"Duze Zwierze" - Großes Tier
ein Film von und mit Jerzy Stuhr, Polen 2000

Mit der Kraft von Fellinis "La Strada" entfaltet sich ein komisches Drama in der polnischen Provinz

Eines Tages hinterläßt der abfahrende Zirkus auf einem Hügel am Rande einer südpolnischen Kleinstadt ein Souvenir.
Beim allabendlichen Essen am Küchentisch des Ehepaares Sawicki taucht es vor dem Fenster auf. "Zygmunt, was ist das, was da vor unserem Fenster steht?". Ein Kamel.
Sawicki nimmt sich des Tieres an, geht mit ihm spazieren, "jetzt bist du frei, Bruder, jetzt kannst du machen, was du willst". Es bekommt zu Essen und eine warme Wolldecke mit zwei Löchern für die Höcker. Denn das Klima ist nicht ideal für ein Wüstenschiff in der mitteleuropäischen Provinz.
Und nicht nur gegen das Wetter hat Sawicki seine Extravanganz zu verteidigen. Daß ein Kamel dem Herkommen auf dem Lande entgegensteht, zeigt sich schon als die Bürokratie der Bezirksverwaltung ins Stolpern gerät über der Einordnung des Exoten in eine Steuerklasse für Nutztiere. Schließlich geht es als Pferd durch.
Auf der Straße wird Sawicki verspottet, wir sind ja nicht in Afrika. Da alles einen Nutzen haben muß, drängen die wohlmeinenden Mitbürger auf eine Vermarktung der unerwarteten Attraktion. Ein paar Fotos mit den Kindern der Stadt auf dem Kamelrücken, in der Poße von "Im Dschungel und in der Wüste", einem bekannten polnischen Kinderbuch, daß übrigends gerade als "erste polnische Megaproduktion - des neuen Jahrtausends" (so der Kinotrailer) neuverfilmt wurde, sollten doch möglich sein. Aber Sawicki widersetzt sich.
Oder eine Fruchtsaftwerbung, vor einer Pyramidenkulisse, notdürftig geschützt vorm strömenden Regen, die scheitert, weil der Regisseur schließlich die Geduld verliert, da Sawicki der Saft nicht schmecken will.
Die Dramatik nimmt zu als Sawicki schließlich aus der Musikkapelle gedrängt wird und keine Kinder mehr zu seiner Frau in die Schule kommen. Als er Sonntags an dem Kirchlein vorbeikommt, verstummen die guten Christen vor der Tür. Sawicki wird ausgeschlossen, bestraft für die Freiheit, die er sich genommen hat.
Er spielt jetzt nurmehr zuhause seine Klarinette, orientalische Weisen für das Kamel, das sich freut und "singt". Schließlich plant er sogar einen Hausanbau, einen Stall mit ornamentierten Fensterchen. Der gipfelt in einer Demonstration vor seinem Gartenzaun, auf der Spruchtafel steht "Raus".
Die Feuerwehr plant ein Fest auf dem Stadtplatz mit "Loteria", einer Tombola. Drei verkrachte, wie Generäle gekleidete Feuerwehrmänner, haben ein Auge auf das Kamel als Hauptpreis geworfen. "Was für schöne Haare, in zwei Wochen könnte man sie schon schneiden, das reicht für zwei Mäntel." Sie müssen sich aber mit einem Topf Honig begnügen.
Schließlich kommt es zur Gerichtsverhandlung, ein Kamel am Land das darf nicht sein, ist nicht einzuordnen, stört die Ruhe und vor Allem: ist nutzlos. Als Sawicki aus dem Saal läuft rauscht ihm der Kopf, er hört nur mehr wie es hinter ihm schallt: "minizoo, MINIzoo, MINIZOO".
An diesem Abend will das Kamel nicht zur Klarinette singen und nachts aus dem Schlaf aufschreckend, finden sie den Stall leer.
Am Feuerwehrfest kommen Sawicki die Leute entgegen, sind wieder freundlich, er habe in der Kapelle gefehlt, solle doch nächstes Mal vorbeikommen, dumm sei er gewesen, er hätte das Vieh doch verkaufen sollen, warum setze er sich nicht zu ihnen an den Tisch? Aber das Ritual der bierseeligen Fröhlichkeit ist ihm zu öde. Als Hauptpreis ein Fiat 126p - "Maluch".
Ein kleiner Junge hält in der Hand, wie als Zeichen des Widerstands, ein Plastikkamel.

Der "große" polnische Regisseur Kieslowski hat das Drehbuch dazu geschrieben und zwar schon vor dreißig Jahren, nach einer Geschichte des Autors Orlos der im kommunistischen Polen verboten war. Deshalb konnte Kieslowski den Film niemals realisieren. Jerzy Stuhr hat ihn schließlich gedreht und herausgekommen ist die zeitlose Geschichte des Einzelnen der seinen Traum gegen die Ignoranz der Menge verteidigt. Wenn auch erfolglos so doch sehr komisch und ernst.

Nichts wäre wünschenswerter als daß der Kulturtransfer von Ost nach West ebenso reibungslos verliefe wie umgekehrt. Die Qualität des polnischen Kinos würde den Übersetzungsaufwand lohnen, der jedem Hollywoodnonsens wie selbstverständlich zukommt. Inzwischen heißt es: polnisch lernen!

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