Terroranschlag
Chile,
11. September 1973. Das Militär beseitigt mit Unterstützung der USA die Regierung
Allende
Auszug aus der letzten Rede des gewählten chilenischen Präsidenten Dr. Salvador
Allende vom 11. September 1973 vormittags, gehalten im Präsidentenpalais »La
Moneda« in Santiago de Chile, zeitweilig noch von Radio Magallanes übertragen:
»Landsleute! Es ist sicherlich das letzte Mal, daß ich mich an Sie wende.
Die Luftstreitkräfte haben die Sendeanlagen von Radio Portales und Radio Corporación
bombardiert ... Sie haben die Gewalt, sie können zur Sklaverei zurückkehren,
aber man kann weder durch Verbrechen noch durch Gewalt die gesellschaftlichen
Prozesse aufhalten. Die Geschichte gehört uns, es sind die Völker, die sie
machen... Das Auslandskapital, der mit der Reaktion verbündete Imperialismus
haben ein solches Klima geschaffen, daß die Streitkräfte mit ihren Traditionen
brechen... Die Geschichte wird über sie richten... Es lebe Chile! Es lebe
das Volk! Es leben die Werktätigen! Das sind meine letzten Worte, und ich
habe die Gewißheit, daß mein Opfer nicht vergeblich sein wird...«
Am 9. September 2003 zitierte die Nachrichtenagentur
AFP den früheren Sicherheitsberater und US-Außenminister unter Präsident Richard
Nixon Henry Kissinger mit den Worten: »Das chilenische Militär rettete Chile
vor einem totalitären Regime und die Vereinigten Staaten vor einem Feind.«
Der Präsident
»Ich glaube, daß mein Opfer nicht umsonst gewesen sein wird, und wenn es
nur ein Lehrstück von Moral gegen Treuebruch, Feigheit und Verrat ist«
Der Präsidentenpalast war getroffen.
Hier bombten sich Besessene an die Macht, die ihren Besitz sich in den Händen
eines armen Volkes auflösen sahen. Zu lange schon, drei ganze Jahre, hatten
sie ihn gewähren lassen, diesen famosen Volkspräsidenten.
Was hatten die ihren nicht alles angestellt, ihn zum Rückzug zu bewegen. Sie
hatten die Arbeiter in den Kupferminen aufgehetzt. Sie hatten die Spediteure
satt entschädigt für deren Streik, der Hunger bewirkte in den Städten. Sie
hatten die Ärzte zur Dienstverweigerung angestiftet, Krankheit und Tod freien
Lauf lassend. Sie hatten ihre Rechtssprecher mobilisiert, die neue Ordnung
als gesetzlos abzustrafen. Sie hatten Millionen Flugblätter in Staffeln über
das Land regnen lassen, um Haß zu säen. »Gib dir die Kugel, oder wir tun es
für dich, ehrloser Marxistenbüttel«, hatten sie es schließlich auf den Punkt
gebracht.
Was aber tat der Präsident?
Er tat, als wäre er taub für ihre Warnungen. Dem Volk schaute er auf’s Maul.
»Hunger schreckt uns nicht, mit ihm sind wir aufgewachsen, Sie gaben uns
das Geld für den supermercado, deren Streik stecken wir weg, wir teilen unter
uns, keine Sorge, Genosse Präsident. Krankheit kennen wir zur Genüge, compañero
doctor, Sie wissen das wie unsereins. Sie haben verordnet, daß wir in weiß
bezogene Krankenhausbetten können, das vergessen wir Ihnen nicht. Morddrohungen,
nichts Neues, aber schütz du dich gut, presidente!«
Seinen Armen blieb der verfallen. Schlimmer noch, er lebte auf, wenn das Volk
aufspielte. Auf den Plätzen sang und tanzte der Pöbel fröhlich, sobald jemand
das Lied über das Innenleben der »weißgetünchten Häuschen im Nobelviertel«
anstimmte. Als »momios« ließ er sie verhöhnen, als seien sie Fossilien einer
längst vergangenen Zeit. Jedem ihrer Angebote entgegnete dieser Sonderling
mit der sturen Logik seines armen Volkes.
Dieser Herr war nur äußerlich einer der ihren. Er war weder arm, noch trug
er Kampfanzug oder Guerillerobart. Hatte eine elegante Gattin und gut erzogene
Kinder. Doch sie sollten gewarnt sein. Bereits in der vierten Generation verkauft
sich dieses Geschlecht an die Armen. Die alte Ordnung mußte wieder walten
in ihrem Land am Rande der Welt hinter den Anden. Wenn nicht mit Verstand,
dann mit Gewalt.
Zu dieser Mission hatten die momios jetzt ihre Generäle verdonnert. Gerade
hatte ein Judas ihnen atemlos den neuesten Coup des Präsidenten zugetragen:
Morgen schon wollte der sein Volk befragen, ob es willig sei, weiter den steinigen
Weg mit ihm zu gehen.
Krisenstab der Generäle, hektisch zusammengetrommelt, chaotisch und entschlossen.
Bei Morgengrauen stand der Plan: Den Präsidenten unschädlich machen, ehe der
sein Volk anrufen konnte, Kapitulation erzwingen und den Entehrten ins Ausland
abschieben. Infanterie, Marine und Luftwaffe standen kampfbereit, unsichere
Truppenteile waren isoliert.
*
Morgen wollte der Präsident die Volksabstimmung verkünden, die Vorbereitungen
waren angelaufen.
Seine Mitstreiter hatte der Präsident mit einiger Mühe überzeugen können.
»Wozu riskieren«, hatten ihn die Zaghaften gefragt, »du bist gewählt. Die
momios bei uns und überall auf der Welt haben dich zu respektieren. Liefere
denen nicht freiwillig eine Breitseite.« »Was hab ich denen entgegenzusetzen?
Präsident ohne Parlament. Oberster Heerführer lediglich auf dem Papier. Ohnmächtiger
Beobachter einer Justiz, die die Mörder meiner Mitstreiter freispricht. Machtloser
Demokrat, der selbst die täglichen Aufrufe zum Präsidentenmord zu schlucken
hat. So wenig bin ich, genau so wenig und keinen Deut mehr. Ich brauche die
Leute, um die Zwangsjacke ein bißchen zu lockern. Nur wenn sich eine Mehrheit
zu diesem Präsidenten bekennt, könnte es gelingen. Wir brauchen einen schweren
Anker an dicken Tauen, der uns hält. Sind die Taue brüchig, geben wir auf.
Wir setzen auf die einfache chilenische Frau, auf die Bäuerin, die an uns
glaubt, auf die Arbeiterin, die schuftet und schuftet, auf die Mutter, die
weiß, wie sehr wir uns um die Kinder kümmern. Wir setzen auf die Leute im
Dienstleistungsgewerbe und auf die Intellektuellen, die gegen den Willen ihrer
Standesoberen ihre Arbeit fortsetzen. Entscheiden sollen die jungen Leute
mit ihrem Gesang, ihrer Fröhlichkeit und ihrer Kampfeslust. Entscheiden soll
der chilenische Mann, der Arbeiter, der Bauer, der Intellektuelle. Wir haben
ihnen viel abverlangt, wieviel sind sie bereit noch zu geben?« Endlich, gegen
Mitternacht, waren sie sich einig. Morgen wird die Volksbefragung öffentlich.
*
Kälte umfing den Präsidenten, seit er ins Bett gegangen war, spät genug an
diesem Montag in der Nacht und er meinte, ein ganzes Jahr läge an diesem ersten
Abend der Woche hinter ihm. Die Kälte war bis in die Zehen gekrochen, er
rieb sie aneinander, hob die Bettdecke mit den Füßen, um sie als Sack über
dem Laken fallen zu lassen. Er war bereit, als sie ihn aus dem Bett holten,
früh am Morgen. Seine Genossen, seine Gefährten. Nach kurzem Zögern wählte
er Hose, Rollkragenpullover, Jackett, ließ Anzug, Hemd und Schlips auf dem
Bügel. Dieser Tag wird nicht nach Protokoll verlaufen, ahnte er. Nach schneller
Fahrt durch die kalte graue Stadt bat er mit Bedacht, vor der breiten Empfangstreppe
des Präsidentenpalastes zu halten. Er wollte heute über die Protokolltreppe
in die Moneda.
Er war nicht der, der verstand, Krieg zu führen. Er war der, der immer versucht
hatte, Gewalt zu vermeiden. Er war der doctor, der Kinderarzt, der geboren
war, Leben zum Leben zu verhelfen. Er hatte sich vor die Besitzlosen seines
Landes gestellt und würde auf diesem Platz bleiben, solange die Kraft reicht.
Was hatten sie vor?
Kurz vor acht an diesem Morgen, als alarmierende Gerüchte über Truppenbewegungen
ihre Runden machten, sprach er so zu seinem Volk: »Auf jeden Fall, meine Landsleute,
ich bin hier im Präsidentenpalast, und ich bleibe hier zur Verteidigung der
Regierung, die ich durch Volkes Wille repräsentiere.«
Da hatte er noch gehofft, es würde sich um eine isolierte Gruppe aufständischer
Militärs in der nahen Hafenstadt handeln. Und so lautete auch die zweite Ansprache
des Präsidenten wenige Minuten später: »Bleibt auf euren Plätzen, laßt euch
nicht provozieren«.
Eine halbe Stunde später war jede Illusion verflogen.
Die Militärs hatten sich über Radio zu erkennen gegeben. Sie seien zum äußersten
Kampf entschlossen gegen die »schwerste Krise in Wirtschaft und Moral, die
das Land erschüttert«. Unter Androhung von Gewalt vom Boden und aus der Luft
forderten sie den Präsidenten auf, abzudanken.
Erschrockene Stille legte sich im Nu über den geschäftigen Palast, in dem
gerade noch jeder der Getreuen mit hektischen Telefonaten versucht hatte herauszufinden,
was vorging im Land. Nun war die Katze aus dem Sack.
Der Präsident antwortete prompt, als hätte er hundertmal vorher geübt, in
die Stille hinein, niemals würde er abdanken und klagte den unerhörten Vorgang
an, daß die Militärs ihr Wort und ihren Schwur gebrochen haben. »Ich gebe
meine unwiderrufliche Entscheidung bekannt, Chile in seinem Ansehen, seiner
Tradition, in seiner Gesetzlichkeit und seiner Verfassung weiter zu verteidigen«,
sprach er ins Mikrophon.
»Unwiderruflich« hatte er gesagt. Seine Entscheidung war nun öffentlich,
es gab kein Zurück. Er ahnte, daß er unterliegen würde. Er hatte kein Heer,
wie sich soeben herausgestellt hat, und er dachte nicht eine Minute daran,
die Bürger seines Landes in einen Kampf gegen die Verräter zu führen. Es wollte
ihm immer noch nicht in den Kopf, daß die Elite seines Landes in der Lage
war, ihren Eid zu brechen. Alle waren sie doch wie er aufgewachsen mit dem
Stolz auf die traditionelle Verfassungstreue. Welten, hatten sie alle fabuliert,
lägen zwischen ihrem geordneten Land und den Bananenrepubliken um sie herum.
Präsidentenmord wäre undenkbar in diesem Land.
»Unwiderruflich«, das mußte die Verräter in Rage bringen. Er war sich
ziemlich sicher, daß die Generäle alles versuchen würden, einigermaßen legal
an die Macht zu kommen. Er wartete geradezu auf die Einladung, mit Kind und
Kegel und Personenschutz außer Landes gebracht zu werden. Würde er fliehen,
hätten sie freie Bahn.
Die Einladung ließ nicht lange auf sich warten. »Um den Preis des Rücktritts
steht eine DC-6 der Luftwaffe bereit, die Sie in ein Land Ihrer Wahl bringen
wird«, schallte es aus dem Telefonhörer.
Wut packte ihn. Diese Hundesöhne setzten ihn wirklich gleich mit den Diktatoren
seines Kontinents, die um ihr eigenes schäbiges Leben winselten, wenn es brenzlig
wurde. Er triumphierte geradezu, als er in den Hörer schrie: »Scheißverräter,
die ihr seid, steckt euch euer Flugzeug in den Arsch, ihr sprecht mit dem
Präsidenten der Republik. Und ein Präsident, vom Volk gewählt, ergibt sich
nicht.« Er schmiß den Hörer mit solcher Wucht auf, daß das Telefon zerschmetterte.
Nach kurzem Schweigen hub er zu seinen Freunden gewandt erneut an. »Sie werden
bombardieren, sie werden uns ausräuchern.« Er sah ihnen in die Augen. Nur
seine Angelegenheit war das noch. Sie wollten ihn, sie würden ihn nicht bekommen.
Es war inzwischen fast halb zehn, und er wußte, seine Zeit war kurz. Die Moneda
war umzingelt, Kampfflugzeuge rasten im Tiefflug über den Platz. Er mußte
noch einmal zu seinem Volk sprechen. Seine Zukunft war dahin, aber sie würden
leben. Sie würden leiden müssen. Er hatte seine Mission nicht erfüllen können.
Er fand noch eine Radiostation auf Sendung.
»Meine Freunde, dies wird das letzte Mal sein, daß ich zu euch sprechen kann.
(...) Dies sind nicht Worte der Bitternis, dies sind Worte moralischer Anklage
gegen die, die noch gestern Treue geschworen haben. (...) Vor allem möchte
ich euch sagen: Ich werde nicht abdanken. In eine Zeit großen historischen Umbruchs
gestellt, werde ich mit dem Leben für die Treue des Volkes bezahlen. (...)
Ich möchte euch danken für eure Treue, für das Vertrauen, das ihr in einen
Mann gelegt habt, der nichts weiter war als ein Vollstrecker der großen Sehnsucht
nach Gerechtigkeit. Der versprach, Verfassung und Gesetz zu achten und dies
getan hat.«
Und er hörte sich auch sagen: »In diesem für alle Zeiten letzten Moment, daß
ich zu euch sprechen kann, möchte ich auch, daß ihr diese Lektion in euch
aufnehmt: Das Kapital, die vereinte Reaktion haben das Klima geschaffen, in
dem die bewaffneten Streitkräfte mit ihrer Tradition gebrochen haben. Jetzt
sitzen dieselben, die unsere Mitstreiter ermorden ließen, in ihren Häusern
und warten, daß ihnen die Macht über Reichtum und Privilegien zurückgebracht
wird.« Er spürte, das war die Lektion des heutigen Tages für ihn selbst. Den
Treuebruch der ganzen Armee hatte er sich in schwärzesten Träumen nicht vorstellen
können. Jetzt wußte er, den momios ist keine Verfassung und kein Schwur heilig,
wenn es um Besitztum geht. Er selbst konnte mit dieser Erkenntnis nichts
mehr anfangen. Er war erstaunt und erleichtert, daß ihm diese Worte über
die Lippen gekommen waren.
»Ich glaube ehrlich, daß mein Opfer nicht umsonst gewesen sein wird, und wenn
es nur ein Lehrstück von Moral gegen Treuebruch, Feigheit und Verrat ist«,
waren die allerletzten Worte, die zu seinem Volk gelangen konnten.
Kurze Zeit später war auch dieser letzte Sendeturm der Regierung zerbombt.
Es blieb später am Tag auch keine Zeit mehr für weitere Reflexionen.
Er sah seine Freunde um sich versammelt. Sie hatten sich erhoben, noch während
er sprach. Ein Prophet sprach so, sie blieben stumm.
Der Präsident hatte die Palastwache und alle, die nicht kämpfen konnten oder
wollten, angewiesen, die Moneda zu verlassen. Kaum waren die draußen, begann
der Beschuß. Panzer feuerten, Maschinengewehre ratterten. Die Außenmauern
bekamen Löcher, Fensterscheiben zersplitterten, Stuck zerfiel zu Staub, Teppiche
brannten.
Die Lebenszeit wurde kurz. »Ich bitte euch, unsere Schicksale nicht weiter
aneinander zu koppeln. Wir sind einen guten Weg zusammen gegangen, meine Bestimmung
ist es, den Weg in die Zukunft zu verlassen, euch zu verlassen. Versucht
in euch die Kraft zu finden, zu leben mit unserer Niederlage. Dies ist eine
Niederlage, aus der Siege erwachsen. Eine Feuerpause ist ausgehandelt. Geht
rasch, versucht in Würde zu überleben. Erzählt draußen, was hier los war«.
Er war erleichtert, als er sie, seine treuen weiblichen Mitstreiter und seine
Töchter, durch den Nebenausgang die Moneda verlassen sah. Wenigstens sie
würden nicht in diesem Inferno sterben. Sie werden leben.
Fast fröhlich befahl er: »Her mit der Henkersmahlzeit. Wer grillt Hühnchen
aus des Präsidenten Küche?« Ruhe war plötzlich eingetreten, der Beschuß hatte
merklich nachgelassen und durch die Brandschwaden drang die Bitte zu der Handvoll
Getreuen. Einer von ihnen machte sich auf den Weg in die Küche, derselbe,
dem der übermenschliche Treuebeweis noch bevorstand. Der Präsident sah es
wohl.
Das war die Gemeinschaft, in der er die Jahre seiner Regentschaft immer er
selbst sein konnte, aus der sich auszugrenzen weder Wunsch noch Chance bestand.
Sie hatten gemeinsam den Jubel des Sieges erlebt, sie haßten das Elend ihres
Landes, hatten gemeinsame Freunde verloren durch Verrat und Mord, hatten den
Glanz stilvoller Hofführung genossen. Gemeinsam hatten sie die Last immer
neuer Kompromisse getragen.
Dies nun war das Ende. »Sie gehen mit mir bis zum Ende und dann sind sie frei«,
dachte er. Niemals würde er sich ergeben, niemals das fiese Fluchtangebot
annehmen. Er fühlte sich leicht im Kreis seiner jungen Leute, seiner persönlichen
Garde und seiner Ärzte.
Die erste Luftrakete schlägt ein, es ist kurz vor zwölf. Die Stille vor dem
Sturm ist beendet. Sie hatten draußen lediglich ihre Söldner vor dem Bombardement
zurückgezogen. Einschlag auf Einschlag. Mauer um Mauer klappen zusammen, Feuer
und Staub. Das Atmen wird schwer. Tränen, Husten, Blut.
»Was sollen wir tun, presidente?« Noch einmal gelingt es ihm, für drei weitere
Gefährten freies Geleit aus der Moneda zu bewirken.
Kaum sind sie draußen, setzt der Beschuß wieder ein. Nun feuern sie auch Tränengas
in die Ruine. Die Getreuen gleichen Gespenstern, blasse und rußbeschmierte
Gestalten mit Taschentüchern vor Mund und Nase. Gasmasken sind nur wenige
vorhanden. Im Dunkel der wabernden Masse aus flammendurchwirktem Staub entdeckt
der Präsident einen geliebten Freund tot in einer Lache von Blut.
Es ist ein Gebot, das Schicksal seiner Gefährten endgültig von dem eigenen
Schicksal abzukoppeln. Es gibt keine Hoffnung mehr. Sie wissen es alle, sie
weichen nicht von seiner Seite, als seien sie verschmolzen in diesem Tiegel
des Infernos. Er kann sie nicht gebrauchen in seinem weiteren Plan, er muß
sie loswerden. Er greift zu einer List, die sie ihm verzeihen würden. Er verschafft
sich Gehör im sich nähernden Gewehrfeuer der stürmenden Söldner und im Lärm
der zusammenstürzenden Gebäudemauern.
»Wir werden uns ergeben. Wir verlassen die Moneda einer nach dem andern, bildet
eine Schlange und laßt die Waffen hier. Als erste geht unsere Freundin«, ordnet
er mit fester Stimme an.
Wie vermutet, kann er nicht alle überzeugen. Während sich zögerlich die Reihe
der Geschlagenen formiert, bleiben die Augen anderer aufmerksam auf ihn gerichtet.
Die loszuwerden wird schwer. Er öffnet sein Jackett und zieht unter dem Pullover
ein Schriftstück hervor, das er zusammenrollt.
»Bitte übergebt diese Rolle unserer Freundin da vorn. Es ist die Unabhängigkeitserklärung
Chiles. Sie darf nicht vernichtet werden. Sie muß diesen Tag überdauern. Seit
dem Morgen schon trage ich das fast hundertfünfzig Jahre alte Papier mit
mir. Diese Urkunde, die unsere Unabhängigkeit besiegelt, muß erhalten bleiben.
Gebt sie unserer Freundin. Frauen haben eine größere Chance, vielleicht werden
die Barbaren wenigstens die Frau schonen«, bittet er die Getreuen, denen
er den Unglauben an die Kapitulation angesehen hatte. Die Rechnung geht auf.
Die Freunde gehen zur getreuen Mitstreiterin, die sich versteckt gehalten
hatte heute vormittag, als er die Frauen zum Verlassen der Moneda genötigt
hatte. So gehen sie aus dieser vergifteten Hölle, an die Dreißig der Getreuen,
geschlagen und ausgebrannt und fast erstickt. Es ist gegen zwei am Nachmittag.
Einem nur kann er das Ende nicht ersparen. Dem, der die Henkersmahlzeit gerichtet
hatte am Morgen und der wie ein Schatten um den Präsidenten war den ganzen
Tag. Auch jetzt steht der direkt hinter seiner linken Schulter.
»Komm mit«, hört der den Präsidenten mit leiser Stimme in seine Richtung befehlen,
»der Präsident wird sich nicht ergeben, er wird in seinem Amtsstuhl mit den
Wahrzeichen der Macht sterben. Diese Blutschuld wird an den Verräterhänden
kleben bleiben bis in alle Ewigkeit«.
Sie gehen rasch. Wortlos erreichen sie den Salon der Unabhängigkeit. Der Lärm
der wild um sich schießenden Söldner ist sehr nah, die stürmen bereits die
breite Treppe. Schnell ist der prachtvolle Sessel des Präsidenten von Splittern,
Ruß und Stuckresten gesäubert. Der Freund schiebt ihn in die Mitte, dorthin,
von wo aus früher die Amtsgeschäfte erledigt wurden, und findet in dem Chaos
der Verwüstung die Schärpe des Präsidenten. »Mein bester Freund, wenn es
nicht gelingt, versetz mir den letzten Stoß, sie sollen mich nicht lebend
haben.«
Es gelang.
Der Freund verläßt den Saal im Taumel, überfordert von Kugelhagel, Kanonenschlägen
und Feuersbrunst. Er reiht sich ein in die Schlange der Geschlagenen, geht
mit ihnen hinunter und hört es hinter sich schreien: »Der Präsident ist tot!«.
Der Freund findet sich langgestreckt auf der Straße am Rinnstein des Dienstausgangs
des Präsidentenpalastes neben den anderen Verlierern. Die Sieger über sich,
die ihre neue Macht grausam auskosten. Er hört noch den erschreckten Ruf der
Frau: »Nicht doch, nicht zerreißen, das ist die Unabhängigkeitserklärung Chiles!«
Er hebt den Kopf und sieht Papierschnipsel in dem kalten Septemberwind davon
wirbeln.
Er wird nie reden über seinen letzten Moment mit dem Präsidenten. Er glaubt
nicht an Himmelfahrt und Rückkehr des Propheten. Aber er kann sich nicht trennen
von dieser Erde, schlägt Fluchtpläne der Seinen aus. Aller Menschenlogik zum
Trotz meldet er sich pünktlich in der Sammelstelle für das Konzentrationslager.
Flucht vor allen, Qual in der Einsamkeit.
***
Am 9. September 2003 zitierte die
Nachrichtenagentur AFP den früheren Sicherheitsberater und US-Außenminister
unter Präsident Richard Nixon Henry Kissinger mit den Worten: »Das chilenische
Militär rettete Chile vor einem totalitären Regime und die Vereinigten Staaten
vor einem Feind.«
Pablo Neruda:
NOCH EINMAL WARNE ICH
Dies ist das Zeichen der Gefahr:
Ich läute dem sieghaften Volk die Sturmglocken.
Wir müssen die Kraft und das Gewissen verbinden:
Chile ist eine Schlacht um die Existenz
eine Schlacht für die Ehre und für die Liebe.