Religionen und religiöse Feste
Wie schon erwähnt, kann die ethnische Zugehörigkeit eines Mauritianers zwar
Rückschlüsse auf seine Religion erlauben, aber nicht in dem Sinn, daß
unbedingt jeder Inder Hindu und jeder Kreole Katholik ist. Tatsächlich sind in
diesem kleinen Inselstaat mit seinen 1 856 Quadratkilometern alle Weltreligionen
vertreten, und wenn das Schlagwort vom "most cosmopolitan island in the
sun" gilt, dann auch und gerade auf religiösem Gebiet!
Die Bevölkerung, die ja europäischer, afrikanischer, madagassischer oder
asiatischer Herkunft ist, ist gläubig im tiefen und wahren Wortsinn, aber nicht
so fanatisch, daß sie ablehnend dem jeweils Andersgläubigen gegenüberstünde
oder gar in gewaltsamen Ausbrüchen dessen Religion bekämpfte. Es zeugt von
Toleranz und kultureller Reife der Mauritianer, daß das Land zeit seines
Bestehens ohne Glaubenskämpfe und Pogrome existieren durfte und daß Einheimische
wie Besucher Moscheen neben katholischen Kirchen, chinesische Pagoden neben
anglikanischen Gotteshäusern, tamilische Kovile neben hinduistischen Shivalas
sehen und besuchen können. Wer an hochgelegenen Punkten in Stadtnähe etwa auf
dem Fort Adelaide in Port Louis oder dem Vulkankrater Trou aux Cerfs in Curepipe
- steht, kann die Vielfalt der Tempel und Gotteshäuser mit einem einzigen
Rundblick erfassen. Aber nicht nur die grossen Baudenkmäler sind hier gemeint,
sondern auch die vielen Gebetshäuser und Votivnischen am Wegesrand, die
religiösen Bilder, Statuen, Fahnen usw. in und vor den Häusern, die heiligen
Seen und andere natürliche Orte mit religiöser Bedeutung.
Unter den Gläubigen stellen die Hindus mit etwa 50 % die
absolute Mehrheit, und folglich wird man im Land hinduistischen Tempeln und
hinduistischen Festen besonders häufig begegnen können. Der Hinduismus ist
weniger von festen Dogmen und Riten geprägt als etwa das Christentum, oder der
Islam und hat sich stets eine große integrative Kraft bewahrt. Obwohl er so
vergleichsweise tolerant auch den anderen Weltreligionen gegenübertritt und
versucht, deren Lehren und Gottesvorstellungen zu verstehen und mit der eigenen
Auffassung in Einklang zu bringen, kennt er doch bestimmte Grundsätze und
Göttergestalten, die unwandelbar sind. Dazu gehört z.B. die Lehre von der
Seelenwanderung und
mythologische
Erzählungen von den Göttern Shiva, Vishnu und vielen anderen. Da der Mensch
immer wiedergeboren wird, seine Leistungen und seine moralische Integrität aber
darüber entscheidet, wie , d.h. in welcher Kaste er auf die Erde zurückkehrt,
ist das Verhältnis von Schuld und Sühne für das religiöse Leben der Hindus
von ausschlaggebender Wichtigkeit - für dieses wie für dag nachfolgende Leben.
Daher die vielen, für europäische Augen manchmal schockierenden Rituale, in
denen ein schuldbeladener Gläubiger versucht, mittels physischer Qualen seine
Schuld abzutragen. Da gibt es tage- und wochenlange Fastenzeiten, das Laufen
über glühende Kohlen, das Besteigen von Leitern, deren Sprossen aus Säbeln
bestehen, das Behängen des Körpers mit in die Haut gestochenen Gewichten, das
Gehen in vernagelten Sandalen, das Durchstoßen von Wangen und Zunge mit kleinen
Spießen und anderes mehr. Auch die rituellen Waschungen in geheiligten Wassern
sind charakteristisch für die hinduistische Volksfrömmigkeit und werden in grossartigen
Prozessionen und Festen zusammen begangen.

Die bedeutendsten Hindu- bzw. Tamilenfeste sind das Divali Teemeedee, Cavadee
und Maha Shivaratree. Hindutempel sieht man überall auf der Insel, die
prächtigsten sind vielleicht die Sakralbauten von Triolet (Shivala - Tempel),
Port Louis (Tamilen-Tempel Sockalingum Ammen), Goodlands, Grand Baie und
Malheureux, aber auch die vielen kleineren und größeren Heiligtümer am Grand
Bassin, dem heiligen See im Landesinneren, verdienen Beachtung. Einen Besuch
lohnen sowohl die öffentlich begangenen Feste als auch die farbenfrohen Tempel,
in denen man sich in Ruhe und unter ortskundiger Leitung in die Mythologie des
Hinduismus vertiefen kann.
Die Christen stellen mit etwa 31 % der Gläubigen die zweitstärkste religiöse
Gruppe, wovon die überwiegende Mehrheit römisch-katholischen Bekenntnisses
ist. In der französischen Zeit war es selbstverständlich, daß die
afrikanischen und madagassischen Sklaven ihren Naturreligionen abschwören und
zum Katholizismus übertreten mußten; solchermaßen zwangschristianisiert
durften sie aber unter den Engländern ihren (neuen) Glauben behalten und
mußten nicht zur anglikanischen Kirche übertreten. Neben Franko-Mauritianern
und Kreolen überrascht der hohe Anteil an chinesischen Katholiken. Dieser
erklärt sich aus den häufigen chinesisch-kreolischen Mischehen, die aufgrund
des Frauenmangels der chinesischen Kaufleute zustande kamen, und ist also
durchweg freiwilligen Ursprungs. Die christlichen Feste wie Weihnachten, Ostern
usw. werden auf Mauritius mit der dem Land eigenen Inbrunst begangen; besonders
hervorzuheben aber ist die Fronleichnamsprozession in Port Louis und die alljährliche
Wallfahrt zur Kirche des heiligen Priesters Jacques Desiree Laval in St. Croix.
Christliche Sakralbauten findet man ebenfalls über die ganze Insel
verstreut, sei es als idyllische kleine Gebetshäuser wie in Chamarel, oder sei
es als große Gotteshäuser wie in Curepipe oder Mahebourg. Die
römisch-katholische Hauptkirche ist die Kathedrale St. Louis in der Hauptstadt.
Nur wenige Mauritianer bekennen sich zum Protestantismus, davon die meisten -
historisches Erbe der Engländer - zur anglikanischen Kirche. Ihre Kathedrale
St. James befindet sich in Port Louis, nicht weit von der katholischen
Bischofskirche entfernt.
Die etwa 16 % Moslems des Landes sind überwiegend indischer oder
pakistanischer Herkunft, von wo sie ihren Glauben bei der Emigration nach
Mauritius mitbrachten. Der monotheistische Islam lebt von der genauen Einhaltung
bestimmter Regeln, den fünf Prinzipien (Gottesbekenntnis, Almosengeben,
Pilgerfahrt nach Mekka, tägliche Gebete, Fasten) und der Abstinenz von Alkohol,
Schweinefleisch und Glücksspielen. Dies ist in Mauritius nicht anders als in
jedem islamischen Land, wenn hier auch der Kontakt mit den anderen Religionen
die Toleranz der Moslems in größerem Maße gefördert hat. Die moslemischen
Feiertage beziehen sich auf den Jahresanfang (Moharram), das Ende des Fastenmonats
Ramadan (Eid EI Fitr), das Opfer des Abraham (Eid EI Adha) und den Geburts- und
Todestag Mohammeds (Yaum-Un-Nabi).

Nicht alle, aber doch über 90 % der Moslems sind Sunniten, daneben gibt es
etwa gleich viele schiitische Gläubige und Anhänger der Ahmadeyyas-Sekte.
Koranschulen und Moscheen (insgesamt etwa 100) befinden sich in jedem Ort, oft
allerdings in unscheinbaren Gebäuden oder gar Wellblechhütten untergebracht
und nur an Halbmond-Symbolen und den grünen Fähnchen zu erkennen.
Demgegenüber ist die Hauptmoschee in Port Louis (Jummah-Moschee) mit
verschwenderischer Pracht ausgestattet.
Während viele Chinesen zum römisch-katholischem Glauben übergetreten sind,
haben sich andere doch ihren buddhistischen Glauben bewahrt. In dessen
pantheistischer Welt wimmelt es von Göttern sowie bösen und guten Geistern.
Mit Magie, Beschwörungen und Opfergaben an Buddha versuchen die chinesischen
Gläubigen, ihr Leben mit dem Kosmos in Übereinstimmung zu bringen und böse
Dämonen abzuwehren. Dies geschieht z.T. in sehr farbenprächtigen und
aufwendigen Festen (Chinesisches
Neujahrsfest, Laternenfest), die oft über die relativ geringe Zahl der
Gläubigen (weniger als 3 %) hinwegtäuschen. Auch die buddhistischen Tempel,
die Pagoden, sind dementsprechend weniger präsent - das schönste Beispiel
dieser Sakralbauwerke ist in der Thien Thane Pagode in Port Louis zu sehen.
Neben den Stränden, der Landschaft, der Flora und Fauna sowie der ethnischen
Vielfalt der Insel können die religiösen Riten, besonders die aufwendig
gefeierten Feste als Hauptanziehungspunkt von Mauritius gelten. Für alle
Mauritianer haben die Feste ihre Bedeutung und werden gemeinsam begangen - wenn
nicht als Gläubige in unmittelbarer Beteiligung, so doch durch die
arbeitsfreien Tage, von denen es nicht weniger als 21 gibt! Oft geschieht es
dann auch, daß ein an sich wesensfremdes Fest übernommen wird, etwa
Weihnachten bei Moslems, Hindus und Buddhisten. Gerade die Hauptfeiertage des
Christentums sind auch zu einem festen Programmpunkt der internationalen Hotels
geworden, wenngleich Schneedekorationen und "White-Christmas"-Lieder
unter tropischer Sonne immer ein wenig deplaziert wirken. Um am religiösen
Leben der Mauritianer teilzuhaben, sollte man sich jedoch nicht scheuen, neben
Kirchen, Moscheen, Tempeln und Pagoden auch deren Feierlichkeiten zu besuchen,
wenn man gerade in der entsprechenden Zeit im Land ist. Natürlich sind das
keine Attraktionen im üblieben touristischen Sinn, und Behutsamkeit und
Achtung, sowieso eine Grundregel beim Umgang mit fremden Kulturen, ist dabei
unerläßlich. Gerade die hinduistischen Büßer-Rituale, so exotisch und
farbenfroh sie sein mögen, dürfen nicht als folkloristische Darbietung missverstanden
werden. Trotzdem werden Sie in den seltensten Fällen auf Ablehnung stoßen,
wenn Sie - respektvolles Benehmen vorausgesetzt - das Schauspiel auch mit der
Kamera festhalten wollen.