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„Ich
will, was ich soll“
Als ich zur Schule ging (1970), waren Poesiealben in Mode
und meine damalige Volksschullehrerin hat mir in meines folgenden
Spruch hineingeschrieben:
„Quält dich in tiefer Brust, das harte Wort, du musst,
so macht dich eins nur still, das stolze Wort: ich will.“
Stirner würde es auf folgenden Nenner bringen: „Ich will,
was ich soll.“ Und davor wollte uns Stirner mit seinem gesamten
Werk bewahren. Damals kannte ich Stirner leider noch nicht
und trotzdem habe ich mein ganzes Leben lang gegen diesen
Spruch angekämpft, denn heute weiß ich: „Ich will
meistens überhaupt nicht, was ich soll.“ (Sabine
Scholz über ihren Roman "Die Sonne hat keinen Eigentümer")
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Foto:
Roberto Tarallo
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Die
Sonne hat keinen Eigentümer
von Sabine Scholz
Ein Roman zu Max Stirners 200. Geburtstag
Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig 2005
250 Seiten, 12,90 Euro
ISBN 3-933287-58-8
Rezensionsexemplare & Bestellung:
max-stirner@web.de
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"ein
neues Bild des großen Nihilisten und Anarchisten"
(Kreuzer. Das Leipziger Stadtmagazin)
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Gescheiterte
Philosophen und andere Familienkatastrophen
Roman zum 200. Geburtstag des Philosophen Max Stirner
Max Stirner, erbarmungsloser Religionskritiker und Nihilist, wird
von den meisten Philosophiegeschichten des 19. Jahrhunderts unter
den Tisch gekehrt. Warum eigentlich? Schließlich hat es auch
der Philosoph Friedrich Nietzsche als Nihilist auf den Olymp der
unangefochtenen Klassiker geschafft...
Mit "Die Sonne hat keinen Eigentümer" versucht Sabine
Scholz, Max Stirner aus der unverdienten Versenkung zu holen. Auf
heitere Weise erzählt sie von gescheiterten Philosophen und
eigenwilligen Liebesgeschichten zwischen 1838 und heute. Eine besondere
Rolle kommt dabei Stirners Ehefrau Marie Dähnhardt zu: nahm
sich doch die Apothekerstocher aus Gadebusch damals schon die Freiheit,
ein den Männern ebenbürtiges Leben zu führen. Scholz
verwebt in ihrem Roman historische Quellen mit einem modernen Handlungsstrang
zu einem zeitgemäßen Porträt Max Stirners und seiner
Frau.
Zum Inhalt
Der Max Stirner-Forscher Robert Weigert lebt als arbeitsloser Philosoph
in Berlin. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Filmvorführer
in einem drittklassigen Kreuzberger Programmkino. Ambra Brückner
aus Gadebusch stößt eines Tages auf ein Bündel verstaubter
Briefe aus der Feder von Stirners Ehefrau Marie Dähnhardt.
Fasziniert von deren rebellischer Persönlichkeit, versucht
sie mehr über ihr Leben herauszufinden und trifft dabei natürlich
auf Robert, in den sie sich verliebt...
Zur Autorin
Sabine Scholz (Jahrg. 1962), lebt als Lektorin für Deutsch
in Turin, Italien. Seit 1982 schriftstellerisch tätig: Tagebücher,
Kurzgeschichten, Erzählungen und Essays; zuletzt "Studienzeit
mit Pannen. Geschichten" (Leipzig 2001: Verlag Max-Stirner-Archiv).
Betreibt
ein eigenes Stirner-Forum unter http://www.geocities.com/marieundmax/
Mitglied
im AutorenVerband Franken
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Hintergrundinformationen
über den Roman "Die Sonne hat keinen Eigentümer"
von Sabine Scholz
Der
Philosoph Max Stirner (Pseudonym für Johann Caspar Schmidt,
* 25. Oktober 1806 in Bayreuth; † 25. Juni 1856 in Berlin) ist vergessen
worden. In den meisten Philosophiegeschichten des 19. Jahrhunderts
wird sein Name nicht einmal erwähnt. Warum hat man beschlossen,
diesen wichtigen Denker zu ignorieren, dessen Geburtstag sich am
25. Oktober 2006 zum 200. Mal jährt?
Eine Antwort ist vielleicht, dass er für viele unbequem ist,
ein erbarmungsloser Religionskritiker, ein Nihilist, ja sogar ein
Anarchist. Davor fürchtet man sich.
Doch ist sein Werk deswegen wertlos? Ist z.B. nicht auch Nietzsche
ein Nihilist und wird er nicht trotzdem als einer der wichtigsten
Denker angesehen?
Warum hat gerade Stirner so viel Unwillen erregt, dass man seinen
Namen aus der Philosophiegeschichte getilgt hat, wãhrend
Nietzsche unangefochten als Klassiker gilt? Stirners Lehre kann
man folgendermaßen zusammenfassen: Er weist den Idealismus
zurück und kritisiert die Idealisierung der Menschheit, der
ewigen, unsterblichen Menschheit, zu deren Ehre sich der Einzelne
opfern soll. In der Stirnerschen Ontologie (Lehre vom Sein) gibt
es keine Allgemeinbegriffe, sondern nur individuelle Substanzen
und individuelle Akzidenzien (Eigenschaften). Außerdem setzt
Stirner Eigenschaft und Eigentum gleich, d.h. jede Eigenschaft ist
Eigentum des Trägers. Dabei ist zu beachten, dass nicht Dinge
mein Eigentum sind, sondern meine Gewalt über die Dinge bewirkt,
dass ich ihr Eigentümer bin. Warum setzt Stirner zwei Begriffe
gleich, die im Deutschen sonst unterschieden werden? Mit dem Begriff
„Eigentum“ will Stirner ausdrücken, dass es bei uns liegt,
welche Eigenschaften wir besitzen. Wir sind unser eigener Herr und
niemandem sonst unterworfen. Für Schopenhauer z.B. ist ein
Ding nur dann mein Eigentum, wenn ich es bearbeitet habe. Er denkt
dabei an den Landerwerb. Stirner liegt dieser Gedanke fern. Eigentum
ist das, worüber ich Gewalt habe. Im Englischen und Lateinischen
ist property bzw. proprietas doppeldeutig: es bedeutet sowohl Eigentum
als auch Eigenschaft! Bei Stirner wird eine „äußere“
Kategorie, wie sie Eigentum üblicherweise darstellt, „verinnerlicht“
zur Eigenschaft des Ich. Die Welt ist nicht Erscheinung wie bei
Kant, sondern Eigentum des Ich. Real ist nur das, was eine Beziehung
zum allmächtigen Ich hat.
Stirner grenzt sich gegen die Religion und den Liberalismus ab nach
der Maxime: Man ist niemandem etwas schuldig! Für die Christen
und die Liberalen ist der Mensch reiner Geist, was Stirner als „Gespensterglauben“
abtut. Er übt Kritik am absoluten Ich. Für Stirner zählt
nur das endliche Ich, das an einen sterblichen Körper gebunden
ist, der sich ständig verändert. Es gibt nichts „Festes“
und wenn, dann ist es Fiktion, um alles Lebendige zu unterdrücken,
zu fixieren.
Oberstes egoistisches Prinzip ist der Genuss, die Lust des Egoisten.
Dabei bilden die Leidenschaften eine Hierarchie: Die stärkere
besiegt die schwächeren, d.h. die stärkere Leidenschaft
bestimmt, was der Genuss des Egoisten ist. Nach Stirner wäre
es denkbar, dass das Ausleben der Hassgefühle als Lust des
Ichs aufgefasst wird, wenn es die anderen Gefühle wie z.B.
Mitleid übertönt, was ja auch lustvoll sein könnte
für einen bestimmten Menschen, der über starke Mitleidsgefühle
verfügt. Für Stirner scheint die Zeit keine wesentliche
Kategorie zu sein. Der Egoist lebt im Jetzt.
Zentral ist die Moralkritik in Stirners Philosophie. Liebe ist z.B.
kein Gebot, sondern Eigentum des Ichs. Konsequenterweise gibt Stirner
zu, dass man die Liebe „kaufen“ kann. Liebe hat einen Tauschwert.
Er differenziert zwischen aufgezwungenen Gefühlen und Gefühlen,
die aus uns selbst kommen, und nimmt Partei für die spontanen
Gefühle. Bei der oktroyierten Ehrfurcht z.B. wird uns die Möglichkeit
genommen, das Gefürchtete abzuwenden.
Stirners Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1844) kann auf
verschiedenene Weise interpretiert werden. Einmal als ein Text,
der die politisch-soziale Debatte um 1850 historisch kommentiert,
da der Autor selbst der linken politischen Opposition angehörte.
Dann als philosophisches Traktat, in dem Stirner als einzige Realität
nur die Einzeldinge anerkennt. Begriffe und Ideen besitzen keine
Wirklichkeit; die Freiheit, die Menschheit, die Wahrheit sind nur
„Gespenster“. Eine dritte, modernere Interpretation ist diejenige,
Stirners „Einzigen“ als einen therapeutischen Text zu lesen. Ein
Buch, das uns hilft, uns selbst zu finden und ehrlichere Beziehungen
aufzubauen, jeden Moment des Lebens intensiv auszukosten, unsere
eigene Persönlichkeit in Kreativität zu entwickeln.
Durch meinen Roman „Die Sonne hat keinen Eigentümer“ habe ich
versucht Max Stirner aus der unverdienten Versenkung zu holen.
Inspiriert vom Leben Max Stirners erzählt dieser Roman auf
heitere Weise von gescheiterten Philosophen, eigenwilligen Liebesgeschichten,
von Freiheit und Familienkatastrophen zwischen 1838 und heute.
Der Stirner-Forscher Robert Weigert lebt als arbeitsloser Philosoph
in Berlin und verdient seinen Lebensunterhalt als Filmvorführer
in einem drittklassigen Kreuzberger Programmkino. Ambra Brückner
möchte das Abitur an einem Gadebuscher Abendgymnasium nachholen
und stößt eines Tages auf ein Bündel verstaubter
Briefe aus der Feder von Stirners Ehefrau Marie Dähnhardt,
woraufhin sich Ambras und Roberts Lebenswege kreuzen.
In diesem Roman entsteht aus dem Neben- und Ineinander von Biographie
und philosophischen Erörterungen ein sensibles Porträt
von Max Stirner und seiner Ehefrau Marie Dähnhardt.
Ich habe 14 Jahre an dem Roman geschrieben, ihn immer wieder umgearbeitet
und neue Teile integriert. Es ist eine Liebeserklärung an einen
Mann, den ich vor 16 Jahren kennen lernte und der ein begeisterter
Stirner-Anhänger war. Durch ihn habe ich Stirner schätzen
gelernt und angefangen, Material über ihn zu sammeln, was schließlich
in meiner Webseite „Stirner-Forum“ (http://www.geocities.com/marieundmax/)
Ausdruck gefunden hat. Leider haben wir uns vor einigen Jahren getrennt,
aber Stirner ist mir zum Glück geblieben, weshalb sich vielleicht
meine amour fou für diesen philosophischen Querdenker erklärt.
Doch durch Stirner habe ich auch neue, interessante Kontakte knüpfen
können, z.B. mit dem berühmt-berüchtigten Leiter
des Max-Stirner-Archivs in Leipzig, Kurt W. Fleming, für dessen
Stirner-Archiv ich seit Jahren ehrenamtlich arbeite. Zusammen haben
wir die Zeitungsartikel, die Stirners Ehefrau Marie Dähnhardt
verfasst hat, ausfindig machen können. Sie sind unter dem Titel
„Vertrauliche Briefe aus England“ im Feuilleton der Berliner Zeitungs-Halle,
März bis November 1847, erschienen und jetzt auf meiner Homepage
„Stirner-Forum“ nachzulesen. Diese überaus fruchtbare Freundschaft
mit Kurt W. Fleming und viele andere Hinweise auf real existierende
Personen haben Eingang gefunden in den Roman, weswegen man ihn auch
als Schlüsselroman lesen kann.
Ein Gadebuscher Schüler hat versucht Licht zu bringen in die
Gadebuscher Zeit von Marie Dähnhardt und darüber eine
Facharbeit geschrieben. Das Resultat seiner Forschungen ist in den
Roman integriert worden.
Ich habe Stirner dosiert eingesetzt. Der Leser soll ihn selbst für
sich entdecken, ich möchte nichts vorwegnehmen.
Das einzig Interessante an Stirners Leben war seine gescheiterte
Ehe mit Marie Dähnhardt. Stirners Ehefrau eignet sich wesentlich
besser zur literarischen Figur als Stirner selbst: cherchez la femme!
Wenn man begreift, wer Marie war, dann begreift man auch, wer Stirner
war.
Man könnte Marie Dähnhardt als eine der ersten deutschen
Frauenrechtlerinnen bezeichnen, auch wenn die organisierte Form
der Frauenbewegung erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstand durch
die Gründung des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins"
(ADF). Marie lebte all das, wofür sich die Frauenbewegung später
eingesetzt hat: Sie war eine mündige und selbständige
Frau, was sich daran zeigte, dass sie schon 20jähig vom Emanzipationsdrang
jener Tage ergriffen wurde und, gegen den Willen ihrer Familie,
Gadebusch verließ, um in Berlin ein unabhäniges Leben
zu führen. Sie verkehrte im Kreis der „Freien“, einem Debattierzirkel
bedeutender liberaler und sozialistischer Geisteswissenschaftler,
Schriftsteller und Journalisten. Auf diese Weise verwirklichte sie
ihr Recht auf Bildung, von dem die Frauen offiziell noch ausgeschlossen
waren. Übrigens trug sie gerne Männerkleidung wie die
französische Schriftstellerin George Sand, rauchte Zigarren
und trieb sich mit den Männern in Bordellen herum. Ein Universitätsstudium
konnte sie leider noch nicht in Angriff nehmen, weil Frauen davon
noch bis 1900 ausgeschlossen waren. Um sich ihr Recht zu verschaffen,
schreckte sie auch vor spektakulären Aktionsformen nicht zurück.
Maries skandalumwitterte Verheiratung mit dem Philsosophen Max Stirner
zog damals sogar eine Denunziation beim König nach sich und
würde heute sicherlich sämtliche Titelseiten der Regenbogenpresse
zieren. Die Stirners ließen nämlich eine Heimtrauung
vornehmen, wozu sie den Pastor und die Freunde aus Hippels Weinstube
zu sich nach Hause gebeten hatten. Doch hatten sie nicht im Traum
an die Trauringe gedacht, an dieses Requisit einer bürgerlichen
Ehe. Da wusste ein Freund Rat. Er zog zwei Messingringe von der
Gardine und der Pastor weihte nun diesen Ersatz, was von bösen
Zungen schon als Hinweis auf die häufigen Gardinenpredigten
gedeutet wurde, die Marie in Zukunft von ihrem Gatten zu hören
bekam, da sie es mit ihrer ehelichen Treue nicht allzu ernst nahm.
Das Recht auf Erwerbsarbeit erkämpfte sich Marie durch die
Eröffnung eines Milchhandels in Berlin, der leider viel zu
früh im Bankrott endete, da sie keinerlei geschäftliche
Erfahrungen hatte. Doch das entmutigte Marie nicht. Sie verließ
ihren Ehemann, und ging nach England, wo sie ihren Lebensunterhalt
als Lehrerin verdiente und für die Julius'sche "Zeitungshalle"
in Berlin eine Reihe von Zeitungsartikeln schrieb, die von März
bis November 1847 veröffentlicht wurden. Später emigrierte
sie nach Australien, schlug sich als Waschfrau durch und heiratete
einen gewöhnlichen Arbeiter. Im Alter kehrte sie nach London
zurück, wo sie Stirners Biograph, John Henry Mackay, vergeblich
darum bat, ihm ein Interview zu geben. Wie sie dazu käme, fragte
sie durch ihren Vermittler, “zur Zeugin für das Leben eines
Mannes aufgerufen zu werden, den sie je weder geliebt noch geachtet
habe?” Aber ganz ernst meinte sie das wohl nicht, denn sonst bliebe
unerklärlich, wieso sie noch lange nach der Trennung von Stirner,
der übrigens mit bürgerlichem Namen Johann Caspar Schmidt
hieß, mit dessen nicht vorhandenem Doktortitel kokettierte.
Marie wurde jedenfalls von ihrer Schwester Anna im Testament (verfasst
anno 1844) nur als die "Frau Doktorin Schmidt" bezeichnet,
hatte also selbst im Familienkreis die Mär vom "Doktor
Schmidt" recht erfolgreich in Umlauf gebracht. Und noch wenige
Jahre vor ihrem Tode war sie in Gadebusch als "Frau Doktorin
Schmidt" amtsbekannt.
An Stirner war das Sympathischste, dass er diese Frau geheiratet
hat. Deswegen ist ein großer Teil des Romans ihren Erinnerungen
gewidmet, die in Briefform dargestellt sind. Um diesen historischen
Teil herum ist eine Geschichte gesponnen, die heute spielt und natürlich
mit Stirner zu tun hat. Es sind die Erlebnisse von drei Gadebuscher
Abendschülern – Ambra, Django und Rainer – die Freunde werden,
gemeinsam haarsträubende Erlebnisse haben, der großen
Liebe begegnen und deswegen, blind für Djangos Tragödie,
leider zu spät erkennen, dass die Freundschaft der einzig wahre
Wert im Leben ist. Django stellt dabei die Verbindung zu Marie Dähnhardt
her, da diese ebenfalls aus Gadebusch stammte und es sich bei der
Adressatin ihrer Briefe um seine Ururgroßmutter handelte.
Ambra stößt eines Tages auf ein Bündel verstaubter
Briefe, die aus der Feder Marie Dähnhardts stammen, und versucht,
fasziniert von der rebellischen Persönlichkeit der Autorin,
mehr über ihr Leben herauszufinden. Dabei lernt sie den Stirnerforscher
Robert Weigert kennen und verliebt sich in ihn…
Turin,
im Mai 2005
Sabine Scholz
Kurzbiographie
Sabine
Scholz wurde 1962 in Nürnberg geboren, studierte von 1981 bis
1987 Philosophie, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Italoromanische
Philologie an der Universität Erlangen und übersiedelte
1990 nach Turin, wo sie als Lektorin für Deutsch tätig
ist. Sie begann 1982 mit dem Schreiben von Tagebüchern, verfasste
dann Kurzgeschichten, Erzählungen und Essays und veröffentlichte
zuletzt einen Band "Studienzeit mit Pannen. Geschichten"
beim Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig. Ihre Lieblingsautoren sind
Sylvia Plath, Banana Yoshimoto und der Philosoph Max Stirner, für
den sie sich besonders engagiert.
Veröffentlichungen
Sabine
Scholz (Hrsg.), Internetprojekt Stirner-Forum: Resümee eines
Jahres; Begegnungen zwischen Literatur & Philosophie, Verlag
Max-Stirner-Archiv Leipzig, 2001
Sabine
Scholz, Studienzeit mit Pannen. Geschichten, Verlag Max-Stirner-Archiv
Leipzig, 2001
Sabine
Scholz, Eine Signorina für den Professore, in: Literatur in
Bayern, Ausgabe Nr. 68, Juni 2002, Hrsg. Prof. Dr. Dietz-Rüdiger
Moser, Institut für Bayerische Kulturgeschichte der LMU, S.
15-16
Sabine
Scholz, I got a bad desire, in: Fühl mich! Erotische Fantasien
im Rhythmus der Nacht, Hrsg. von Nora Dechant, Droemer/Knaur, 2004
Über
die Autorin
SONIC
SITES: Sabine Scholz gelingt es in ihren Geschichten mit
dialektischem Blickwinkel Alltägliches deutlich bis in den
letzten Winkel auszuleuchten. "Studienzeit mit Pannen"
zeigt, dass das Leben keine Wissenschaft ist, und dass dort, wo
verschiedene Wege aufeinander stoßen, sich sehr wohl "Kopf
und Bauch" ins Gehege kommen können. Auf diese Weise gewinnt
sie der impertinenten Seite des Lebens ihren ganz eigenen Humor
ab.
Karl-Heinz
Schreiber über "Studienzeit mit Pannen" KULT (16/02)
AMÜSANT LIBIDINÖS PHILOSOPHISCH
Das
eigentlich Spannende ist womöglich, wie sich die Lektüre
der Protagonistin von Kants ´Kritik der reinen Vernunft´
an der banalen Realität reibt & spiegelt. Die Libido galoppiert
ein wenig, es werden kritische Anmerkungen zu diversen Konventionen
getätigt. Zwischen den großen philosophischen Problemstellungen
& der nervstrapazierenden Alltäglichkeit stellt sich dann
die Frage: - Wie sollte ich die großen Probleme lösen,
wenn ich nicht einmal ein kleines privates Glück besaß,
wo alles nach meinen Wünschen lief, wo ich Ruhe und Kraft für
die großen Aufgaben finden konnte? Es geht also um das Studium
des Lebens & der Philosophie & der Beziehungsvarianten.
Ein durchaus amüsant geschriebenes Buch für Leute, die
mit ihrer Emotion & mit ihrem Intellekt gleichermaßen
selbstironisch umgehen können.
Werner
Friebel (SCHNIPSEL) über "Studienzeit mit Pannen"
Februar 2002
Den
Verfall und Neubeginn von Beziehungen schildert Sabine Scholz aber
in durchaus ambivalenter Selbstreflexion, die den emanzipatorischen
Erzählduktus angenehm einfärbt. Detailreich und witzig
plaudert sie auch über Alltagsumstände von Studium, Wohnung,
Gelderwerb und Psychoanalyse, wodurch die kleinen Geschichten an
Struktur und glaubwürdigem Handlungsrahmen gewinnen. Wieviel
autobiographisch und wieviel fiction ist, steht dabei nicht zur
Debatte. Das Lesevergnügen reizt Hirn, Herz und Lachmuskeln
- ein mehr als gelungenes Debut der jungen, in Turin lebenden Autorin.
Leseprobe:
Ambra
Brückner hatte zwar Fotos von Robert Weigert gesehen, war sich aber
nicht sicher, ob sie ihn sofort erkennen würde. Doch sie identifizierte
ihn sofort, wie er da am Bahnsteig auf sie wartete. Sie wussten
nicht, wie sie sich begrüßen sollten: die Hand schütteln, wäre doch
zu förmlich, aber sich gleich umarmen, kannten sie sich dafür eigentlich
nicht zu wenig? Nein, sie kannten sich genug für eine herzliche,
kurze Umarmung. Weigert wollte ihre Tasche tragen, Ambra ging neben
ihm her und konnte nichts mit ihren Händen anfangen. Weigert sah
aus wie Weigert, d.h. wie sie ihn sich im Laufe der Zeit vorgestellt
hatte.
Vom
Bahnhof fuhren sie zuerst auf den Alexanderplatz, um ein paar Schritte
zu Fuß zu gehen und etwas zu essen. Der Alex war um diese Zeit fast
leer. Die Leute schienen alle noch zu arbeiten,
hin und wieder kam ein Touristengrüppchen vorbei. Es war
windig und die Sonne war hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden.
Ein Mann in kurzer Hose und im Unterhemd rannte wie ein Geistesgestörter
herum und schrie: „Ich kann sie nicht mehr sehen! Sie kommen hier
her und fressen...!“ Ambra sah schuldbewusst auf ihre Currywurst,
doch dann musste sie lachen und hakte sich bei Weigert unter. In
Ostberlin fühlte sie sich wie in die 50er Jahre zurückversetzt.
Dann kam ein Platzregen und sie flüchteten unter einen Mauervorsprung.
Als es aufgehört hatte zu regnen, begaben sie sich zu Weigerts Wohnung.
Vier endlose Treppen musste man hoch steigen. Oben schnappte Ambra
nach Luft, und Weigert lächelte sie an. Ob seine Wohnung eine richtige
„Philosophen-Wohnung“ war, wusste sie nicht. Dafür kannte sie zu
wenig Philosophen. Aber dass es eine gemütliche, einladende Wohnung
war, sah sie sofort. Während ihr Weigert sein Stirner-Archiv vorführte,
versuchte sie sich vorzustellen, wie es wäre, ihn zu küssen. Wie
küssen eigentlich Philosophen? Doch dann begriff sie allmählich,
dass Philosophen nie von sich aus die Initiative ergriffen. Sie
warteten erst mal ab.
„Wie
bist du eigentlich zu Max Stirner gekommen?“ fragte Ambra und nahm
ein leeres Blatt Papier und einen Stift, um Notizen zu machen, falls
Robert einige unsterbliche Worte aussprechen würde. Weigert schien
darüber überhaupt nicht erstaunt zu sein.
„Ich hatte einen Dozenten, der an seiner Habilschrift ´Marx und
die Folgen` schrieb. Er
wollte uns immer von seiner hohen wissenschaftlichen Qualifikation
überzeugen, indem er betonte, dass er an der Forschungsfront tätig
wäre, während seine Kollegen immer noch in der Antike herumkrebsten.
Er hätte schnell begriffen, dass die Philosophie gerade in politisch
so brisanten Zeiten wie heute zuschlagen müsste mit ihren Thesen
und beweisen müsste, dass sie wieder zeitgemäß wäre. Hinter seiner
platten Stirn hegte er einen Gedanken und der war: Marx wäre bisher
immer missverstanden worden – die Welt bräuchte einen Hermeneutiker
wie ihn, um endlich in ein Paradies für alle verwandelt zu werden.
Klar, dass dieser Angeber sofort meine ganzen kontroversen Energien
mobilisiert hatte. Ich wollte in meinem Referat allen seinen Thesen
widersprechen und suchte zu diesem Zweck nach einem Marx-Kritiker,
der in die politische Epoche fiel, über die wir arbeiteten.
So stieß ich auf Max Stirner. Ich verschlang sein Hauptwerk
„Der Einzige und sein Eigentum“ und fühlte mich ihm nahe.“ sagte
Weigert.
„Aber er lebte doch in einer ganz anderen Zeit als du.“ sagte Ambra.
Obwohl
der Tag sehr anstrengend gewesen war, fühlte sie sich überhaupt
nicht müde. Magie lag in der Luft in Robert Weigerts chaotischer,
kleiner Wohnung im vierten Stock.
„Ich wollte damals frei sein von Ideen, Idealen, Moralvorstellungen
und der falschen Hoffnung auf ein sinnerfülltes Leben.“
„Was ist denn falsch an der Vorstellung von einem sinnerfüllten
Leben?“
„Stirner warnte berechtigterweise vor den Halbheiten, mit denen
wir uns im Namen der Selbstverwirklichung zufrieden geben, da wir
das Ganze nicht einmal im Traume zu fordern wagen. Ich war wie Stirner:
Ich wollte alles und zwar sofort!“
„Und hast du es bekommen?“ fragte Ambra.
„Nein. Ich wollte mich nicht so offensichtlich anbiedern bei den
Professoren wie meine Kommilitonen, um gute Zensuren zu bekommen.
Jetzt sitzen sie in ihrem Eigenheim und sind stolz auf das, was
sie erreicht haben in ihrem Leben. Dafür haben sie gern einen hohen
Preis gezahlt. Ich habe mich nicht angebiedert und mein Examen dementsprechend
schlecht abgeschlossen. Eine Karriere als Professor kann ich mir
abschminken. Meine Macht steckt nicht im Geldbeutel. Das ist mir
zuwider. Unheimliches ist immer auch Uneigenes. Ihr Verhalten war
mir mehr als unheimlich.“ sagte Weigert und goss beiden das fünfte
Glas Metaxa ein, was Ambra so angenehm den Kopf benebelte, dass
sie ihm hätte ewig zuhören können. Mit Robert war es so entspannend
die Zeit vergehen zu spüren. Stunde um Stunde. Es war, als würde
er ihr zum ersten Mal die Welt eröffnen und vor ihr ausbreiten und
sie müsste sich nur bedienen und zugreifen. Sie konnte plötzlich
die Philosophie atmen und fühlen.
„Das klingt, als hätte Stirner dich zur Resignation gebracht.“ meinte
Ambra und hatte den Eindruck Weigert schon eine Ewigkeit zu kennen,
einen Mann, den ihr das Schicksal auferlegt zu haben schien.
Es war für sie keine überflüssige Begegnung mehr.
„Nein, das bestimmt nicht. Stirners Charakteristik derjenigen, die
vom Gespensterglauben des Geistes befallen sind, traf bis zu diesem
Zeitpunkt leider auch auf mich zu. Ich hatte bis dahin irrsinnigen
Respekt vor der Logik, dem vermeintlichen Wissen. Ich selbst mit
meinen Mängeln kam gar nicht mehr vor. Meine Gefühle, meine Wünsche,
meine Sehnsüchte waren schon lange nicht mehr mein Eigentum. Ich
war fremdbestimmt durch das, was meine Eltern, die Professoren und
meine Freunde von mir erwarteten. Stirner prangerte die Despotie
und Gewaltsamkeit des hegelschen Denkens an und ich hatte sie von
Seiten meiner Peiniger am eigenen Leib zu spüren bekommen. Damit
sollte Schluss sein. Es lebe die Anarchie!“ rief Weigert. Dann fuhr
er fort:
„Jahrelang kämpfte ich um ein Bewusstsein, das sozial anerkannt
war, das konform funktionierte. Und auf einmal traf es mich wie
ein Blitz: Ich brauchte mein Denken nicht irgendwelchen von anderen
aufgestellten Regeln zu unterwerfen. Ich konnte denken, was ich
wollte.“ sagte Weigert und holte aus seiner Hosentasche ein verknittertes
Photo hervor. Es zeigte ihn, wesentlich jünger und ohne Bart, vor
einer Gedenktafel, die Max Stirner gewidmet war.
„Aber riskierst du damit nicht, dass dich keiner mehr versteht?“
„Das kann schon sein, aber es ist bedeutungslos. Immer wieder ertappe
ich mich bei unschlüssigen Argumentationen, glaube, dass meine Emotionen
sich nicht in der richtigen Art und Weise auf ihre Objekte beziehen.
Dann halte ich meine Furcht für eingebildet, weil das entsprechende
furchteinflößende Objekt in Wahrheit
nur ein Zurechtmachen einer an sich harmlosen Angelegenheit
ist. Spuken nicht in meinem Bewusstsein alle möglichen philosophischen
Theorien herum, die mich stutzig werden lassen und mich ermahnen:
Halt! Bist du dir auch sicher, dass deine Gedanken logisch sind?
Beziehen sich deine Emotionen auf wirkliche Zustände oder nur auf
eingebildete? Gibt es nicht für jedes Seiende in der Welt irgendeine
Theorie, die es für null und nichtig erklärt?“
„Aber muss ich mich nicht unweigerlich für eine dieser Theorien
entscheiden, um überhaupt leben zu können?“ fragte Ambra.
„Nein, das muss man nicht. Ich bin angesichts dieser Vielfalt von
Theorien zum Skeptiker geworden, dem nur noch eines gewiss ist,
nämlich dass er selbst es ist, der zweifelt.“ sagte Weigert und
lächelte wie ein Erleuchteter.
„Ist es befriedigend als Ich zu existieren, das weltlos geworden
ist, da es außer ihm selbst keine weitere Gewissheit mehr gibt?“
fragte Ambra.
„Manchmal haben Fremde allerdings einen besseren Durchblick als
ich..., aber wahrscheinlich ist es so wie du sagst.“ log Ambra,
um Weigert nicht vor den Kopf zu stoßen. Ihr tat der Rücken weh
und sie machte es sich auf dem staubigen Teppich bequem. Ihr Gesicht
strahlte wie das einer reifen Frau, was für ihr Alter etwas unangemessen
war. Robert gefiel ihr immer mehr, und sie hatte den Eindruck, dass
auch sie ihm nicht missfiel, denn sonst würde er ihr kaum diese
Dinge erzählen.
„Dieser Gedanke, dass ich mir die Welt unterwerfen soll, gefällt
mir überhaupt nicht.“ sagte sie.
„Eigentlich will Stirner sagen, dass das Individuum, das nach Selbstbestimmung
verlangt, anfangen muss sich zu empören. Ein solches Sich-zur-wehr-Setzen
ist nicht etwa der Kampf für eine bessere Welt wie es die Marxisten
z.B. versuchen, denn
das wäre auch wieder der alte Gespensterglaube an einen Idealzustand,
der erst noch zu verwirklichen wäre. Der Einzige lebt im Hier und
Jetzt. Er will jetzt frei sein und wartet nicht auf einen günstigeren
Zeitpunkt. Stirners Maxime lautet infolgedessen: ´carpe diem!`,
Nütze den Augenblick!, denn morgen könnte es für dich persönlich
schon zu spät sein.“ Weigert schien das Gewicht der Welt allein
auf seinen schwachen Schultern zu tragen. Ambra kam sich verloren
vor. Würde er sie retten können? Wann würde er sie endlich in die
Arme nehmen? Wie lange würden sie noch weiter philosophieren müssen,
ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Sie wollte von ihm geliebt werden,
von einem, der Schopenhauer gelesen hatte, dem ´transzendentale
Deduktion´ kein Fremdwort war, der sich auf den verschlungenen Wegen
der Metaphysik schlafwandlerisch zu bewegen wusste. Indem sie mit
ihm eins wurde, würden seine Erkenntnisse in sie überfließen wie
bei kommunizierenden Gefäßen. Sie beschloss ab jetzt keine Worte
mehr zu gebrauchen, sondern Blicke und verliebte sich in Weigerts
Seele.
„Das wäre aber ein traurige Welt ohne Idealisten!“ stellte Ambra
fest und dann fügte sie noch hinzu:
„Wenn Stirner eine Frau wirklich
geliebt hätte, hätte sich sein Hass auf die Autoritäten und die
Logik in Nichts aufgelöst.“ hauchte Ambra. Um ein Uhr nachts traf
sie eine gewichtige Entscheidung. Sie würde Robert verführen.
Die
Sonne hat keinen Eigentümer
von Sabine Scholz
Ein Roman zu Max Stirners 200. Geburtstag
Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig 2005
250 Seiten, 12,90 Euro
ISBN 3-933287-58-8
Rezensionsexemplare
& Bestellung:
max-stirner@web.de
last
updated 1-4-2006
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