DOKUMENTARISCHES THEATER DER 60ER JAHRE
von Jürgen NECKAM

Peter Weiss: "Die Ermittlung"

Peter Weiss wird 1916 in Berlin geboren. Da sein Vater ein zum Christentum übergetretener Jude ist, muss die Familie 1933 Deutschland verlassen und geht zunächst nach England. Weiss beginnt dort seine graphische Ausbildung und wird bis in die 50er Jahre hinein hauptberuflich als Maler, Grafiker und Filmemacher tätig sein. 1936 verlässt Weiss England, um nach Prag zu gehen. Dort studiert er an der Kunstakademie bis zur Besetzung des Sudetenlandes. Die Familie flieht nach Stockholm, Weiss geht vorübegehend in die Schweiz, wo er Hermann Hesse kennenlernt, der Weiss unterstützt, in dem er ihm den Auftrag gibt, für Freunde illustrierte Handschriften einiger seiner Erzählungen und Märchenherzustellen. Hermann Hesses Werke gehören auch zu denen, die Weiss nach eigenen Angaben beeinflusst haben, neben den Büchern von Kafka, Henry Miller, Jean Paul Sartre, Bertolt Brecht und Hans Henny Jahnn.



Ab 1939 lebt Weiss fast ständig in Stockholm. 1946 erhält er die schwedische Staatsbürgerschaft. Weiss beginnt in den 40er Jahren zu schreiben, zunächst in schwedischer Sprache. Dies ändert sich zu Beginn der 50er Jahre. 1952 schreibt er das Buch, das 8 Jahre später als sein erstes veröffentlicht wird : «Der Schatten des Körpers des Kutschers». In den folgenden Jahren erscheinen seine autobiographischen Prosawerke «Abschied von den Eltern» und «Fluchtpunkte». 1964 findet die Uraufführung seines ersten langen Stücks statt : "Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" in Berlin. Das Stück wird ein großer Erfolg, 1967 wird es in der Regie des berühmten Theaterregisseurs Peter Brook verfilmt. 1965 findet die Uraufführung von «Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen» statt, zeitgleich von 15 Theatern in West- und Ost-Deutschland und in London. Weiss spendet die Einnahmen des Stücks den Opfern von Auschwitz und den Opfern des Apartheid-Regimes in Südafrika.

1968 folgt die Uraufführung von "Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Vietnam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten". Zwei Jahre später wird sein Stück «Trotzki im Exil» erstmals gezeigt. Das Stück ist ein Misserfolg, Weiss wird u. a. in der DDR dafür stark attackiert. Nach der ersten Inszenierung zieht Weiss das Stück zurück, um es neu zu bearbeiten, was aber nicht mehr geschieht. Den größten Teil der 70er Jahre verbringt Weiss mit der Niederschrift der Romantrilogie «Ästhetik des Widerstandes», einem Werk, das die Geschichte des politischen Widerstandes von 1917 bis 1945 darstellt. Dabei zeichnet Weiss ein Gesamtbild der europäischen Linken. Ein Jahr nach der Veröffentlichung des dritten Bandes stirbt Weiss 1982 in Stockholm.

Weiss war Mitglied der kommunistischen Partei Schwedens und hat Zeit seines Lebens linke Positionen vertreten, ohne dogmatisch zu sein. Über sein Verhältnis zum Marxismus sagte Weiss:

Indem die marxistische Gesellschaftswissenschaft bei mir eine solche Rolle zu spielen begann, begann auch die Notwendigkeit, der ständigen Kritik, die ja zum Marxismus gehört; denn ohne das kritische Bewußtsein ist der Marxismus leblos.

Die Folge dieses kritischen Bewusstseins war für Weiss allerdings, dass er sich oft zwischen die Stühle setzte : angegriffen sowohl von denen, die eher rechts standen, aber auch von der Linken, besonders der Führung der DDR, die ihn als zu abweichend von der Parteilinie einschätzte.

Kunst und Kultur waren für Weiss unverzichtbare Werte, auch wenn es darum geht, die Politik zu verändern, denn nur wer sich ausdrücken und dzulernen und reflektieren kann, hat auch die Möglichkeit, einzugreifen:

Und deshalb immer wieder: du mußt lesen, du mußt dich bilden, du mußt dich auseinandersetzen mit den Dingen, die auf dich zukommen,du mußt Stellung ergreifen, du darfst nicht sitzen und alles nur auf dich zukommen lassen, du darfst dich vor allen Dingen nicht dem Gedanken hingeben, daß Mächtige über dir sind, die doch alles bestimmen.



Weiss 1938

Das vielleicht bekannteste Werk von Weiss, das Theaterstück «Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen», wurde 1965 uraufgeführt. Es war das Resultat von Zeugenaussagen des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, der von 1963 bis 1965 stattfand. Prozesse dieser Art gab es mehrere, angefangen mit dem Nürnberger Prozess, der 1945 begann , dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem bis zum Treblinka-Prozess Mitte der 60er Jahre in Düsseldorf. Weiss hat die Aussagen vor Gericht sehr stark komprimiert. Insgesamt treten im Stück 18 Angeklagte auf, daneben 9 verschiedene Zeugen. Das Gerichtspersonal wurde auf einen Richter, einen Ankläger und einen Verteidiger beschränkt.

Das Stück ist in 11 Gesänge unterteilt :

1 Gesang von der Rampe

2 Gesang vom Lager

3 Gesang von der Schaukel

4 Gesang von der Möglichkeit des Überlebens

5 Gesang vom Ende der Lili Tofler

6 Gesang vom Unterscharführer stark

7 Gesang von der Schwarzen Wand

8 Gesang vom Phenol

9 Gesang vom Bunkerblock

10 Gesang vom Zyklon B

11 Gesang von den Feueröfen

Im Mittelpunkt von «Gesang von der Schaukel» steht ein Folterinstrument, genannt die Schaukel, an dem die Opfer auf eine Stange gehängt und misshandelt wurden. Die Schwarze Wand war eine Wand im Lager, vor der die Opfer erschossen wurden. Phenol wurde benutzt, um die Insassen des KZs per injektion ins Herz zu töten. Zyklon B ist das Mittel, das bei der Ermordung durch Gas eingesetzt wurde. Zyklon B ist fester Gestalt, beginnt sich aber ab einer Raumtemperatur von 27 Grad aufzulösen. Es bewirkt eine Lähmung der Atmung. Zyklon B wurde auch zur Desinfizierung von Kleidung eingesetzt, ehe es zur industriellen Ermordung der KZ-Insassen angewandt wurde.Die Nationalsozialisten haben längere Zeit nach der idealen Methode gesucht, um möglichst schnell möglichst viele Menschen zu können. Die Kosten für die Ermordung von 2000 Menschen beliefen sich mit der Verwendung von Zyklon B auf 40 Reichsmark.

Die elf Gesänge des Stücks sind wiederum in drei Teile geteilt (I – III). Der Grund für diese Aufteilung liegt in der Dreiteilung eines anderen literarischen Werks, das so Einfluss auf «Die Ermittlung» erhielt : «Die Göttliche Komödie» von Dante. Dantes Werk ist in die Teile «Inferno», «Fegefeuer» und «Paradies» gespalten, es zeigt den Aufstieg eines Menschen von den tiefsten Tiefen der Hölle bis ins Paradies zu Gott. Jürgen Schröder über diesen Zusammenhang:

Die "Hölle" bei Weiss ist die unveränderbare, einsichtslose Welt der Herrschenden, der Unterdrücker und Verbrecher; das "Fegefeuer" mit seiner Möglichkeit für die Unterdrückten, "das Reich ihrer Aussauger zu untergraben", bedeutet schon den "Schritt von der Versteinerung zur Vernunft", und das "Paradies" ist vorerst nur die leere Welt der Opfer, der Leidenden und ihrer wenigen Zeugen, die hier und heute auf ihre Befreiung warten.

 

"Die Ermittlung" ist geprägt von einer sehr nüchternen Darstellung des Auschwitz-Prozesses.Weiss verwendet keinerlei dichterisch zurechtgeformte Sprache, er enthält sich jeglicher eigenen Meinung, selbst der Aufbau der einzelnen Szenen ist nahezu unkünstlerisch sachlich. Dass Weiss derart emotionslos an das Thema herangeht, ist umso erstaunlicher, als Weiss sich immer bewusst war, Auschwitz nur durch seine Flucht ins Exil entgangen zu sein. So schrieb Weiss einen Text über Auschwitz mit dem Titel "Meine Ortschaft", eine Ortschaft, für die er bestimmt war.

Die einzige künstlerische Freiheit, die Weiss noch blieb, war die Auswahl der Textpassagen aus den Gerichtsakten und ihre Anordnung. Weiss:

Von all dem kann auf der Bühne nur ein Konzentrat der Aussage übrigbleiben.

Dieses Konzentrat soll nichts anderes enthalten als Fakten, wie sie bei der Gerichtsverhandlung zur Sprache kamen.Die persönlichen Erlebnisse und Konfrontationen müssen einer Anonymität weichen.

Eine Differenzierung nimmt Weiss nur zwischen Angeklagten und Zeugen vor. Die Zeugen, ehemalige Opfer, bleiben anonym, weil sie durch die unmenschliche Behandlung im Krieg ihre Persönlichkeit und ihre Namen verloren hatten. Die Angeklagten, die ehemals für das Funktionieren des Lagers zuständig waren, behalten ihre Namen, da sie diese auch im Zweiten Weltkrieg trugen. Weiss weist so daraufhin, dass in den Angeklagten kein Bruch der Persönlichkeit vollzogen wurde, weder durch äußere Gewalt, noch durch ein späteres Reflektieren ihrer Handlungen. Die Verteidigung der Angeklagten bringt die immer gleichen Argumente hervor: Unvermögen, sich zu erinnern; Abstreiten der Anklage; Hinweisen auf den Zwang, Befehle ausführen zu müssen; die Verjährung der Anklagepunkte.

Obwohl das Stück einen Prozess nachspielt, geht es Weiss nicht um die Anklage der einzelnen Täter. Generell wird das Individuelle aus dem Stück herausgestrichen. Nur in einem Gesang ("Gesang vom Ende der Lili Tofler") dreht es sich um ein individuelles Schicksal.Auch de Aufbau des Stücks ist unpersönlich. Er zieht hauptsächlich den industriellen Weg nach, den die Opfer von der Ankunft ("Gesang von der Rampe") über ihre Misshandlung (z. B. "Gesang von der Schaukel") bis hin zu ihrem Ende ("Gesang vom Zyklon B" und "Gesang von den Feueröfen") beschreiten mussten. Betont wird diese nicht-individuelle Element durch die im Stck vorkommenden Zahlen der Opfer, die in die Hunderttausende gehen.

Weiss, der den Auschwitz-Prozess als Beobachter miterlebt hat, sagt über die für ihn daraus resultierenden wichtigen Fragen:

Wie funktionieren diese Menschen, was sind das für Triebkräfte, die sie dazu gebracht haben? Oder sind es überhaupt Triebkräfte, sind es nicht rein gesellschaftliche Zusammenhänge die sie in eine ganz bestimmte Art des Handelns hineingepreßt haben? Und wie hätte ich mich selbst verhalten, wenn ich nicht ins Exil gekommen wäre (...) Wäre ich fähig gewesen zu diesen Verbrechen? (...) Ich glaube nach meinen Erfahrungen, daß ich nicht zum Mörder und Folterknecht hätte werden können, weil meine ganze Entwicklung mich in eine andere Richtung führte.(...) und ich habe gelernt, wie viele andere auch, das, was mir an die Existenz will, zu bekämpfen. Da muß man kraß unterscheiden: wer stellt sich dagegen, wer läßt sich fangen. (...) Wer wird ausgebeutet und wer ist derjenige, der zum Ausbeuter wird? Das sind immer Dinge, die man sowohl psychologisch als auch gesellschaftskritisch erklären kann. Aber man muß eine Entscheidung treffen, man muß sie selbst treffen; wie auch Sartre sein ganzes Werk auf der Notwendigkeit aufbaut, sich zu entscheiden, auf der Notwenigkeit, eine Partei zu ergreifen, Stellung zu beziehen und gegen das zu kämpfen, was einem an den Hals will, selbst dann, wenn es aussichtslos erscheint.

Trotz dieser Aussage urteilt Weiss im "Die Ermittlung" nicht. Symptomatisch dafür ist auch, dass das Stück ein offenes Ende hat, es endet im Gegensatz zu einem anderen Prozess-Drama, Kipphardts "In der Sache J. Robert Oppenheimer", nicht mit einem Urteil. Weiss lässt nur die Aussagen und damit die Fakten für sich sprechen.Damit zusammenhängend stellt Heinz Ludwig Arnold fest, dass im Werk von Weiss die übliche Psychologisierung der Figuren fast völlig fehlt. Es werden keine inneren Gründe und Motive für das Verhalten einer Figur geliefert. Die Fakten verdrängen das, was im Inneren des Menschen passiert, aber nicht objektiv benannt oder gewertet werden kann, fast gänzlich.

In dieser Abwesenheit des Psychologischen, Irrationalen liegt auch der Grund für Weiss, Dokumentartheater zu schreiben. Jürgen Schröder deutet darauf hin, dass zu dieser Angst vor dem Irrationalen der Welt auch noch die Angst kommt, ein Opfer der modernen Massenmedien zu werden, ein Opfer der Bewusstseinsmanipulation und damit der Manipulationen der Machthabenden. Schröder über Weiss:

Sein Theater sollte deshalb kritische Gegenöffentlichkeit schaffen und politische Aufklärung betreiben, komplizierte Geschichte in ihren einfachen Zusammenhängen durchschaubar machen.

Weiss selbst zum Zweck des dukumentarischen Theaters:

Deshalb wendet sich das dokumentarische Theater gegen die Dramatik, die ihre eigene Verzweiflung und Wut zum Hauptthema hat, und festhält an der Konzeption einer ausweglosen und absurden Welt. Das dokumentarische Theater tritt ein für die Alternative, daß die Wirklichkeit, so undurchschaubar sie sich auch macht, in jeder Einzelheit erklärt werden kann.

Dokumentarisches Theater zu machen bedeutet für Weiss also in erster Linie, die Welt zu erklären. Das psychologische Element muss deshalb fast gänzlich wggelassen werden, da es immer einen Rest Unerklärbares mit sich bringt. Wichtig ist die Erklärung der Welt, die Analyse. Aufgrund der Resultate der Analyse kann dann entschieden, was warum wie funktioniert hat, und welche Entscheidung jetzt zu treffen ist.

Das dokumentarische Element wird Weiss auch in seinen späteren Stücken beibehalten. Aber er gibt schließlich die Neutralität auf, die er in "Die Ermittlung" noch besessen hat. Die Stücke von Weiss werden in der Folge zunehmend politischer: der "Vietnam-Diskurs", "Trotzki im Exil", "Hölderlin", worin der Dichter als gescheiterter Revolutionär zu sehen ist. Immer stärker tritt ein Thema hervor, das in "Die Ermittlung" völlig fehlt: die Revolution. Die großen Erfolge von "Marat/Sade" und "Die Ermittlung" kann Weiss nicht mehr wiederholen.

Heute wird Weiss nur noch selten bis gar nicht gespielt. Einer der Gründe könnte sein, dass z. B. "Die Ermittlung" als Theaterstück äußerst publikumsunfreundlich ist, insofern es keine durchgängige Handlung bietet, keine individuellen Charaktere, keine Geschichten, keine Psychologie. Die starre Verwendung von nichts anderem als Fakten macht das Stück zwar unangreifbar, was den Inhalt betrifft, aber eine Aneinanderreihung von nur erzählten, nicht gezeigten Fakten ist schwer zu inszenieren und noch schwerer an das Publikum zu verkaufen. Im Falle von "Die Ermittlung" kommt hinzu, dass es seit einiger Zeit eine Unmenge an Literatur, Dokumentationen und Filmen in Zusammenhang mit dem Dritten Reich und seinen Opfern gibt, als Höhepunkt dieser Welle ist sicher "Schindlers Liste" von Steven Spielberg zu betrachten. Diese Unmenge hat auch einige umstrittene Werke hervorgebracht, z. B. Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker", das die These vertritt, die Bevölkerung des Dritten Reiches habe durchaus große Sympathien für die Ermordung der Juden gehabt. Auch ein peinlicher Fall war darunter: so erschienen vor wenigen Jahren die vermeintlichen Erinnerungen eines französischen Judens, der noch im Kleinkindalter in Auschwitz gewesen war. Leider stellte sich heraus, dass der Autor weder Jude war, noch in Auschwitz, ja nicht einmal im Dritten Reich lebte.
Diese Flut an Material hat wiederum zu Büchern und Spekulationen geführt, manche Autoren sprechen bereits von einer "Holocaust-Industrie", einer Industrie, die einzig von der Erinnerung an den Holocaust lebt und ihrer Verarbeitung in Büchern, Fernsehdokumentationen und Kinofilmen und diese Erinnerung deshalb um jeden Preis aufrecht erhalten will. Dem ist entgegenzuhalten, dass der Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit verdrängt wurde und erst 40 oder 50 Jahre nach seinem Ende auf ein eher unbefangenes Auditorium treffen konnte, weil die direkt daran Beteiligten nicht mehr am Leben waren. Trotzdem sorgt der Holocaust immer noch für heftge Diskussionen. So hat erst vor einigen Jahren Martin Walser bei einer Rede sinngemäß gesagt, dass es jetzt Zeit wäre, den Holocaust außerhalb des Bewusstseins der Deutschen zu rücken. Eine Art Schlussstrich sollte endlich gezogen werden. Diese Aussagen trafen auf erbitterten Widerstand, besonders vom damaligen Vorsitzenden der jüdischen Glaubensgemeinschaft Deutschlands, Ignatz Bubis.

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