Herr der Fliegen
Angaben zum Autor:
William (Gerald) Golding, englischer Schriftsteller, Saint Columb Minor/Cornwall 19.09.1991. - Golding stammt aus einer Lehrfamilie, studierte Naturwissenschaften und Anglistik (=Wissen von der engl. Sprache englischsprachigen Literatur) in Oxford und unterrichtete 1939-61 als Lehrer in Salysbury. Seit 1961 ist er freier Schriftsteller; 1983 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Goldings Werk ist geprägt von einer pessimistischen
(seelischen Gedrücktheiten) Weltanschauung, derzufolge der Mensch aufgrund seiner
bösen Natur immer wieder "fällt", so dass die Geschichte der Menschheit eine
"Chronik der Erbsünde" darstellt. Goldings Glaube an anthropologische (=durch
den Menschen beeinflusst) Konstanten, die sich nach seiner Auffassung am überzeugendsten
mittels archetypischer (=der Urform entsprechend) Symbole, allegorischer (Allegorie =
Gleichnis) Figurenkonstellationen und mythologischer Motivkomplexe, umsetzen zu lassen,
begründet auch seine Ablehnung an die griech. Tragödie. Golding zieht deshalb auch die
Charakterisierung als Moralist (Moral = Sittenlehre) und Mythengestalter seiner Einstufung
als Erzähler vor.
Werke von William Gerhald Golding
Lord of the flies (1954; dt. -> Herr der Fliegen, 1956)
Goldings erster Roman, der ihn weltbekannt machte, belegt denn auch sein bevorzugtes Darstellungsmuster. Vor dem Hintergrund der Robinsonade britischer Jungen gestaltet Golding Schritt für Schritt die Regression "unschuldiger" junger Menschen in die Barbarei, um den bösen Wesenskern des Menschen aufzudecken.
The Inheritors (1955; dt. -> Die Erben 1964)
In diesem Roman, der sich in vorparadiesischer Zeit spielt und das Leben von Neandertalern darstellt, geht es Golding um die Rolle von Bewusstsein und Wissen beim Übergang der Unschuld zur Erfahrung des "Bösen": Reflexion bedeutet das Ende des Paradieses.
Pincher Martin (1956; dt. -> Der Felsen des zweiten Todes)
In diesem Buch schafft sich der Titelheld im Augenblick des Todes aus Protest gegen Gott und in stolzer Verweigerung des Todes sein eigenes Universum, muss sich dann aber doch einem zweitem Tod unterwerfen.
Free Fall (1959; dt. -> freier Fall, 1963)
Sammy Mountjoy , der Junge Künstler und Protagonist in Free Fall stellt sich Angesichts der Verführung seiner Jugendliebe Beatriece und der anschließenden Heiratsverweigerung, die das Mädchen in den Wahnsinn treibt, die moralphilosophische Frage: "Wann und wo habe ich meine Freiheit verloren?", ohne jedoch eine klare Antwort zu erhalten.
In allen 3 letztgenannten Romanen macht die überraschend gehandhabte Erzählperspektive den vorgestalterischen Reiz aus, in Free Fall zusätzlich die virtuos gehandhabte Zeitstruktur, Pincher Martin der phantasmagorische Erzählton.
The Spire (1964; dt. -> Der Turm der Kathedrale, 1983)
In The Spire der Geschichte eines Turmbaus vollendet, der Domherr Jocelin in visionärem Sendungsbewusstsein trotz massiven Einspruchs stolz sein Werk, wird aber auf dem Sterbebett mit neuen Erkenntnissen über das Ware Menschsein zugleich gedemütigt und beglückt.
The Pyramid (1967; dt. -> Oliver, 1982)
Mit The Pyramid folgte eine längere Schöpferische Pause.
Darkness Visible (1979; dt. -> Das Feuer der Finsternis, 1980)
Ein Roman über Menschen im Inferno des Londoner Blitzkrieges, der zu Ende ging.
Rites of Passage (1980; dt. -> Äquatortaufe, 1983)
Die Rolle des Potagonisten Matty ist dabei undurchsichtiger als die Entwicklung von James Colley, der in der brutalen Klassengesellschaft des Romans Vom romantischen Idealismus zur realen Finsternis im eigenen Herzen geführt wird und aus Scham daran zerbricht.
The Paper Men (1984; dt. -> Papier Männer, 1984)
Der wenig günstig aufgenommene Roman The Paper Men gibt sich zunächst als Biographie von Barcley/Golding, handelt aber von einer falschen Region aus Druck und Papier und stellt mit seinem Ideal des Künstlers als Märtyrer einen Travestie des Christentums dar.
The Scorpion (Nov.n, 1971; dt. Der Sonderbotschafter, 1974)
Close Quarter (R., 1987;dt. Die Eingepferchten, 1988)
Fire Down Bellow (R. 1989)
Literatur:
M.Kinkead-Weekes/I. Gregor William Golding, 1967 (Repr 1984)
S. Medcalf William Golding, 1975; Hg.J.Biles/R.O. Evans, 1978
Der englische Roman der Gegenwart, Hg. R. Imhof/ A. Maack, 1987
Inhaltsangabe
Eine Gruppe sechs- bis zwölf jähriger englischer Schüljungen, die als einzige den Absturz des Flugzeugs überlebt haben, das sie vor einem Atomkrieg in Sicherheit bringen sollte, sieht sich auf einer unbewohnten Insel im Pazifik plötzlich in die abenteuerliche Lage ihrer Idole aus Büchern wie Defoes Robinson Crusoe, Bellantynes The Coral Island und Stevensons Treasure Island versetzt (die letzteren werden bei Golding ausdrücklich erwähnt). Zunächst halten sich das erregende Gefühl grenunloser Freiheit, das Erlebnis einer unberührten, exotischen Natur und die Einsicht, eine gewisse Ordnung aufrechterhalten zu müssen, die Waage. Wie früher ihre Lehrer das Megaphon als Zeichen ihrer Autorität benutzten, so läßt jetzt einer der Jungen, der sportliche, verständige Ralph, ein silbriges Muschelhorn ertönen: Seine Kameraden versammeln sich und wählen ihn zu ihrem Anführer. Den demokratischen Prinzipien, die Ralph verkündet, beugt sich in dieser Phase auch Jack, der herrschsüchtige »Befehlshaber« eines Knabenchors: Wir brauchen Gesetze, denen wir gehorchen. Schließlich sind wir keine Wilden. Wir sind Engländer, und die Engländer können alles am bessten. Die Gültigkeit dieser Worte wird alsbald durch Meinungsverschiedenheiten über die Rangfolge der zu lösenden Aufgaben in Frage gestellt. Während Ralph die Rettung von der Insel zum Hauptziel erklärt, rückt für Jack die Fleischbeschaffung in den Vordergrund. Statt das lebenswichtige Feuer zu hüten, das Ralph mit Hilfe der Brillengläser seines von den andern gehänselten, mickrig und phlegmatisch wirkenden, in Wahrheit aber mit viel gesundem Menschenverstand begabten Adlaten Piggy (Schweinchen) entfacht hat, gehen Jack und sein Sängerkollektiv nackt, mit grell bemalten Gesichtern (Die schützende Bemalung machte frei, hemmungslos frei) auf Schweinejagd. Nur Piggy, der körperlich schwache, in sich gekehrte Simon und die unzertrennlichen Zwillinge Samnerica (Sam und Eric) helfen Ralph Seim Bau von Schutzhütten gegen Sturm und Regen. Die Freunde am Töten ergreift immer stärker Besitz von Jack, so dass er Ralphs vernünftigen Argumenten schließlich nicht mehr zugänglich ist. Der Machtkampf zwischen den beiden Kontrahenten wird jedoch durch eine grausige Entdeckung hinausgezögert: Einer der Kleinen, die in ständiger Angst vor einem geheimnisvollen Untier leben, führt Ralph und Jack zu einer Anhöhe, auf der sie entsetzt eine gespenstische Gestalt erblicken, die im Wind hin und her schwankt. Die Jäger bringen ihr einen aufgespießten Schweinskopf zum Opfer dar, der, von unzähligen Fliegen umschwirrt, für Simon zum eklen Symbol ihrer eigenen satanischen Perversion, des Untiers, das in ihnen selbst lebt, wird. (»Herr der Fliegen«, d. i. Beelzebub, hebräisch: Baal-Sebub.) Als Simon allein zu jener geheimnisvollen Gestalt zurückkehrt, entdeckt er, daß es sich um einen toten Flieger handelt, dessen Fallschirm sich in den Felsen verfangen hat. Bevor er dies den andern Jungen mitteilen kann, wird er von den aufgeputschten »Jägern«, die während einer Tanzorgie ihren atavistischen Trieben freien Lauf lassen, blindwütig zerfleischt. Als später der »Häuptling« Jack und seine Horde Piggys Brille rauben, um selbst Feuer zu machen, appelliert der Bestohlene im Namen des Muschelhorns, des Symbols der Ordnung, vergeblich an den Gerechtigkeitssinn der Jäger. Sie setzen einen Felsblock in Bewegung, der Piggy in die Tiefe reißt. Ralph entgeht der Ermordung mit knapper Not: Nach einer erbarmungslosen Verfolgungsjagd, während der die andern, um ihn auszuräuchern, die Insel in Brand stecken, bricht er vor einem britischen Marineoffizier zusammen, der gekommen ist, englische Schuljungen zu retten, und nun fassungslos einem Rudel von Bestien gegenübersteht.
Deutung
Goldings Roman lässt verschiedene Deutungen zu. Den gemeinsamen Nenner auf den gebracht werden können, hat der Autor selbst formuliert, als er Lord of the flies als einen Versuch bezeichnete, "Die Gebrechen der Gesellschaft auf die Gebrechen der menschlichen Natur zurückzuführen. Die Schlussfolgerung ist, dass der Zustand einer Gesellschaft vom sittlichen Bewusstsein des einzelnen abhängt und nicht von irgendeinem politischen System, mag es noch so logisch und ehrbar erscheinen." Die Handlung ist eine makaber-paro-distische Umkehrung der viktoreansichen Robinsonade The Coral Island (1858), in der Kinder (die Protagonisten tragen dieselben Namen wie bei Golding) zu Sendboten imperialistischen Herrenmenschentums werden. Sie ist darüber hinaus eine schwarze Allegorie der weder vor einem Rückfall in die Barbarei noch vor der Unterwerfung unter Diktatoren sicheren westlichen Zivilisation des 20. Jh. s. Den einzigen Hoffnungsschimmer bringen die Gestalten Ralphs, Simons und Piggys in das düstere Romangeschehen. Alle drei sind, jeder auf seine Weise, Vertreter der Menschlichkeit, Ralph und Simon in einem vorwiegend paradigmatischen, Piggy (eine meisterliche psychologische Studie Goldings) in einem ganz individuellen Sinn. Sprachlich zieht Golding die verschiedensten Register, von der sachlichen Beschreibung der äußeren Ereignisse und der präzisen Wiedergabe des Schülerjargons bis zur Verdichtung der kindlichen Vorstellungswelt und des symbolhaften Geschehens in beklemmende Bilder und poetische Chiffren. Eine Vielzahl von Symbolen macht den eschatologischen Charakter der Vorgänge sinnfällig. Wenn Ralph am Ende den Verlust der Unschuld beklagt, klingen unüberhörbar Sündenfallmotive an. So konstruiert der Schluß des Romans wirkt mit dem Kulturpessimismus Goldings steht er in Einklang: Das vor der Insel ankernde Kriegsschiff wird die Geretteten (die nach der Wiederbegegnung mit der Erwachsenenwelt sehr rasch ihre »Wildheit« ablegen) nicht in eine heile, sondern in eine Vom Chaos bedrohte Welt zurückbringen.