3.2 Auswirkungen der Umschulung

Die Auswirkungen einer Umschulung von der linken auf die rechte Hand sind mannigfaltig. Allerdings ist der Grad der Störung, die das Kind dadurch erfahren kann ebenfalls sehr unterschiedlich. So haben manche Linkshänder gar keine Probleme, nachdem sie auf die rechte Hand umerzogen worden sind und es gibt andere, die schwere psychische Störungen davontragen. Innerhalb dieser Bandbreite existieren die verschiedensten Zwischenstufen. Dies erläutern wir genauer an den Schicksalen von Frau E. und Oliver S. Die Ergebnisse dieser Befragung haben wir im jeweiligen Abschnitt dokumentiert.

Man kann die negativen Auswirkungen einer Umschulung generell in Primär- und Sekundärfolgen unterteilen oder auch in motorische und psychische Folgen, wobei die psychischen Schwierigkeiten mit den sekundären Problemen übereinstimmen. Diese nachfolgende Tabelle dient lediglich dem Überblick und gibt keinesfalls eine Rangordnung jeglicher Art wieder.

Primärfolgen Sekundärfolgen
Störungen der Feinmotorik (schlechte, langsame, sehr große Schrift) Minderwertigkeitskomplexe, wenig Selbstwertgefühl, Unsicherheit
Sprachschwierigkeiten (Stammeln und Stottern) Soziale Rückzugstendenzen und Depressionen
Müdigkeit und Schlafbedürftigkeit, Konzentrationsschwäche, schlechte Belastbarkeit "Kasper spielen" oder Wutausbrüche (Aggressivität), das heißt Trotzhaltungen oder Imponiergehabe
Raum-Lage- und Gleichgewichtsschwäche Verhaltensstörungen (Bettnässen, Nägelkauen)
Gedächtnisstörungen (geminderte Reproduktionsfähigkeit von Gelerntem), Blackouts Emotionale Probleme und Störungen des Persönlichkeitsbildes
Buchstaben-, Zahlendreher und legasthenische Erscheinungen Schulschwierigkeiten, unregelmäßige Schulleistungen

Tabelle 1

3.2.1 Primärfolgen

Bei Linkshändern kommt es sehr oft zu Störungen in der Feinmotorik und zu starken Konzentrationsstörungen. Von der nicht dominanten linken Gehirnhälfte eines Linkshänders, weil sie die rechte Körperseite steuert, wird bei und nach einer Umschulung auf die rechte Hand mehr gefordert, als sie leisten kann. So verbraucht der Betroffene schätzungsweise 30 Prozent mehr Nervenkraft um Erfordernissen, wie dem Schreiben mit rechts, gerecht zu werden, als wenn er seine dominante rechte Hemisphäre und damit linke Hand benutzen würde.

3.2.1.1 Störungen der Feinmotorik

Die ungeübte rechte Hand eines Linkshänders kann die kalligraphischen Anforderungen in der Schule oft nur sehr schlecht bewältigen. Es entspricht der Situation eines Rechtshänders, der plötzlich mit links schreiben müsste. Deshalb wird die Schrift der Betroffenen sehr groß und auch langsam, da sich viel mehr konzentriert werden muss. Linkshänder, die auch links schreiben dürfen, haben dagegen eine normale, schnelle und genauso leserliche Schrift wie Rechtshänder.

3.2.1.2 Konzentrationsschwäche und schnelle Ermüdung

Aus dem extremen Verbrauch an Nervenkraft erklären sich auch Erscheinungen, wie das schnelle Ermüden vieler umgeschulter Linkshänder und damit deren Schlafbedürftigkeit. Frau E. erkannte schon relativ früh, dass "... ich eigentlich schon immer viel Schlaf brauchte und auch bis heute noch viel Schlaf brauche... Ich bin erst so richtig ausgeschlafen, wenn ich neun Stunden geschlafen habe. Aber ich war immer schnell müde, ich hatte kein langes Durchhaltevermögen... Meine Konzentration ließ früher und auch heute noch relativ schnell nach. Ich brauche öfter eine Pause." Oliver hingegen hatte "... mit der Konzentration... keine Probleme."
Auf Grund dieser relativ geringen Zeitspanne, in der sich der Linkshänder intensiv konzentrieren kann, braucht er auch sehr schnell eine Pause. Da man in der Schule aber stets auf das Stundenende warten muss, wird das Kind schnell unruhig oder klinkt sich einfach aus dem Unterricht aus um stattdessen aus dem Fenster zu sehen.

3.2.1.3 Blackouts und Gedächtnisprobleme

Andere typische Folgen für umgeschulte Linkshänder bestehen in Blackouts und dem Unvermögen Gelerntes sowohl schriftlich als auch mündlich wiederzugeben, obwohl der Stoff beherrscht wird. Frau E. erzählt: "... wenn ich zum Beispiel etwas für eine Arbeit auswendig gelernt hatte oder Gedichte, dann bekam ich einfach 'Aussetzer'... Ich konnte das zwar eine Stunde später wieder, doch bin ich zu der gefragten Zeit nicht hineingekommen. In dem Moment war mein Gehirn wie leer, als ob nichts drin ist. Alles war weg."
Außerdem verstärken sich diese Erscheinungen in Stresssituationen, bei Aufregung, denn der Linkshänder will dem Lehrer beweisen, dass er gelernt hat. Dazu Frau E.: "Der Druck, die Belastung waren es... Ich hatte dann auch immer wieder Angst, dass der Blackout wiederkommen würde und dann kam er auch prompt. Es ist eine Art Teufelskreis."
Andererseits kommt es auch immer wieder zu "plötzlichen und unerwartet guten Leistungen"2 . Dieses Phänomen führt man auf eine Art "Wackelkontakt" im Zusammenspiel von Gehirn und Hand bzw. Mund zurück, so dass einmal die richtige Verbindung hergestellt wird und manchmal nicht.

3.2.1.4 Buchstaben-, Zahlendreher und schlechte Rechtschreibung

Damit hängen auch Flüchtigkeitsfehler zusammen, insbesondere Buchstaben- und Zahlendreher sowie legasthenieähnliche Erscheinungen, die bei umgeschulten Linkshändern extrem häufig auftreten. (Es sei hier noch einmal ausdrücklich erwähnt, dass Lese-Rechtschreibschwierigkeiten keinesfalls auf eine Umschulung der Händigkeit hindeuten müssen!) Sie treten auch bei nicht umerzogenen Links- oder Rechtshändern auf. Nicht jeder umgeschulte Linkshänder zeigt diese Probleme, wie uns auch Frau E. erklärte, die "in Deutsch... nicht so große Probleme [hatte]... Im Gegenteil, ich war nämlich rechtschreibmäßig immer ziemlich gut in Diktaten."
Bei umgeschulten Linkshändern mit einer schlechten Rechtschreibung passiert es durchaus, dass sie dasselbe Wort an unterschiedlichen Stellen im Text richtig und falsch schreiben. Häufig nimmt die Anzahl dieser Fehler mit der Länge des Textes zu, was darauf hindeutet, dass dieses Problem mit der mangelnden Konzentrationsfähigkeit zusammenhängt. Das Gehirn wird zu sehr überanstrengt um Fehler noch zu erkennen.
Wenn linkshändige Kinder eingeschult werden, kommt es bei ihnen sehr oft zu Spiegelschrift oder dem Verdrehen von Schriftzeichen, zum Beispiel "b" und "d". Hier spielt jedoch auch die Tatsache eine Rolle, dass Linkshänder von rechts nach links lesen. Aber sie gewöhnen sich an die "normale" Schriftfolge, so dass diese Erscheinungen mit der Zeit zurückgehen. Aber unter Stress, kann es dann doch wieder vorkommen, dass die Zeichen verdreht werden. Frau E. stellte bei sich selbst die folgende kuriose Eigenschaft fest. "Ich sehe die Zahlen und lese sie falsch herum und schreibe sie wieder richtig herum [und außerdem]... fällt mir Spiegelschrift relativ leicht... Ich habe dabei keine Probleme... Ich könnte nach mehrmaligem Üben einen bekannten Satz auch mit zwei Stiften schreiben, gleichzeitig in verschiedene Richtungen." Oliver hingegen kann keine Spiegelschrift schreiben.

3.2.1.5 Raum-Lage-Labilität

Es ist wohl schon jedem, egal ob Links- oder Rechtshänder, passiert, dass er links und rechts verwechselt hat. Das ist normal. Aber gerade bei umgeschulten Linkshändern ist dies eine Folgeerscheinung der Umschulung, die ständig Schwierigkeiten bereiten und sich bis in das Erwachsenenalter hineinziehen kann. Dabei tritt es nach Frau Dr. Sattler sogar auf, dass "sie... fähig [sind], die ihnen gesagte Seitenangabe 'falsch zu hören' und entsprechend falsch zu reagieren."3 Und je mehr versucht wird die Seite nicht zu verwechseln, desto öfter passiert es. Der umgeschulte Linkshänder sollte sich also Eselsbrücken bauen, wie zum Beispiel einen Ring am linken Finger.
Eine besondere Begabung von Linkshändern ist ihr ausgezeichnetes räumliches Vorstellungsvermögen. Sind sie jedoch umgeschult, muss man sie in zwei Gruppen einteilen, das heißt eine, die diese Fähigkeit weiterhin besitzt, und eine, die gerade auf diesem Gebiet unglaubliche Schwierigkeiten hat. Außerdem kommen dann auch Unsicherheit bei Drehungen (zum Beispiel beim Tanzen) dazu.

3.2.1.6 Sprachschwierigkeiten

Von vielen umgeschulten Linkshändern erfährt man auch, dass sie zusätzlich zu orthographischen Problemen oft auch Artikulationsschwierigkeiten haben, die vom Stammeln bis hin zum regelrechten Stottern reichen. Dies beruht wieder auf dem vorher beschriebenen "Wackelkontakt" im Gehirn. Sie können einfach nicht ausdrücken, was ihnen zu einem Problem einfällt. Sie versprechen sich, stottern oder verlieren den Faden und äußern sich zu für das Problem irrelevanten Themen. Frau E: "Es kommt schon vor, dass ein kleinerer Stotterer durchkommt, aber ich könnte jetzt nicht von mir sagen, dass ich gestottert hätte... ich würde es eher als eine Art Verhaspeln bezeichnen." Auch Oliver kennt Sprachstörungen aus der Zeit, in der er versuchte, mit rechts zu schreiben. "Das hat sich jetzt wieder gelegt, zum Glück. Das war früher schlimmer, also Stottern und Wörtersuchen."
Dies geschieht vor allem in Diskussionen, im Streit, wenn man schnell auf etwas reagieren muss, was ein anderer sagt. Der Stress spielt hier ebenfalls eine entscheidende Rolle. Frau E. bestätigt das: "Ich [habe] Probleme mit der Artikulation,... wenn ich aufgeregt bin oder wenn ich Streitgespräche habe, wenn ich mich wehren muss... Bei mir ist das ganz, ganz extrem. Ich streite mich ungern. Dann lieber verzichte ich auf irgendwas um solchen Streitgesprächen aus dem Weg zu gehen. Man könnte sagen, ich bin harmoniesüchtig... In solchen Situationen bin ich durch die Anspannung überfordert und dann fehlen mir einfach die Worte. Ich merke manchmal, dass ich immer wieder dieselben Worte verwende... Ich habe in dem Moment keine Argumente."
Da sich der Linkshänder wie die Mehrzahl der Menschen auch natürlich keine Blöße geben will, sagt er gar nichts mehr oder nur noch wenig.

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1 vgl. Sattler, Dr. Johanna Barbara: "Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn". Auer-Verlag, Donauwörth 1995, S.49f.
2 Sattler, Dr. Johanna Barbara: "Umschulung der Händigkeit". in "Lernen und Fördern", Zeitschrift für Eltern, Lehrer und Erzieher, Heft 5/ Oktober 1986
3 Sattler, Dr. Johanna Barbara: "Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn". Auer-Verlag, Donauwörth 1995, S.69

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