den Kommentaren wurde die Parole der "Staat im Sport" als die einzige Möglichkeit für die Verbreitung des Sports hervorgehoben. Denn der Staat habe die unabhängige Sportorganisation immer geschützt. Diese habe allerdings das Vertrauen missbraucht, in dem sie die staatlichen Zuschüsse "verschleudert" hätte. Die Kommentatoren zitieren Adolf Hitler mit seinen Aussagen und ziehen hieraus den Schluss, dass Leibesübungen zu wichtig für die Bildung einer Gemeinschaft sind (Fisek 1985, 375).
Der Bund wurde nach den kritischen Worten aus Regierungskreisen, man dürfe so einen wichtigen Bereich nicht in die Hände eines Vereins geben, 1936 neu organisiert (Yenal 1969, 7). An seine Stelle trat nach deutschem Vorbild die "Türkische Sport Union" ein, die der Einheitspartei "Republikanische Volkspartei" angeschlossen wurde. Die Regierung folgte den Empfehlungen Carl Diems in seinem 51-seitigem Bericht mit dem Titel "Vorschläge über den Ausbau der Körpererziehung in der Türkei" (San 1985, 63). Die Sportler mussten nach Verkündung der neuen Organisation sofort in die Partei eintreten (Atabeyoglu 1989, 119).
Die Beurteilung des Bundes stößt bei den türkischen Autoren insgesamt auf geteilte Meinungen. Autoren aus staatlichen Organisationen schreiben ihm als Erfolg nur die Teilnahme an den Olympischen Spielen zu. Sie heben die Rivalitäten in der Organisation hervor und sind der Ansicht, dass der Bund es nicht geschafft, den Sport zu verbreiten (Demirci 1986, 42 ; Abali 1974, 58). Private Autoren verteidigen ihn als ein Vorbild für eine "demokratische" Sportorganisation (Sümer 1990a, 30).

3.3 DIE TÜRKISCHE SPORT UNION (1936-1938)
Die Türkische Sport Union war eine Zwischenperiode auf dem Weg zur völligen staatlichen Kontrolle der Sportorganisation. Die meisten Statuten des Bundes wurden weiter übernommen. Lediglich der Umstand, dass man sich der Partei anschloss, sollte Besserungen bringen (Fisek 1980, 376).
Laut der Satzung der Union war ihr Gründungszweck, den Sport im Lande zu verbreiten und ihn nach außen und innen zu vertreten (§ 1). Die Arbeit der Union beruhte auf den Prinzipien der "Brüderlichkeit" und der Einheit , dem Nationalstolz und den türkischen Tugenden . Das oberste Prinzip lautete die Liebe zu Atatürk und seinen Reformen (§ 3).
Die Sportler waren verpflichtet, im "Sportkrieg" die Überlegenheit des türkischen Sports auf der ganzen Welt zu demonstrieren und den türkischen Idealen entsprechend zu vertreten (§ 4). Die Auffassung des sportlichen Wettkampfes als einen kriegerischen Akt wies auf die Tendenz hin, den Sport als Medium zum Prestigegewinn für die junge Republik zu nutzen.
Die Aufgaben der Union waren u.a. die Erziehung der Jugend mittels körperlichen Übungen und die Verbreitung des Amateursports. Sie sollte Sportvereine gründen und Sportanlagen aufbauen sowie Kontakte zu internationalen Organisationen knüpfen (§ 5).
Auf der organisatorischen Ebene wurden kaum Veränderungen getroffen. Bestimmende Elemente waren immer noch ein Generalkongress, ein Zentralkomitee, die Sportverbände und auf der unteren Ebene die Sportregionen und die Sportklubs (§ 6). Die Vereine besaßen in der Zusammensetzung des Generalkongresses immer noch die Mehrheit (§ 11). Neu im Generalkongress waren nur die Vertreter aus der Partei und den Ministerien .
Obwohl die Union mit der Vorgabe der Partei gestartet war, dass Vereine sich selber nicht leiten können, praktizierte sie nichts anderes. Einzig die Zusammensetzung des Generalkongresses aus Partei- und Regierungsmitgliedern und die Ratifizierung des Budgets durch die Einheitspartei waren neu (Ekenci/Serarslan 1997, 76). In der Folgezeit traten neben Klubrivalitäten gesellschaftliche Auseinandersetzungen hinzu, die mit dem Ausschluss "unliebsamer" Personen und Vereinen endeten (Fisek 1985, 121). Vergessen hatte man bei der Erklärung der Arbeitsprinzipien, dass sich nicht alle nach der Partei und nach Atatürk richteten (Fisek 1980, 376).
Die Ausschreitungen bei den Spielen sorgten für eine Projektion der Unzufriedenheit auf die Partei, weshalb man wieder nach einem anderen Lösungsweg suchte (Sümer 1990a, 32). Das Regierungsprogramm von Celal Bayar von 1937 machte die Zukunft der Sportorganisation deutlich (Acar 1993, 3). Dies war zugleich die erste Regierungserklärung, zu dessen Inhalten auch der Sport gehörte. In dieser wird der Sport als ein Teil "unserer nationalen Kultur" bezeichnet. Ziel sei es, dass es bald niemanden geben soll, der nicht Sport betreibt. Die Sportorganisation werde mit einer zentralen Verwaltung und einem Gesetz neu organisiert.
Das Vorhaben wurde schon 1938 mit der Verkündung des "Gesetzes für Leibesübungen" und der Gründung eines "Generaldirektoriums für Leibesübungen" verwirklicht (Bilgin 1992, 25).

3.4 BILANZ EINER (FAST) UNABHÄNGIGEN SPORTFÜHRUNG
Das 1922 angefangene Projekt einer unabhängigen, auf Klubentscheidungen basierenden Sportverwaltung wurde 1938 mit der Gründung einer staatlichen Sportbehörde endgültig zu Grabe getragen. Die Autonomie, die in den 30er Jahren durch staatliche Stellen untergraben wurde und mit der parteinahen "Türkischen Sport Union" in eine Zwischenphase ging, erfuhr sein jähes Ende.
Der mäßige Erfolg privater Initiativen in Wirtschaft und Gesellschaft in den ersten Republikjahren führte in den 30er Jahren zur Forderung eines starken Staates (ZfT 1994, 31). Man glaubte nicht, dass die Prinzipien und Ideale des Staates von den privaten Organisationen in dem gewünschten Maße an die Jugend weitergegeben werden konnten. Zudem war die Verbreitung dieser Prinzipien durch die Auseinandersetzungen in den Vereinen und auf den Fußballplätzen gefährdet. Das Erziehungsministerium erließ daraufhin 1930 eine Regelung, mit der Schülern verboten wurde, in privaten Sportvereinen zu spielen (Karakücük 1997, 292).
In dem Parteiprogramm der regierenden Einheitspartei von 1934 wurden die sechs Prinzipien des Kemalismus verkündet: Etatismus , Nationalismus, Säkularismus , Republikanismus, Populismus , Reformismus (BfpB 1989, 14f). In diesem Programm kündigte man ebenfalls die Förderung körperlicher sowie geistiger Fähigkeiten an. Zudem wollte man Leibesübungen für die Bevölkerung zur Pflicht machen und sie mittels Disziplin erziehen (Riedel 1938, 548f).
Das Ideal einer unabhängigen Sportorganisation wurde aufgegeben, weil sich die Ideologie des Staates verändert hatte. Statt Förderung privater Initiativen, wandte man sich in den 30er Jahren zur Verstaatlichung aller Bereiche. Das Ziel lautete mit Hilfe des Sports die Jugend zum idealen Staatsbürger zu erziehen (Riedel 1938, 547).

3.4.1 Die Entwicklungen in der Sportpraxis
Am Anfang waren es noch wenige Vereine, die sich dem Bund anschlossen. Dies änderte sich mit den staatlichen Zusagen als einziger Vertreter des türkischen Sports. Tab. 1 gibt eine Übersicht über die Entwicklung der Zahlen im Vereinssport bis einschließlich 1938. Die Betrachtung der Statistik sollte mit Vorsicht genossen werden, obwohl diese in jeder türkischen Sportliteratur verbreitet werden. Denn auffällig ist die verdächtige, prozentuale Steigung der Zahlen nach 1936. Vermutlich sind diese nach Übernahme der Sportorganisation durch die Partei "verschönert" worden, in dem man z.B. die Sporttreibenden in den Volkshäusern ("Halk Evleri") mit hinzugerechnet hat.
Die Volkshäuser, eine Einrichtung der Partei dienten zur Erklärung und Erläuterung des kemalistischen Modells. Sie haben in ihren Räumen Sport für die einfachen Leute angeboten (Köprülü 1981, 64).
Jahr Sportvereine Mitglieder Sportverbände
1923 14 827 6
1933 230 10.450 11
1938 442 27.631 14

Tab. 2: Entwicklung der Zahlen im Vereinssport in den Jahren 1923-1938
Quellen: Tayga (1990, 253) ; Fisek (1985, 108)



1938 waren demnach, im Verhältnis zur geschätzten Gesamtbevölkerung von 17 Millionen , nur 0,17 % der Türken in der Sportbewegung organisiert. Zudem fand 1938 in 63 von 68 Städten in der Türkei organisierter Sport statt. Allerdings waren die Anforderungen, um als Sportregion zu gelten, niedrig. Hierzu waren lediglich drei Vereine in einer Stadt nötig. Die Auslastung bei den Sportlern war einseitig. Im Fußballverband waren bei Übernahme der Sportorganisation durch den Staat 55 %
der Sportler organisiert. An zweiter Stelle folgten die Ringer und Boxer mit
insgesamt 15% aller Vereinssportler (Riedel 1942, 58).
In der Phase der unabhängigen Sportführung haben sich die wichtigsten Sportverbände gebildet und die Aufnahme in die internationalen Verbände geschafft (Fisek 1985, 108). Der türkische Fußballverband holte 1924 den ersten ausländischen Trainer für die Nationalmannschaft (Hicyilmaz 1997, 123).
Nach der Gründung der Republik (1923) nahm man 1924 in Paris erfolglos an den Olympischen Spielen teil. 1936 in Berlin holte man im Ringen mit einmal Gold und einmal Bronze die ersten Medaillen (Aripinar 1997, 128). Zu diesen Spielen sandte die Türkei erstmals zwei weibliche Athleten (Fechten). Zum ersten Mal nahm die Türkei 1936 in Garmisch-Partenkirchen an olympischen Winterspielen teil (Fisek 1985, 177). Obwohl sie danach an allen Winterspielen teilnahm, konnte sie hier nie einen Erfolg verbuchen.
1937 wurde mit der "Milli Küme" eine nationale Amateurfußballliga geschaffen, an der Mannschaften aus Istanbul, Izmir und Ankara teilnahmen (Daglaroglu/San 1960, 15). Bis dahin war der Fußball nach regionalen Amateurligen aufgeteilt, deren Gruppenersten in unregelmäßigen Abständen Finalmeisterschaften unter sich austrugen (Aydin 1988, 68). Das erste große Stadion in der Türkei wurde 1936 in Ankara eingeweiht (TFF 1992, 17).

3.4.2 Hindernisse für die Entwicklung des Sports in dieser Zeit
Atatürk hatte in den ersten Republikjahren die unabhängige Sportorganisation gefördert. Dem Bund wurde von der Regierung in den folgenden Jahren finanzielle Hilfe gewährt. Laut Atatürk war es vorerst wichtig, dass jeder Bürger in der Türkei in naher Zukunft die Möglichkeit haben muss, überall Sport machen zu können (San 1997, 11). Der Bund stieß bei der Verbreitung des Sports auf Hindernisse.
Es fehlte das Potential, um die Menschen auf die wenigen Sportplätze zu treiben. Denn 82 % der Bevölkerung lebten in bäuerlichen und kleinstädtischen Verhältnissen (Riedel 1942, 55). In einem wirtschaftlich unterentwickelten Land bildete eine Gruppe die Mehrheit, die kein Interesse am organisierten Sport und an den Sportarten aus dem Westen zeigte.
Weiterhin waren die finanziellen Mittel beschränkt, um Sportplätze zu bauen. Da man über keine geregelten Einnahmen verfügte, wäre der Staat die einzige verlässliche Quelle gewesen. Die Zuschüsse des Staates an den Bund betrugen in den Jahren 1923-1938 durchschnittlich nur 0,03% des Staatsbudgets (Fisek 1980, 318). Zudem hielten sich die Gemeinden nicht an das Gemeindegesetz von 1930, das sie zum Bauen von Sportanlagen verpflichtete (Yenal 1969, 8).
Ein weiteres Hindernis war die Ablehnung der "modernen" Sportarten aus dem Westen. Die nach dem Krieg stattgefundene Besatzungszeit sowie die Aktivitäten der christlichen Vereinigung "YMCA" modernen Sport in der Türkei zu verbreiten, verstärkten bei der breiten Bevölkerung das Gefühl, dass der Zweck der ausländischen Aktionen nur eine Form des Kulturimperialismus sei (Tasmektipligil/Imamoglu 1996, 48). Während der moderne Sport in den westlichen Ländern durch die Industrialisierung und dem Bedürfnis nach Freizeitausgleich vorangetrieben wurde, hatte das Volk in der Türkei das Gefühl, dass Ihnen zwangsweise die europäische (Sport-)Kultur aufgedrückt wird. Die Skepsis und Ablehnung gegenüber den "europäischen Produkten" entwickelten sich aus dem Hass gegen die Besatzer. In dieser Zeit entstanden zwei unterschiedliche Ansichten über den Sport. Während die Modernisierer der Türkei, den Sport als ein Mittel der Erziehung entdeckten, sah das einfache Volk in ihm eine "Erfindung der Ungläubigen" (Tasmektipligil/Imamoglu 1996, 49). Der Sport wurde dagegen von der Bevölkerung ausgeübt, die den europäischen Werten gegenüber konform standen oder wie es im Volk hieß, von "Menschen, die zu nichts zu gebrauchen sind" (Tasmektipligil/Imamoglu 1996, 49).
In Europa wurden Verbände gegründet, um den Sport besser zu organisieren. In der Türkei dienten die Sportverbände dazu, um die Sportarten aus dem Westen bekanntzumachen und zu verbreiten, obwohl diese teilweise noch gar nicht existierten (Acikada/Ergen 1990, 5).
Die Tatsache, dass die ersten olympischen Medaillen im "ata spor" Ringen geholt worden sind, deutet darauf hin, dass diese traditionelle Sportart ihre Bedeutung in der Bevölkerung behielt. Der Umstand, dass die "moderne Sportart" Fußball sich durchgesetzt hat, könnte durch den "Spieltrieb der Türken" (Riedel 1942, 65) erklärt werden.
Zu vermuten ist, dass der Fußball als Ersatz für das Reiterspiel Djerid diente. Die früher von zwei Mannschaften betriebene Sportart zwischen zwei Mannschaften verlor nach dem Verbot (1826) seine Bedeutung als traditionelle Sportart.
Ein anderer Erklärungsansatz kann auch die in der türkischen Sportliteratur verbreitete Meinung sein, dass der Fußball in seiner Urform von den Türken schon früher gespielt wurde (Kunter 1938, 7).

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