ANNE oder ENDE EINER PARTY
"Die Macht der Frau über den Mann wie die Gewalt des Geistes über
den Körper ist stark genug, um jede Wirklichkeit zu verformen."
(Sohrawardi, persischer Mystiker und Philosoph)
Jesus, konnte diese Frau tanzen!
Ich stand mich mit einem Bündel Salzstangen in der Hand in der Tür
des Partyraumes und sah Anne dabei zu, wie sie ihren schlanken Körper
zum Rhythmus der Maxi-Version der "Dreams" von den Cranberries bewegte.
Bisher war mir keine andere Frau begegnet, die gleichzeitig soviel Gefühl
und soviel Schönheit in ihre Schritte und Gesten legen konnte. Anne
war eine außergewöhnlich gutaussehende Frau, Jurastudentin vor
dem Examen, fünfundzwanzig, einen Meter sechsundsiebzig groß,
dunkelblondes Haar fiel ihr auf die Schultern, sie hatte einen breiten
Mund und große, ausdrucksstarke Augen. Sie trug an diesem Abend einen
naturgetönten, taillierten Leinenblazer, der ihr sehr gut stand, dazu
passende schmale, weiße Bundfaltenhosen aus Viscose-Crepe und eine
grauweiß gemusterte Satin-Longbluse, deren Ärmel sie zweimal
umgekrempelt hatte. Ich hatte sie schon auf mehr als einer Fete zu Gesicht
bekommen, allerdings nie eine Gelegenheit gefunden, sie anzusprechen. Irgendwie
hatte ich den Eindruck, daß ich mich nicht ganz in ihrer Preisklasse
befand. So wie ich sie da vor mir tanzen sah, sprühte jede Faser ihres
Körpers förmlich voller Energie und Sinnlichkeit.
"Sagenhaft, oder?" sagte ich zu Gonzo, der neben mir stand.
Er wußte, was ich meinte und nickte. "Da wirste blind von." Er
nahm noch einen Schluck Bowle.
Es war Samstag, der sechste April des Jahres 1996, der Tag vor Ostern.
Die Wohnung, in der die Feier zu Geralds dreißigstem Geburtstag stattfand,
befand sich in der zweiten Etage der Wiesbadener Waldstraße, Hausnummer
165. Sie verfügte mit fünf Zimmern, einer Küche und einem
großen Bad, die alle durch einen langen L-förmigen Gang miteinander
verbunden waren, über beträchtliche Ausmaße, auch die Deckenhöhe
belief sich auf über drei Meter zwanzig. Gerald hatte diese Wohnung
von seinem Vater, einem Universitätsprofessor, großzügig
zur Verfügung gestellt bekommen. Die zweiundvierzig Gäste, die
zu seiner Geburtstagsfete erschienen waren, hatten sich in den verschiedenen
Räumen verteilt, die meisten befanden sich auf dem Balkon oder im
Partyraum, einige saßen in der Küche oder warteten vor der Toilette.
Die meisten von ihnen standen kurz vor ihrem Examen und bereiteten sich
gerade auf die Arbeitslosigkeit vor.
"Ich krieg schon wieder Hunger", sagte Gonzo schließlich und machte
sich davon in Richtung Küche. Nur mit Mühe gelang es mir, meine
Augen von der Tanzenden zu lösen, aber dann folgte ich ihm.
Wir kamen an Geralds Zimmer vorbei, wo einige leicht angetrunkene Partygäste
sich gerade damit die Zeit vertrieben, gegenseitig die Farbe ihrer Unterwäsche
durch Betasten zu erraten. Am Ende der Schlange vor der Toilette traf ich
Rasmus Klump, einen Kommilitonen von mir, der gerade heftige Würgereize
unterdrückte und sich darüber ärgerte, daß sich die
Schlange so langsam bewegte. Er war nicht der erste und nicht der letzte,
der heute abend noch Porzellanbus fahren würde. Nur leider waren vor
mehr als zehn Minuten zwei junge Männer, die er nicht kannte, gemeinsam
in dem Raum verschwunden und seither nicht wieder herausgekommen, und jetzt
wußte er nicht, wie lange er sich noch zusammenreißen konnte.
"Da draußen steht ein Auto, da ist noch das Licht an", sagte jemand,
der gerade zur Tür hereingekommen war.
"Das geht schon von allein aus," beruhigte ihn Gonzo. Wir
betraten die Küche.
Gerald, unser Gastgeber, hing mit dem Kopf über dem Topf mit dem Chili
und sah auch nicht mehr ganz nüchtern aus. "Dreißig Jahre!"
lamentierte er vor sich hin. "Wie kann man nur so alt werden? Shelley ist
viel jünger gestorben, Keats hat den Löffel auch schon vorher
abgegeben. Novalis ist mit 29 in die Kiste, Lautreamont mit 24, genau wie
James Dean. Es ist unglaublich."
Gonzo und ich setzten uns auf die Eckbank neben dem Küchentisch, auf
dem verschiedene Hackfleisch- und Salami Brötchen unter einem
karierten Handtuch warmgehalten wurden. Gonzo griff sich eines und stellte
dabei fest, daß nicht mehr viele vorhanden waren. Neben uns auf der
Bank saßen Dennis, schon im Halbschlaf, und Tibor, der seinen Arm
gerade um Arielle gelegt hatte, die eigentlich Felix Freundin war, der
allerdings gerade mit ein paar Bikern auf dem Balkon über das expandierende
Universum diskutierte und über den großen Attraktor, auf den
wir alle zurasten. Auf einem Küchenstuhl schaukelte Gonzos Kumpel
Pif, der diesen Spitznamen - der angeblich auf französisch "große
Klappe" bedeutete - auf einer Klassenfahrt bekommen hatte.
"Was sie jetzt alles für Lollies auf den Markt bringen ist unglaublich",
sagte er gerade. "Kugelschreiberlollies. Lollies, die sich von einem Motor
angetrieben von selbst im Mund bewegen, so daß du gar nicht mehr
zu lecken brauchst. Was für ein Schrott! Das verwöhnt doch ohne
Ende! Mädels, die mit sowas großgeworden sind, die erwarten
doch jetzt, daß sich alles, was man ihnen zum Lutschen in den Mund
steckt, von selber dreht. Die sollten mal Lutscher erfinden, die nach zehn
Minuten lecken im Mund explodieren, vielleicht mit Brause und so."
"Schwammer, du bist unmöglich", stellte Tibor fest, während sich
Gonzo noch ein Glas Wein einschenkte. Pif hatte den Ausdruck "Schwammer"
verliehen bekommen, weil es ihm angeblich sexuelle Lust bereitete, heimlich
auf einen kleinen Schwamm zu urinieren und ihn dann über seinem Kopf
auszudrücken.
"Will sonst noch jemand von dem Chili?" fragte Karen, die gerade in die
Küche gekommen war, um sich einen Teller voll zu nehmen.
"Davon kriegt man eh nur BSE", behauptete Tibor.
"Männer nicht", bestritt Karen.
"Seit wann können Männer kein BSE kriegen?"
"Weil sie Schweine sind", stellte Karen lakonisch fest und verließ
mit ihrem Teller die Küche.
"Obwohl, das ist nicht wahr", sagte Arielle. "Mein Ex-Freund
hatte Anfangserscheinungen von BSE, bevor ich ihn verlassen habe."
"Wie hat sich das gezeigt?" fragte ich.
"Er hat abends im Bett immer mit dem Schwanz nach Fliegen geschlagen."
Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, während ich noch überlegte,
was ich dazu sagen sollte.
"Mit sexuellen Randerscheinungen kenst du dich ja wohl am besten aus",
sagte Pif mit einem verschmitzten Augenaufschlag in meine Richtung. "Was
macht die Sado-Maso-Szene eigentlich gerade?"
Ich zuckte die Schultern. "Immer noch schwierig, eine passende
Frau zu finden, auch wenn man die Ansprüche mit der Zeit immer mehr
runterschraubt."
"Klar", erwiderte Pif, "wenn man erstmal richtig notgeil ist,
dann kriegt man seinen Harten vermutlich schon bei Vileda." Arielle betrachtete
mich lächelnd. Meine sexuellen Vorlieben waren bei meinen Freunden
noch nie ein großes Geheimnis gewesen. Bis auf ein, zwei Ausnahmen,
die mir egal sein konnten, schien sich auch niemand im geringsten daran
zu stören.
"Was sollen wir heute nacht nur mit uns anfangen?" rülpste Gonzo,
der in die Bank zurückgesunken war. "Und morgen früh, und den
Tag drauf und die nächsten dreißig Jahre?"
"Na, er hier scheint ja schon eine Idee zu haben", sagte Tibor
und wies auf meine Hände. Erst jetzt bemerkte ich, daß ich geistesabwesend
mit einer Rolle Blumendraht herumspielte, die auf dem Tisch gelegen hatte.
"Gehen dir dabei irgendwelche netten Phantasien durch den Kopf?"
Ich mußte grinsen. "Also Anne sähe damit gefesselt
bestimmt wunderschön aus ..."
"Geile Idee!" rief Pif, schnappte sich den Blumendraht und sprang
auf die Beine. "Mal gucken, was sie dazu sagt." Damit stürmte er aus
dem Raum.
"Hey, Augenblick mal", protestierte ich und versuchte in die
Höhe zu kommen und ihn aufzuhalten, aber da war er schon im Gang verschwunden.
Ich blieb für einige Sekunden verdattert sitzen. Dann hörte ich
lautes Gelächter aus dem Partyraum kommen.
"Bin mal gespannt, was jetzt passiert", sagte Tibor.
"Erwarte das Schlimmste", meinte Arielle.
"Dreißig!" sagte Gerald und schwankte im Raum herum. "Das war's.
Die tollen Jahre sind endgültig vorbei. Und dir sagen sie, Zeit ist
relativ!"
"Albert Einstein meinte, er wäre auch lieber Uhrmacher geworden,
wenn er das alles kommen gesehen hätte", warf Gonzo ein, wobei er
schon mit ziemlich schwerer Zunge sprach.
"War er Schweizer?" wollte Gerald wissen.
"Nicht Albert Schweitzer!" blaffte Gonzo. "Albert Einstein!"
Ich schüttelte irritiert den Kopf, dann sah ich zur Tür. Anne
war in den Raum getreten. Sie hielt den Blumendraht in der Hand. Ihr Gesicht
schien voller Vorfreude zu glühen, und ihr Mund war durch ein herausforderndes
Lächeln noch breiter geworden. Hinter ihr drängten sich erwartungsfroh
Pif, Karen und Valentina im Türrahmen, als ob sie das Gefolge einer
Amazonenkönigin waren. Ich wußte nicht ganz, wie ich auf diese
etwas unerwartete Situation reagieren sollte.
Anne hob den Draht in die Höhe. "Ich habe gehört, du möchtest
dich damit gerne fesseln lassen?"
"Hör zu" - ich hob abwehrend die Hände - "wir haben hier eine
rein philosophische Diskussion geführt und ..."
"Eigentlich hat er gesagt, daß er dich gerne damit fesseln
würde", gab Tibor ungefragt zum besten.
"Das ist nicht wahr!" protestierte ich, aber da war Anne schon
auf mich zugetreten. Ihre Augen funkelten. "Davon halte ich wenig", sagte
sie. "Ich finde, wir sollten es andersherum machen. Ich werde dich jetzt
fesseln, einverstanden?"
"Au ja", grunzte Gonzo, erlangte langsam wieder sein volles Bewußtsein.
"Fesselspiele! Super Einfall!"
Anne hielt den Draht vor mein Gesicht, wartete auf meine Antwort. Die beiden
Mädchen im Türrahmen schauten ungeheuer ernst und gespannt aus.
Ich konnte nicht ganz einschätzen, was sie von mir erwarteten. Pif
grinste. Vor mir stand Anne. "Also gut", sagte ich und hatte den
Eindruck, daß meine Stimme durch meine zugeschnürte Kehle kaum
hindurchkam, vom Hämmern meines Herzens verschluckt wurde. Mein linkes
Bein schien plötzlich von unter schwerem Strom stehenden Ameisenstämmen
bevölkert, ein letztes Andenken an eine Neuralgie, die ich vor einiger
Zeit überwunden hatte. Sowas passierte mir aber auch immer, wenn ich
meine Bachblüten gerade nicht dabeihatte. Doch jetzt gab es kein Zurück
mehr, meine erotische Anspannung war ununterdrückbar geworden. "Fessle
mich!"
Ich hielt ihr zunächst meine überkreuzten Handgelenke
entgegen, aber Anne schüttelte den Kopf und ließ mich auf dem
Stuhl platznehmen, auf dem eben noch Pif gesessen hatte. Die Rückenlehne
bestand aus einigen senkrechten Sprossen, an denen sie meine Hände
mit geschickten Griffen so festband, daß meine Arme jetzt hinter
mir an dem Stuhl befestigt waren. Dann schnitt sie den Draht mit einer
Schere ab, die Gerald ihr gereicht hatte, und fesselte meine Fußknöchel
stramm an die Stuhlbeine. Endlich richtete sie sich wieder auf und betrachtete
ihr Werk mit stolzem Blick. Ich war bewegungsunfähig, ihren Einfällen
völlig hilflos ausgeliefert. Der glatzköpfige Einsiedler zwischen
meinen Beinen begann sich zu recken und zu räkeln.
"Und was machst du jetzt?" fragte Karen mit skeptischer Stimme von der
Tür her. Mein Kopf war inzwischen vermutlich hochrot geworden. Die
Vorstellung hier zum Spektakel der übrigen Gästeschar herhalten
zu müssen, gefiel mir nicht besonders, aber Anne übte einen kaum
vorstellbaren erotischen Zauber auf mich aus, dem ich mich unmöglich
entziehen konnte.
Nach kurzem Überlegen trat sie auf den Topf mit dem Chili zu und häufte
einige große Löffel auf einen Teller. Dann fragte sie Gerald,
ob er irgendwo noch ein paar wirklich scharfe Gewürze vorrätig
habe. Er förderte aus seinem Küchenschrank verschiedene Mühlen
und Dosen hervor, deren Inhalt äußerst großzügig
in dem Chili verteilt wurde. "Das wird lecker", strahlte Pif. "Lieber ein
bißchen zuviel als zuwenig", empfahl Gonzo. Endlich trat Anne mit
dem Teller auf mich zu und schob mir den ersten Löffel in den Mund.
Teufel, das war aber auch scharf! Schon nach den ersten Löffeln schien
meine Mundhöhle in Flammen zu stehen. Ich wollte den Kopf beiseitedrehen,
aber Anne hatte mein Kinn fest im Griff. Während Gonzo ihr den Teller
reichte, schob sie mir einen Löffel nach dem anderen zwischen die
Lippen. Ich japste nach Luft, mir brach am ganzen Körper der Schweiß
aus. Anne war unerbittlich. "Brav den Teller aufessen, dann gibt's morgen
auch schönes Wetter", tönte Pif frohgemut. Karen und Valentina
reckten die Köpfe, um an Anne vorbeisehen zu können. Endlich
war der Teller leer. "Wasser", stieß ich schnaufend hervor. "Wasser!"
"Wasser will mein Kleiner haben? Aber natürlich!" Anne trat
zur Spüle und füllte ein Glas mit Wasser. Dann trat sie wieder
vor mich, hielt es ein paar Zentimeter vor mein Gesicht und begann, es
leicht zu neigen. Ich ruckte mit meinem Kopf soweit vor, wie es ging, aber
sie hielt das Glas so, daß ich es gerade nicht mehr erreichte. Das
Wasser floß jetzt über den Rand. Ich streckte meine Zunge so
weit aus meinem Mund heraus, wie es ging und machte gierige, leckende Bewegungen,
um wenigstens ein paar Tropfen von diesem kostbaren Naß zu erreichen.
Anne betrachte mich dabei mit einem genußvollen Lächeln. Meine
Bewegungen erweckten den Eindruck, daß ich nach ihrem grazilen Körper
lecken würde, den sie aber konsequent auf unerbittlichen Abstand hielt.
Mit anderen Worten, ich machte mich vor ihr und den anderen ziemlich zum
Affen.
"It's partytime!" frohlockte Felix, als er mit wedelnden Armen
in den Raum tänzelte und nach einem Hackfleischbrötchen griff.
Sein Blick fiel auf mich und Anne. "Was macht ihr denn da für eine
Wutzerei, Kinder? Partyspielchen?" Ohne auf eine Antwort zu warten, entschwebte
er wieder in den Gang.
Anne setzte sich jetzt in meinen Schoß, legte einen Arm
um meine Schulter und gab mir das restliche Wasser zu trinken, das ich
in gierigen Zügen herunterschluckte. Sie verlagerte ein wenig das
Gewicht, wobei ihr die Veränderung, die mit meinem Körper in
den letzten Minuten im Hüftbereich geschehen war, unmöglich entgehen
konnte. Der Stoff meiner Hose war sehr dünn.
"Wollt ihr schon schlappmachen?" plärrte Gonzo von der Bank her. Neben
ihm kam Dennis langsam zu sich. "Macht schon weiter! Ich will Fleisch sehen!
Kentucky schreit ficken!"
"Was meinst du?" flüsterte mir Anne ins Ohr und strich über
den Stoff meiner Hose. "Wollen wir sie ein bißchen Fleisch sehen
lassen? Valentina und Karen würden sich bestimmt auch darüber
freuen. Und wir würden alle sehen, daß dir die Sache genausoviel
Spaß macht wie mir."
"Bitte nicht", sagte ich und starrte ihr beschwörend in
die Augen.
"Du könntest jetzt gar nichts machen, um mich davon abzuhalten,
oder?" sagte sie. "Du bist mir völlig ausgeliefert."
"Bitte!" flehte ich sie noch einmal an.
Sie lachte. "Und was krieg ich dafür, wenn ich es mir anders
überlege?"
Ich war für einen Augenblick sprachlos. "Was du willst",
stieß ich dann hervor. "Du kannst alles mit mir machen, was du willst."
"Aha. Aber kann ich das nicht sowieso schon?" Auf ihrem Gesicht
zeichnete sich ein diebisches Vergnügen ab. "Außerdem glaube
ich nicht, daß Gerald hier irgendwo eine Peitsche hat."
"Wir finden bestimmt irgendwas", stammelte ich. Meine Ohren glühten.
"Einen Gürtel oder so. Vielleicht können wir uns in einen der
Räume zurückziehen, wo ich ... wo wir alleine sind, und du kannst
dann wirklich alles mit mir anstellen, was dir in den Kopf kommt."
Sie schmunzelte. "Irgendwie habe ich den Eindruck, das würde
dir sogar noch besser gefallen als mir. Nein, nein, ich finde, wir brauchen
noch ein bißchen Publikum. Nur sollten wir vielleicht endlich mal
die Beziehung zwischen uns beiden klären. Wie wär's, wenn du
mich in Zukunft 'Herrin' nennst?"
Ich schluckte. Rasmus kam in die Küche gewankt und erbrach
sich ins Spülbecken. Dennis hatte begonnen, aus den übrigge
bliebenen Hackfleischbrötchen kleine Figuren zu kneten. Endlich nickte
ich. "Also gut", flüsterte ich. "Herrin."
"Du wirst alles tun, was ich von dir verlange?"
"Ja, Herrin." Ich hatte den Kopf gesenkt.
"Lauter. Und schau mich an dabei."
Ich hob den Kopf. "Ja, Herrin!"
Gonzo sagte etwas, was ich nicht verstand. Ich konnte über das Rauschen
in meinen Ohren seine Stimme nicht mehr hören. Mit den anderen ging
es mir genauso. Karen hatte ihren Kopf in Valentinas Schulter vergraben.
Anne sagte irgendetwas zu den beiden, woraufhin Valentina verschwand und
Sekunden später mit einer Handtasche zurückkam. Sie holte einen
Lippenstift und verschiedene Schminkutensilien hervor, die sie Anne in
die Hand drückte, woraufhin diese sich daran machte, damit mein Gesicht
zu verschönern. Ich mußte wehrlos alles mit mir geschehen lassen.
Arielle räumte mit einer entschlossenen Armbewegung die Flaschen
und Essensreste vom Tisch, legte sich rücklings darauf und spreizte
die Beine, schloß sie wieder, spreizte sie erneut. Gonzo hatte auf
der Eckbank eine Flöte gefunden und entlockte ihr eine Melodie beinahe
schmerzhaft trauriger, nahezu hypnotisie- render Töne. Pif und Karen
waren plötzlich verschwunden. Dennis versuchte, seine verspannten
Muskeln mit einigen konzentriert ausgeführten Tai-Chi-Bewegungen zu
lockern. Gerald schien entdeckt zu haben, daß mit der Küchenuhr
irgendetwas nicht stimmte und versuchte verzweifelt, das Glas vor ihrem
Zifferblatt zu öffnen.
Anne hatte jetzt vor mir Aufstellung genommen, ihren rechten Fuß
auf die Sitzfläche meines Stuhles gestellt, direkt zwischen meine
Beine. Sie drückte leicht dagegen, ich kippte ein paar Zentimeter
nach hinten. Kurz bevor ich umstürzte, verlagerte sie ihr Gewicht
in die andere Richtung, so daß ich in der Schwebe gehalten wurde.
Sie strahlte mich mit einem sadistischen Lächeln an. Auf kaum eine
andere Weise konnte sie symbolisch besser verdeutlichen, wie sehr mein
Schicksal von ihrer momentanenen Lust und Laune abhing. Außer ihr
waren jetzt nur noch Dennis, Gerald und Gonzo im Raum, aber bis auf den
Klang der Flöte konnte ich kein einziges Geräusch hören.
Nicht einmal mehr Partylärm aus den Nebenzimmern.
Und dann ließ mich Anne endgültig nach hinten kippen. Ich fiel
hilflos zu Boden. Sie trat einen Schritt auf mich zu und hielt ihren rechten
Schuh über mein Gesicht. Ich öffnete langsam den Mund, ließ
meine Zunge hervorschnellen, leckte gehorsam ihre Sohle. Kaum zu glauben,
fuhr es mir durch den Kopf, Markenschuhe, so günstig ... Einer von
den Jungs mußte sich eine Zigarette angezündet haben. Durch
ihren Rauch, der als weißer Nebel über die Küche schwebte,
sah ich die kreisrunde Lampe an der Decke leuchten wie eine Hostie. Zu
meiner Linken tapste ein Tukan verschlafen zwischen den leeren Colakästen
herum.
Dann stand Anne breitbeinig über mir. Langsam ging sie in die
Hocke, dann kniete sie sich auf mich, so daß auf jedem meiner Arme
die Hälfte ihres Gewichtes lastete, wodurch sie schmerzhaft gegen
die Sprossen des Stuhles gepresst wurden. Anne hielt plötzlich ein
Glas Senf in der Hand, nahm einen Löffel heraus und flößte
ihn mir ein. Ich konnte nichts tun; sobald ich den Kopf zur Seite drehte,
verstärkte sie den Druck auf meine Arme so, daß der Schmerz
unerträglich wurde. Der Senf war dermaßen scharf, daß
das Chili geradezu lächerlich dagegen gewesen war. Heiße Tränen
stiegen mir in die Augen, bildeten einen Schleier, hinter dem die gesamte
Umgebung, schließlich auch Anne, immer schemenhafter wurde.
Ich konnte gerade noch wahrnehmen, wie sie sich dicht zu mir herunterbeugte,
spürte ihren warmen Atem auf meinem Gesicht. "Vielleicht hast du ja
recht", flüsterte sie mir sanft ins Ohr, und ich konnte die Wärme
förmlich in mir aufnehmen, die von ihr ausging. "Vielleicht sehe ich
gefesselt ja wirklich wunderschön aus."
Ich streckte meine Arme nach vorne und schlang sie um ihren weichen
Körper. Anne, hämmerte es in meinem Kopf. Anne, Anne, Anne, Anne,
Anne, Anne, Anne. Dann zerfloß ich unter ihrer Berührung, wurde
zu schmelzender Flüssigkeit, löste mich auf, bis ich endgültig
verschwunden war.
Als ich zu mir kam, lag ich in meinem Bett. Mein Zimmer war dunkel.
Ich war allein, hielt die Decke mit beiden Händen umklammert. Das
Kissen, auf dem mein Kopf lag, war feucht und kalt. Ich rang keuchend nach
Luft. In meinen Armen spürte ich einen höllischen Schmerz, der
nur langsam weichen wollte. Ich war allein.
Scheiß-Ende, was?