Charlotte von Stein
Ein Trauerspiel
in
fünf Aufzügen
(1794; Text nach der Ausgabe von Alexander von Gleichen-Rußwurm, Berlin
1920)
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Inhalt: Erster Aufzug - Zweiter Aufzug - Dritter Aufzug - Vierter Aufzug - Fünfter Aufzug
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Personen
Dido, Königin von Karthago
Elissa, ihre Freundin
Zwei Räte der Königin
Ogon, ein Poet
Dodus, ein Philosoph
Aratus, ein Geschichtsschreiber
Sechs Gesandte, worunter obige drei Gelehrte
Albicerio, ein Priester
Jarbas, ein afrikanischer König
Feldherr vom König Jarbas
Mandat, Feldherr der Karthaginenser
Ein Einsiedler
Ein Diener des Tempels
Zwei Kaufleute aus Karthago
Zwei Sklaven Eine Wache Volk
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Der Schauplatz ist in Karthago
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Erste Szene
Dido
Ich danke dir, geliebte Freundin, für deine Liebe, für alles, was du mir da gesagt, was ich auch lange in dir geahndet, für deine Treue, für deine Zuneigung; aber mein Herz ist selten eines vertraulichen Gesprächs mehr fähig; ich bitte dich, liebe Elissa, laß mich allein.
Elissa
Du würdest mich glücklicher machen, wenn du meine Liebe immer aufnehmen könntest; ich suche dich doch bald wieder auf. (Geht ab)
Zweite Szene
Dido (allein)
Es blühet alles um mich herum, alles ist im Wohlstand; mein Volk, meine Seemacht, alle Hantierungen; es dringt keine Stimme des Mangels mehr zu meinem Ohr! Anbieten muß ich meine Hilfe; es ist nirgends eine dringende Not. Auch Künste und Wissenschaften, aus meinem geliebten phönizischen Vaterland, schlagen hier Wurzel, ohne, wie dort im übermütigen Tyrus, auszuarten. Es ist alles glücklich. - - - (Sie geht einige Schritte in Gedanken) So weit also kann es die menschliche Natur nicht bringen, ein fremdes Glück sich im Gefühl zuzueignen? - - - O mein Acerbas! Mein Gemahl! Mit dir ward mir ein Weltall geraubt!
Dritte Szene
Dido. Ein Sklave.
Sklave.
Einer von deinen Räten verlangt Gehör.
Dido.
Führe ihn ins Sprachzimmer. (Ab)
Vierte Szene
Das Sprachzimmer der Königin
Dido. Der Rat.
Rat
Die sechs Gesandten, welche der Gätulische König Jarbas begehrte, sind zurückgekommen; sie verlangen vorgelassen zu werden und erwarten deine Befehle.
Dido
Laß sie hereinkommen. (Die Tür wird geöffnet)
Fünfte Szene
Dodus, Ogon, Aratus und noch drei Abgesandte und die Vorigen.
Dido
Sagt an, edle Männer, was war des Königs Jarbas Begehren?
Dodus
Er lobte unsre Sitten, unsern Verstand
Ogon
Auch unsre Reichtümer.
Dodus
Schalt auf die Barbarei seines Landes, schämte sich ein Gätulier zu sein; genug, er verlangte einige aus deinem Volk, um den Seinigen Aufklärung zu lehren.
Dido
Das macht den Meinigen Ehre. Wer bietet sich dazu an? Ihr schweigt?
Aratus
Königin, wer von uns, an das gebildete Land gewöhnt, könnte unter den Barbaren leben?
Alle Abgesandten
Keiner!
Dido
Das hätte ich nicht gedacht. Also keiner wäre einer Aufopferung fähig, die sein Vaterland zuletzt beglücken könnte! O glaubt mir! unsrer Nachbarn Weisheit bringt uns Heil, so wie ihre Torheit uns auch über die Grenze kommt.
Aratus
Königin, du hast dein Urteil gesprochen! Höre die Wahrheit! Der König der Gätulier dringt auf sein schon ehemaliges Begehren. Versagst du ihm deine Hand, so überzieht er dein Volk mit einem blutigen Krieg!
Dodus
Wem geziemt die Aufopferung? (Während die Königin in Gedanken steht, deklamiert er vor sich.) So ist unser Schicksal! Der heutige Tag und der morgende und der noch folgende sind Pfänder von Begebenheiten in der Hand des Verhängnisses, von welchem wir keine Kenntnis haben! (Die Königin noch immer in Gedanken)
Ogon
(nachdem er die Wände betrachtet, auf denen Trauben gemalt sind)
Auf, süßes Mädchen! Erwache und bring uns den Morgentrank in einem weiten Becher! Und leide nicht, daß die reichen Thrazischen Weine länger gehäuft werden.
Dido
Ich will es hier mit meinem Rat überlegen.
(Die Gesandten alle ab)
Sechste Szene
Dido. Der Rat.
Rat
Königin, dein Volk wird dies Opfer, wie es schon einmal äußerte, von dir verlangen. Zwar versteht es nicht, daß es dir ein Opfer ist. Der große Haufe begreift nicht die zarten innern Gefühle; nur die, die sich dir nähern, die selbst durch dein Wesen dazu umgebildet worden, diese ahnden deinen Widerwillen.
Dido
Ich verstehe dich. So habe ich also nicht genug getan! So habe ich mir nicht so viel Liebe von ihnen erworben, daß sie mich gegen die Gewalt eines Nachbars schützen, der meine Hand aus Raubsucht begehrt! Aber auch Undank rührt mich nicht mehr.
Rat
Du hast ja Gelehrte an deinem Hof, Redner, Dichter, Lieblinge der Götter, laß sie auftreten! Ihre Sprache bezaubert das Volk; sie können es von seinem Unrecht belehren. Das nackte Recht dringt nicht ein, wie man in einer Versammlung den schönsten nackten Körper nicht sehen möchte, wohl aber, wenn ihm schöne Kleider angepaßt sind. So, Königin, laß sie einmal, wie unsereins, etwas zur Wohlfahrt des Landes tun!
Dido (vor sich)
Der gute Mann begreift nicht, daß es Begeisterte sind, die nur sprechen, was sie müssen, nicht was sie wollen. (Laut) Lieber Mann, diese Lieblinge der Götter wollen auch wie Götter behandelt sein, und lassen sich nicht befehlen.
Rat
Königin! du bist eine weise Frau, und wir lassen uns gern von dir leiten und verehren deine Befehle; aber allzuviel Güte Glaube mir, ahme auch darinne den Göttern nach, die uns einen Haufen von Übeln lassen. Lauter Güte von ihnen, und gewiß, wir stürzten selbst die Götter vom Thron.
Dido
Wehe allen schönen Träumen zu einem vollkommenen Ziel, wenn selbst die Götter zu ihrem Thron des Übels bedürfen.
Siebente Szene
Eine Wache. Die Vorigen.
Wache
Ein paar Gätulier sind eben in unsre Mauern getreten; sie fragen nach der Wohnung des heiligen Sehers Albicerio.
Rat
Sollten es heimlich Abgeschickte des Königs Jarbas sein, so wird sie die Albicerio, dieser heilige Mann, gewiß zum Besten lenken; denn ohne seine Drohungen von voraussehender Rache der Götter auf das Haupt deines Bruders Pygmalion wärest auch du seiner Mordsucht nicht entgangen.
Dido
Auch bin ichs nicht! Der Dolch, mit dem er meinem Gemahl das Herz durchstach, hat auch das meinige getroffen.
Rat
Ich gehe, Königin, mich nach diesen Männern zu erkundigen.
(Geht ab mit der Wache)
Dido
Die Götter begleiten dich! (Allein) Mein Schluß ist gefaßt. (Ab)
Achte Szene
Zimmer des Aratus mit Büchern, Landkarten usw.
Aratus. Ogon. Dodus.
Aratus
Willkommen, Brüder, hier wieder in unsrer Heimat. Laßt uns heute zusammen bleiben, und erzählt mir etwas von den Helden der Vorwelt; ich kann es zum Studium meiner Geschichte brauchen; an honigtem Wein solls euch nicht fehlen.
Ogon
Freund, willst du unsre Erfindungen der Welt als Wahrheiten überliefern?
Aratus
Und wenn auch! Was in Gedanken da war, könnte auch in der Tat da sein.
Dodus
Falscher Schluß! Wohl uns, daß es der Natur ein Widerspruch ist, manche unsrer Ungeheuer ins Wirkliche hervorzurufen.
Aratus
Ich sah doch schon manches Ungeheuer sich aus deiner Philosophie entwickeln, und die moralischen Ungeheuer haben gefährliche Rachen, indes die physischen wenigstens dem Arzt in der Zergliederungskunst dienen.
Dodus
Und erstere sind uns Philosophen und Poeten ein herrliches Thema; dies verbannt die tödliche Langeweile und gibt ein Treiben und Streben unter den Menschen.
Aratus
Aber das Glück des größeren Haufens, der keine Langeweile hat, soll es das grausame Spiel philosophischen Zeitvertreibs sein?
Ogon
(der indes in einem Buch geblättert)
Freunde, laßt mich auch etwas dazu sagen. Die Natur hat es zu wenigen einzelnen Weses ihres Ideals bringen können; diese waren ihr Zweck, und in diese Gattung gehören wir Poeten und Philosophen, von denen sie sichs eigentlich noch recht vorsagen läßt, was sie gemacht hat; das übrige ist das Gewürme, das unbemerkt zertreten wird.
Aratus
Zertretet nur nicht den Geschichtsschreiber! denn der muß eure Biographie der Nachwelt überbringen. Doch, lieben Brüder, ohne Scherz, ihr redet oft törichte Worte und so lange, bis ihr selber daran glaubt.
Ogon
Höre, Aratus; ich will dir nur die Wahrheit gestehen. Ich war einmal ganz im Ernst nach der Tugend in die Höhe geklettert, ich glaubte, oder wollte das erlesene Wesen der Götter sein, aber es bekam meiner Natur nicht; ich wurde so mager dabei. Jetzt seht mein Unterkinn, meinen wohlgerundeten Bauch, meine Waden! Sieh, ich will dir freimütig ein Geheimnis offenbaren! Erhabene Empfindungen kommen von einem zusammengeschrumpften Magen. Also, was ich dir vorher sagte, paßt nicht auf mich; ich zähle mich jetzt auch unters Gewürm, lebe auch am liebsten mit ihnen und bin ein rechter gutmütiger Narr. (Die andern lachen, Ogon öffnet die Nebentür) Lieber Freund! Laß uns da hineingehen! Bei der abkühlenden Springquelle drinnen und dem Ruheteppich wird mirs gemütlicher.
Aratus
Sehr gern. (Alle ab)
Neunte Szene
Das Schloß, eine Hauptwache, ein freier Platz davor.
Der König Jarbas, sein Feldherr,
als gemeine Gätulier verkleidet.
Jarbas (zur Wache)
Kriegsmann, das ist ein schöner Palast, sehr geschmackvoll; nicht wahr, den erbaute auch eure Königin?
Wache
Ja, Kamerad!
Jarbas
Liebt ihr eure Königin? Und macht sie euch alles recht?
Wache
Erst antwortet mir, seid ihr nicht Gätulische Kriegsleute?
Jarbas
Wohl, das sind wir.
Wache
Nun, so will ich euch sagen, daß wir unsere Königin lieben; denn wer liebt nicht eine schöne Frau? Aber recht macht sie uns noch lange nicht alles.
Feldherr
Es mag wohl auch ein himmelweiter Unterschied von ihren und euren Gedanken sein.
Wache
Mein Herr, auch gelehrten Leuten macht sie es nicht recht; von denen haben wirs eben erfahren. Da ist einer, der Dodus heißt, der kanns euch recht sagen. Unter diesem Säulengang geht er immer herum, spricht mit sich selber und macht wunderliche Gesichter. Erst dachten wir, er sei trunken oder toll, aber er sagte wohlklingende Worte, die wir nicht verstanden; dann wurde er manchmal wütig mit Gebärden. Durch den haben wir nach und nach, wenn frische Wache aufzog, alles erfahren, was die Königin anders machen könnte.
Jarbas (zum Feldherrn)
Dieser Dodus könnte uns vielleicht besser dienen als der Seher Albicerio; aber nun zu unserm Vorsatz! (Indem er sich von der Wache wendet) Die Karthaginenser tun alles fürs Geld, das ist bekannt; also ihre Götter wohl auch, die das Geld lieben, wie unsereins, weil es das Zeichen der Macht ist; dies wird dem Albicerio geopfert. Die Götter befahlen also durch ihn, die Königin soll meine Hand annehmen, oder ihr Zorn stürzt auf ihr Land herab! Der Königin Weigern empört das Volk, das ich schon längst auf meiner Seite hatte; ich falle ins Land ein mit Gewalt, und sie, oder auch nicht sie, ihre Schätze, die ich haben will, sind mein.
Feldherr
Aber, König! Dein erhabner Stand, erlaubt er dir wohl so unedle Mittel? Sie schlug deine Hand ab, ehe sie dich sah; gewinne sie durch deine Liebe, und du teilst rechtmäßig ihren Thron.
Jarbas
Wie weißt du, daß ich sie lieben kann? Dieses glücklich gepriesene Gefühl des Herzens haben mir die Götter versagt; Sklavinnen sind alles, was ich begehre, und in der Liebe sind meine schönen afrikanischen Pferde mir die nächsten am Herzen.
Feldherr
Ich weiß wohl, daß dieser edle Funke selten rein in ein Männerherz gekommen ist, aber einem König geziemt vor allen ein untadelhafter Weg.
Jarbas
Es ist ein besonder Ding um die Tugend! Wenn sie nur so recht eigentlich gestempelt wäre! Aber wir Mächtigen geben ihr freilich nur das Gepräge, das bei uns gilt. Ich kann mir den Begriff von ihr nicht recht fest machen. Sieh! Es kommt mir eben vor, als käme auf unserm Platz nicht viel dabei heraus.
Feldherr
Wer sie nicht fassen kann, dem ist sie auch nichts. (Die Königin kommt aus ihrem Palast und zieht mit ihrem Gefolge vorüber; die Wache paradiert mit blasenden Instrumenten)
Jarbas
Wo geht sie hin, diese vornehme Frau, mit Götteranstand?
Wache
In die Elysischen Gärten geht die Königin, die wir ihrer Schönheit wegen so nennen.
Jarbas
Wirst du abgelöst, so führe uns hinein, wenn sie einem Fremden offen sind.
Wache
Die Stunde schlägt eben. (Frische Wache zieht auf, löst die alte ab)
Zehnte Szene
Neue Wache. Die Vorigen.
Neue Wache
Wer sind die Fremden?
Alte Wache
Es sind Gätulier; ich führe sie jetzt herum. (Zu den Fremden) Nun, Männer, kommt! Ich gehe mit euch.
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Erste Szene
Königin (zu Elissa)
Hast du gefragt, wer die fremden Männer sind, die so neugierig herumgingen?
Elissa
Es sind Gätulier, die kurz nach der Zurückkunft unserer Gesandten von dort auch hier eintrafen. Aber siehe! Sie nähern sich uns.
Jarbas
Verzeihe, große Königin, daß wir uns unterstanden, deine Rasenteppiche zu betreten.
Königin
Ich ließ sie nicht für mich allein pflegen; ich gönne jedem Auge ihr stärkendes Grün, und jedem Fuß ihren samtnen Widerstand.
Elissa
So großmütig sind meine Gesinnungen nicht; nur Arm in Arm mit meinen Freunden erlaubte ich, ihre Haine zu benutzen.
Feldherr
Deine Vorstellungen messen sich eingeengter nach deinem Stand. Oder hältst du uns für unwürdig, die Tritte deiner Königin auch zu betreten?
Königin
Was brachte euch in unsere Mauern?
Jarbas
Der König wollte durch die Augen seiner Landsleute nochmals den Ruf deiner Schönheit und Klugheit sich bestätigen lassen.
Königin
Ich glaubte, ihr hättet den Vorteil, bei euren, wie man sagt, rauhen Sitten, den Fehler der Schmeichelei nicht zu kennen.
Jarbas
Es gibt verschiedene Ursachen, warum man die Wahrheit nicht gerne hört; ich verehre die deinige.
Elissa
Diese Männer geben keine Alltagsantworten.
Zweite Szene
Die Vorigen. Albicerio.
Albicerio (zur Königin)
Die Stunde hat geschlagen, wo mich deine Befehle hierher ruften.
Königin
Sei mir willkommen, liebster Albicerio! Der abkühlende Abend wird dir auch nach ausgestandener Schwüle in diesem Garten wohltun. (Sie nimmt ihn bei Seite) Teurer Albicerio! Hier unter diesem schönen freien Himmel, wo mich schon mannigmal dunkle Ahndungen von erhebender unerklärbarer Trauer ergriffen haben, hier sollst du mir einen Rat erteilen. Aber laß uns dort in dem einsamen Zypressengang niedersitzen, wo ich dir meinen gefaßten Entschluß unter ihren himmelragenden Spitzen ruhiger mitteilen kann. (Gehen ab)
Jarbas (zum Feldherrn)
Dies war ja der Mann, den wir suchten.
Feldherr
Er hat ein zu edles Ansehn zu deinem Vorhaben.
Jarbas
Laß uns indes noch in diesen Gärten weitergehen, bis ich Gelegenheit zu einer Bekanntschaft mit diesem Manne finde.
Feldherr (zu Elissa)
Erwartest du die Königin hier?
Elissa
Hinter dieser Blumenbank, die sie selbst erzog, will ich mich in Erwartung ihrer niedersetzen. Es ist mir süß, ungestört an meine Freundin zu denken.
Jarbas (zum Feldherrn)
Verstehst du? Sie heißt uns gehen.
Elissa
Ungern erlaube ich euch diese Auslegung; denn ihr seid gesittete Männer; aber mein Gemüt nimmt schwer etwas Fremdes auf.
Jarbas
Deiner Aufrichtigkeit können wir unsern Beifall nicht versagen.
Elissa
Aber die Aufrichtigkeit ist die allerungesellschaftlichste Tugend.
Feldherr
Nun, so werden uns die wirtbaren Schatten dieser Bäume williger aufnehmen.
(Ab. Elissa entfernt sich hinter ein Blumenbeet. Indem sie gehen, kommen die drei Gelehrten spaziert)
Dritte Szene
Ogon. Dodus. Aratus.
Ogon
Freunde, trügt mich mein Auge nicht, so ist dies der König Jarbas mit seinem Feldherrn. Sie müssen uns auf den Tritten gefolgt sein, aber sie scheinen uns zu fliehen.
Aratus
Wir gehen ihnen nach, da sie uns nachgegangen sind.
Dodus
Recht so! Kommt, kommt!
Vierte Szene
Königin und Albicerio
kommen wieder hervor.
Königin
Nur deinen Beifall habe ich noch zu meinem Vorhaben erwartet, um meinen Entschluß auszuführen.
Albicerio
Laß mich noch erst die Götter darum fragen.
Königin
Allmächtige da oben, seid meinem einsamen Gemüte hold, und sendet gnädige Zeichen eurem Priester herab!
Albicerio
Königin, mein Beifall ist uneigennütziger als du glaubst, und der Götter dir günstige Zeichen mir ein trauriger Befehl.
Königin
Mein dankbares Herz wird dich auch nie in der Ferne vergessen.
Elissa
(die sich genähert hat)
Was sagt meine Königin?
Königin
Liebe Elissa, mit dir Hand in Hand will ich der Welt entsagen. Willst du mir folgen?
Elissa
Das ist mir ein Rätsel, aber folgen tue ich dir, und wär es zu den Unterirdischen.
Albicerio
Sie bindet Schwesterliebe, aber ach! Ich bin auf ewig von ihr geschieden.
Königin
Deine Trauer kränkt mich, du siehst ja, wie mir das Schicksal befiehlt.
Albicerio
Gute Götter, wie leicht hättet ihr uns die Tugend machen können, hättet ihr immer unsere Empfindungen mit den höheren Befehlen in uns übereinstimmen lassen! Ich billige deinen Entschluß, aber, ach! Vergib, Königin, meinem Dir allzu anhänglichen Herzen.
Königin
Ich verehre dich, heiliger Mann! Daß mir die Götter deine Liebe gaben, bürgt mir auch ihr Wohlwollen.
Albicerio
Ich gehe zum Altar und bereite das Opfer, aber eine dunkle trübe Ahndung beklemmt mir das Herz. (Geht ab)
Elissa
Du legst also deine Krone nieder? Der einsame Abendstern schimmert auch schön.
Königin
Wenigstens blickt er ruhig herab, und keine trübe Wolke zieht an ihm vorüber.
Elissa
Meine Freundin, meine Königin! Warum willst du dich deinem Reich entziehen, das so glücklich von dir regiert wird?
Königin
Eben zu seinem Glück ist es notwendig; ich will es von einem Krieg retten, den mir Jarbas ankündigt, wenn ich ihm meine Hand versage. Diese Hand, mit der ich ein Gelübde tat, sie nie einem zweiten Gemahl zu reichen ein Herz hatte ich so nicht mehr zu geben.
Elissa
Aber dein Volk wird dich nicht lassen.
Königin
Albicerio wird ihnen sagen, daß ich mich eine Zeitlang den Göttern in einem unbekannten Ort widmen will. Du weißt, daß noch ein Bruder mit mir aus Tyrus floh; diesem übergebe ich das Reich. Schon habe ich ihm geschrieben.
(Ein Sklave tritt herein)
Der Sklave
Im Palast erwarten dich deine Räte. Man sagt, der König Jarbas sei verkleidet hier, und ein Staub, den man beim Untergang der Sonne in der Ferne gesehen, macht mutmaßen, es folge ihm ein Heer nach. (Ab)
Königin
Es wird nur seine gehabte Bedeckung sein.
Elissa
O zerstörendes Geschlecht! Ohne euch wäre uns die Kriegeslust unbekannt. Warum gabst du, Natur, den Männern dieses Treiben, diese Tatensucht, um den ruhigen Gang nach einem bessern Ziel, wozu deine Ewigkeit dir genug Zeit läßt, widrig zu stören?
Königin
Folge mir! (Beide ab)
Fünfte Szene
Jarbas, Feldherr, Ogon, Dodus, Aratus
kommen wieder im Garten hervor.
Jarbas
Ich wäre euch nicht ausgewichen, ihr weitsehenden Männer, hätte ich eure Gesinnungen gemutmaßt.
Aratus
Auf Wiedersehn! Ich suche sogleich Elissen auf, um sie auf unsre Seite zu bringen. (Geht ab)
Dodus
Lange genug haben wir das Pfund unseres Genies, das uns die Götter zum Wohl der Völker verliehen, unter dieses Frauenregiment vergraben müssen. Wenn du, König, es anerkennst, so bürgen wir, dir eine goldene Quelle daraus zu schöpfen.
Jarbas
Ein Mann weiß scharfsinniger zu unterscheiden.
Ogon
Gewiß. Denn auch der mittelmäßigste Dichter findet ein Weib, das ihm huldigt, ob ich auch gleich von der Königin dieses nicht rühmen kann.
Feldherr
Sollte es nicht die Güte des Geschlechts beweisen, das auch das kleinste Verdienst anerkennt? Aber die Königin will nur deiner Bescheidenheit nicht zu nahe treten.
Ogon
Das wollen wir dahinstellen. Ich gestehe, daß ich mich gern loben höre, es mag von Güte, Schmeichelei oder Albernheit herrühren; ich sehe nicht gern hinter den Vorhang.
Jarbas
Hast du die Königin nie besungen?
Ogon
Nein. Ich besinge am liebsten mein Mädchen und den Wein.
Jarbas
So besinge wenigstens noch den, der dir den Becher reicht.
Dodus
Die Nacht bricht völlig herein; kommt, laßt uns einander in alle Wege mit brüderlicher Hand leiten. (Gehen ab)
Sechste Szene
Ein Tempel. Ein Altar mit einem Opferfeuer
Albicerio.
Einige Stimmen
Wenn durch die Hülle der Zukunft
Die Aussicht verwirrt
Im Weg sich verirrt,
Sucht sehnend dann Zeichen vom Himmel herab!
Sie geben die Götter!
Doch fassen wir sie nach menschlichem Sinn
Und deuten sie anders,
Wir stürzen im Schlusse des Schicksals dahin!
Chor
Ach, Götter! Ach, Götter!
Drum gebet uns Klarheit
Zur inneren Wahrheit.
Stimmen
Wenn auf dem finstern Pfade
Das Schicksal als Feind
Uns widrig erscheint,
Selbst Götter dem alten Geschicke sich beugen,
So bleibe das Dunkel!
Belebet zu Kraft durch Ahndungsgefühl,
Gehn wir dann unter
Mit Helle des Geistes im Schicksalsgewühl.
Chor
Drum, Götter! Drum, Götter!
Wir steigen hinab
Mit Fassung ins Grab.
(Der Altar stürzt ein und das Feuer verlöscht.
Sie drücken alle Zeichen des Schreckens aus)
Albicerio
O weh mir! Das ist kein Ohngefähr! Es war kein Schlußstein wandelbar. Wem droht der Untergang? Dem Reich? Oder der Königin? Mögen alle Kräfte der bösen Mächte über mich zusammenschlagen, nur sie sei gerettet!
Siebente Szene
Dodus, Jarbas und der Feldherr
treten herein.
Albicerio (zum Chor)
Bedecket den Unglück weissagenden Anblick! (Es fällt ein Vorhang vor die Halle)
Dodus
Was bedeutet das Opfer zu dieser ungewöhnlichen Zeit? Wenn die Götter ihre Abendmahlzeit halten, brauchen sie der deinigen nicht.
Albicerio
Wir brauchen ihrer unablässigen Obhut.
Dodus
Jetzt aber sei du uns günstig. Diese fremden Männer werden dir ihr Vorhaben entdecken; und ich sage dir, ich und meine gelehrten Freunde unterstützen sie. Du wirst also als ein kluger Mann zu handeln wissen.
Albicerio
Das klingt ja wie Befehle!
Dodus
Es wäre auch Zeit, daß diese einmal in der rechten Männer Hände kämen.
Albicerio (beiseite)
Wie Dolche in die Hände der Wahnwitzigen. (Laut) Verlaßt diesen Vorhof! Der Götter heiliges Dunkel hat meine Seele ergriffen; ich würde euer Gespräch nicht verstehen.
Jarbas
Wo sollen wir dich finden?
Albicerio
In meiner Wohnung, Fremdlinge, erwarte ich euch morgen.
Jarbas
Nicht morgen, heute noch, ehe aller Müden Augen sich schließen. (Vor sich) Die Verstellung spart mit der Zeit.
Feldherr
Sie macht dir also noch Mühe?
Dodus
Ich weise euch den Weg. Albicerio, wir sehen uns bald.
Achte Szene
Albicerio (allein)
Wo finde ich Worte zu den Gefühlen meines Herzens! Auch zu euch, unbegreifliche Götter, kann ich weder Empfindungen der Furcht noch der Hoffnung mehr emporschicken; ich sehe nichts, als daß ihr selbst gelassen den widrigen Gesetzen böser Kräfte gehorchet, welchen die Menschheit noch widerstrebt. Wäre ich nicht durch unzerstörbare Bande an den Schutzengel dieses Landes, die Königin, gebunden, längst hätte ich an diesem Altar auch mein Blut den Göttern fließen lassen, längst hätte ich das schreckliche Bild von der Mord= und Raubsucht aus dem Vaterlande, dem wir entfliehen mußten, vor diesem Altar ausgelöscht. Aber diese hier in meiner Brust ewig bleibende Liebe hält mich und wird nicht wieder gehalten nur eine traurige Dankbarkeit ist alle ihre Nahrung. Ach! Daß so oft Wege auseinandergehen, die so glücklich zusammenführen könnten!
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Erste Szene
Elissa
Geh nach dem Zimmer der Königin, und erfahre, ob sie ihre Räte noch unterhalten.
(Sklavin kommt gleich zurück und meldet den Aratus)
Elissa
Was bedeutet dein mir ungewöhnlicher Besuch?
Aratus
Gleichgestimmte Seelen sollten sich freilich öfter begegnen.
Elissa
Soll dies mir eine gefällige Rede sein?
Aratus
Ja, wenn dir dieser Spiegel ein gefälliges Bild zurückwirft; der deinige wenigstens wäre mir schmeichelhaft.
Elissa
Unterlaß diesen Ton der Unterhaltung! Mir ist nichts gefällig, als was recht und wahr ist.
Aratus
Ich mißkenne auch diese Tugend nicht in dir, aber darüber hast du dich auch nicht in dem Gebiet der herrlichsten Phantasie, der Dichtkunst, umgesehen, und den Dichtern den gehörigen Weihrauch gestreut.
Elissa
Nicht so. Ich verehre die Dichtkunst und den Dichter! Ich baute ja sogar einmal deinem Freund Ogon einen Altar. Aber das Talent und der Besitzer desselben sind oft im Charakter sehr verschiedene Aufgaben. Übrigens glaube ich so an die Dichtkunst, daß, sollten die Götter einmal herabgestürzt werden, so ahnde ich, sie werde an ihrer Statt der Welt bleiben, dem armen, nach etwas Höherem sich sehnenden Gemüt zum Stab der Wanderschaft gegeben.
Zweite Szene
Die Vorigen. Ogon.
Ogon
Ists erlaubt, schöne Elissa? Aber ich bin wohl hier zuviel?
Elissa
Sehr willkommen. Die Sonne ist am Himmel hinunter; die glänzenden Sterne gehen bei mir auf.
Aratus (zum Ogon, beiseite)
Hilf mir! Ich kann nicht zur Sache kommen.
Ogon
Ihr seid wie die Kinder, wißt nichts anzugreifen.
Aratus
Und du fällst vielleicht mit der Tür ins Haus, oder klopfst so leise an, daß man dich gar nicht versteht. Ich sah dich immer das Rechte verfehlen und meist deine Affekte falsch kalkulieren.
Elissa
Was machen sich die Göttersöhne für Vorwürfe?
Ogon (zum Aratus)
Du bist auch grob wie ein Göttersohn. (Zur Elissa) Höre mich einmal, Elissa, mit dem Vertrauen, daß du mir vormals gönntest, und willige ein, dich eine Weile unsrer Führung zu überlassen, und durch unsre Führung leite alsdann die Königin. Sie muß die Vermählte des Gätulischen Königs werden.
Elissa
Sie muß? Hast du das Gelübde vergessen, das sie den Göttern tat, als wir aus Tyrus flohen?
Ogon
Gelübde tun wir uns selber, und können uns auch wieder selbst davon entbinden.
Elissa
Wer sich nicht treu bleibt, bleibts auch den Göttern nicht.
Aratus (zum Ogon)
Du kannst mit den Frauen noch am besten zurecht kommen; ich überlasse dir hier die Ausführung und will unsre übrigen Gesellen beim Albicerio wieder aufsuchen.
Ogon
(der sich im Zimmer überall umsieht)
Du bist ein gleichförmiges Wesen. Jahrelang sah ich dies Zimmer nicht, und noch ist alles auf dem alten Fleck. Es ist doch wahr, die Frauen können eine langweilige Existenz ertragen.
Elissa
Sag lieber eine ruhige, für die uns die Götter zum Ersatz dessen, was sie den Männern vorausgaben, einen geschicktern Sinn schenkten.
Ogon
Und das machst du wohl zur Tugend?
Elissa
Nicht so wie du, der sich zur Tugend anmaßt, was ihm am gemütlichsten ist.
Ogon
Du betrügst dich.
Elissa
Einmal betrog ich mich in dir, jetzt aber sehe ich allzugut, ohngeachtet des schönen Kammstrichs deiner Haare und deiner wohlgeformten Schuhe, dennoch die Bockshörnerchen, Hüfchen und dergleichen Attribute des Waldbewohners, und diesen ist kein Gelübde heilig.
Ogon
Diese falschen Vorstellungen kommen von einem dir ungesunden Trank her, den ich dir immer verwies. Gönne dir nur von dem rechten geistigen Erdensaft, und du wirst dich bald mit dem schönen Bild, das du dir von mir machst, vertragen lernen.
Elissa (lachend)
Ich möchte meine Sicherheit nicht in deine Hände legen, da deine Moral von deiner Küche abhängt.
Ogon
Dies gehört nicht zur Sache, die ich mit dir abhandeln wollte. Du weißt, daß ich dich einmal liebte. Es ist schwer, die Wahrheit zu sagen, ohne zu beleidigen; aber echte menschliche Natur ist schlangenartig, eine alte Haut muß sich nach Jahren einmal wieder abwerfen: diese wäre nun bei mir herunter. Laß uns jetzt in ein politisches Verhältnis zusammen treten! Arbeite mit mir zum Besten der Königin!
Elissa
Es ist vergeblich, daß du mich um deiner Nichtliebe willen zu etwas bringen willst, das ich nicht einmal um deiner Liebe willen getan hätte. Nach der Ehre, in deinem politischen Verhältnisse zu stehen, strebe ich nicht, und ich verehre die Grundsätze der Königin. Lebe wohl!
Dritte Szene
Ogon (allein)
Zu schnell entzieht sie mir ihre sonst so gern gegönnte Gegenwart, als daß ich ihr Gründe hätte beibringen können: aber was Gründe! Die schlagen bei dem Geschlecht nicht an. Die Schauspielergebärden, in denen ich mich sonst bei ihnen übte, taten immer die beste Wirkung. Wenn ich ihnen in einer malerischen Stellung zu Füßen fiel, ihre Aufmerksamkeit mit dem Ausdruck stummer Leidenschaft auf mich zog, da verfehlte ich meines Endzwecks nie; nur mit der Königin wollte mirs nicht gelingen. Und jetzt, da mein innerer Geistesreichtum mir auch von außen anlegt, ist mein sonst schlanker Körper zu unbiegsam geworden. Große Lust hätte ich alleweile, meiner Ruhe zu pflegen; denn es ist spät. Mich brachte nie in der stürmischesten Leidenschaft das Andenken einer Geliebten um eine Stunde Schlaf; so soll mich auch gewiß das politische Getreibe da nicht darum bringen. (Geht ab)
Vierte Szene
Das Zimmer der Königin
Königin. Zwei Räte.
Erster Rat
Deine uns hier gegebenen Befehle wollen wir nicht allein als Diener, sondern als deine treuesten Freunde ausrichten.
Königin
Ich eile nun, mein Vorhaben auszuführen. Mein einsamer Aufenthalt soll meinem Volk und mir den Frieden erhalten.
Zweiter Rat
Und diesen Ort wirst du doch nennen?
Königin
Verzeiht! Es kann euch nicht helfen; kein Andenken soll mich mehr aufsuchen können und euch in euren Geschäften stören. Ich widme meine einsamen Stunden, weise Gedanken und kluge Ausführung euch von den Göttern zu erflehen. Mit der morgen aufgehenden Sonne gehe ich für mein Land unter; mögen ihre ewig wiederkehrenden Strahlen die glücklichen Stunden seiner jetzigen Tage von einem in den andern mit immer gesegneter Abwechslung hinübertragen, und dieses Reich durch seine Dauer wie ein in Weisheit geübter Greis, der schon lang seine Leidenschaften zu Boden gekämpft, als ein Muster und Ratgeber der Nationen dastehen!
Erster Rat
O Königin! Dein Entschluß überrascht uns zu schnell.
Königin
Habt Dank für euren Beistand! Lebt wohl! (Sie verbirgt Tränen und geht ab)
Zweiter Rat
Ich fürchte, mit ihr wird auch das Glück dieses Landes weichen doch ihrer schönen Seele bleibt der innere Friede.
Erster Rat
Wenn nicht Unsinn von einigen mit dem so schnell hierher gekommenen Jarbas das Volk empört, so hat sie den weisesten Gang genommen.
Fünfte Szene
Die Vorigen. Albicerio.
Albicerio
Wie sind verraten! Man will Gewalt brauchen; Jarbas hat an den drei Gelehrten seine Gesellen gefunden. Eben haben sie sich mir entdeckt; sie wissen ihren Stolz und ihre Habsucht in eine schöne Philosophie einzuhüllen; sie reden von einer überirdischen Regierung auf Erden, sie wollen den flachen, gutmütigen Haufen mit einer Möglichkeit schmeicheln, alle Verhältnisse mit ihren unabsehbaren Folgen auf eine Übersicht stellen zu können, woraus jedes Glied vom Volk das Rechte zu wählen fähig wäre: aber dieser übermütige, stolze Wahn, ist er verbreitet, wird uns vernichten, wenn es nicht eigennütziger Selbstdünkel schon tut.
Erster Rat
O mögen die Götter die Gesetze schützen! Die Funken von Weisheit, aus Jahrhunderten gesammelt!
Albicerio
Höret mich weiter! Sie hatten die Unverschämtheit, mir ihr Geld anzubieten, wenn ich durch lügenhafte Deutungen, als sei ihr Gesuch der Götter Wille, die Königin hinterging und ihr so heiliges Gelübde für ungültig erklärte. Mein verachtendes Schweigen empörte sie endlich bis zu Drohungen! Ich entwich ihnen eilends unter einem Vorwand. Das Heer der Afrikaner ist in der Nähe. Ich komme, der Königin zu sagen, daß sie auf der Stelle fliehen muß, und habe bereits ihre Kamele bestellt. Unser Kriegsheer, hoffe ich, ist noch treu und wird die Königin nicht zu des wilden Afrikaners Hand zwingen.
Zweiter Rat
Ich habe Beweise vom Gegenteil. Schon jahrelang wußte Dodus den Gang ihrer Ideen in die Irre zu führen.
Albicerio
Ihr erschreckt mich! Ich eile. (Ab)
Sechste Szene
Die Räte. Elissa.
Elissa
Habt ihr, Väter des Staats, eure Unterredung zu eurer und der Königin Zufriedenheit geendigt?
Erster Rat
Wir bewundern die Geistesgröße dieser Frau, indem sie ihren Glanz aus Liebe für ihr Volk und aus Treue für einen Abgeschiedenen so ohne alle Mühe dahin gibt.
Elissa
Ohne meiner Verehrung für sie etwas abzubrechen, kann ich dieses wohl begreifen. Die Liebe einer schönen Seele strebt mit dem hohen Ideal, das sie mit dem Geliebten erkannt, einzustimmen; und damit ist alles übrige Begehrungswürdige unter ihr, und leicht zu entsagen; sie lebt nur ihrem abgeschiedenen Gemahl. (Vor sich) Geliebte Freundin, wie ich nur für dich lebe.
(Eine Sklavin tritt ein)
Sklavin (zur Elissa)
Die Königin verlangt dich.
Elissa
Ich folge. (Sklavin geht ab. Zu den Räten) Euer trauriger Ernst ist mir wie die vorausgehende Schwüle an einem schweren Gewittertag, aber er kann sich ja auch in einen furchtbaren Regen endigen. Mir ists, ehrwürdige Männer, als würde ich euch wiedersehn. (Ab)
Zweiter Rat
Wir werden uns wiedersehn! Diese Hoffnung geht noch wie ein leiser Hauch durch meine Brust.
Erster Rat
Ich fürchte, des Schicksals Schluß haben die Götter schon besiegelt. (Ab)
Siebente Szene
Das Zimmer der Königin
Königin. Albicerio.
Königin
Jetzt, da du mir selbst die schnellste Flucht zu ergreifen rätst, gehe ich auch mit mehrerer Zuversicht. Die Mächtigen da oben haben dich mir also willfähriger gemacht?
Albicerio (vor sich)
Vor den Mächtigen hier unten will ich dich schützen.
Königin
Ich erwarte nur noch meine treue Gefährtin, die Elissa. Den Ort meines Aufenthalts habe ich dir allein anvertraut.
Achte Szene
Elissa. Die Vorigen.
Königin
Bist du zur Abreise fertig?
Elissa
Fertig zu allem, wo ich dir folgen soll.
Albicerio
Nicht so! Du mußt, Königin, deinen Weg allein nehmen, wenngleich tausend Herzen dir anhängen. Bleibt Elissa hier, so bestätigt ihre Gegenwart die deinige, daß man nicht so bald auf deine Flucht merken wird. Wenn der Morgenstern vor den heißen Sonnenstrahlen sich in den weißen Flor hüllt, dann soll Elissa ebenso verschleiert dir folgen; ich sorge dafür. Alsdann rede ich zum Volk im Vorhof des Tempels und bringe ihnen deinen mit gegebenen Segen.
Königin
Du hast recht. Mein erster Ruheplatz wird bei dem ehrwürdigen Einsiedler in dem Gebirg, zwei Stunden von hier, sein; da will ich dich erwarten. Diesen unbekannten ehrwürdigen Mann entdeckte mir ein Ungefähr, und in dieser Einöde wird mich niemand vermuten.
Albicerio
Nun, Köngin, so eile. (Vor sich) Ich begreife nicht, wie ich dieses Todesurteil über mich so gelassen aussprechen kann.
Elissa
Die Gefahr gibt uns oft mehr Kraft als unsere eigene Stärke des Geistes.
Albicerio
Ich begleite dich, Königin, durch den nur uns bewußten unterirdischen Gang; an dessen Ende habe ich schon gesorgt, daß deine Kamele stehen.
Königin
Du bleibst in meinem Palast, liebe Elissa! Die Stunden, ehe ich dich wiedersehe, werden mir Tage scheinen.
Elissa
(fällt ihr zu Füßen)
O meine Königin! Daß uns dieser Weg nicht vielleicht auf ewig trenne!
Königin
(hebt sie umarmend auf)
Meine Elissa!
(Sie gehen Arm in Arm ab)
Albicerio
(weilt einen Augenblick in Gedanken)
In allem Sinn betrete ich jetzt einen dunkeln Pfad. (Ab)
==============================================================
Erste Szene
Königin
(vom Kamel herabsteigend zum Sklaven)
Laß unsere Tiere in der Morgendämmerung weiden, und du, guter Geselle, labe dich von dem Trank und den Früchten, womit wir versorgt sind. Ich will mir indes hier auf diesem in Fels gehauenen Sitz des Schlafes Schwester, die Ruhe, zugesellen, bis ersterer mir willig den Platz in des Alten Hütte räumen wird. Den ehrwürdigen Greis will ich nicht aufwecken.
Sklave
Die Ruhe ist mir noch lieber als der Schlaf; man behält so hübsch seine Sinne zusammen. (Ab)
Königin
(nachdem sie eine Weile stillgesessen, sich umsehend)
Die willigen Schritte meines Kamels haben mich, ehe ichs dachte, in diese Einöde getragen, und nun ich mich von den Verwirrungen meiner jetzigen Lage hier sicher fühle, ergreift mich, ich weiß nicht, war vor eine dürre tote Gleichgültigkeit. (Nach einer Pause) O du mein liebster Gefährte, der Schmerz! verlaß mich nicht noch zuletzt! Mein Leben wäre, als wenn das Schweigen des Grabes über mich sich verbreitet hätte. Bleib! Ich will dir auch noch mannigmal einen labenden Becher aus dem Quell meiner Tränen schöpfen. (Sie steigt auf und betrachtet die Grabhöhle) Diese Wohnung, guter Alter, hast du Zeit gehabt, dir gefällig zu erbauen. Auch eine Grabschrift! (Sie liest) Verzeiht, ihr fleißigen Wanderer des Lebens, daß ein Müßiger, nicht Müder, hier unverdiente Ruhe findet." Wie? so bin ich zu deinem Grabe gewallfahret, und für ein Königreich bieten mir die Götter deine friedliche Hütte zur Erbschaft an? Ich muß noch deine Gebeine darin segnen. (Sie geht hinein)
Zweite Szene
Der Einsiedler kommt aus seiner Hütte
Einsiedler
Warum, o Schlaf, verließest du mich heute so frühe? Du ruhig stiller Gefährte! eben in dem Genuß fröhlicher Erscheinungen, die du mir in der schönsten Dichtkunst von Traumbildern darstelltest. Zwar genieße ich auch so meine wachenden Tage, und ein Hauch der freudigen Natur durchglüht immer mein Inneres, dir, himmlisches Licht, zum Dank! O wenn werde ich sie fassen, alle die Freuden, mit denen ich gelebt? Wenn werde ich gebildet sein, um mich in das Unendliche von Ordnung ohne den Übergang vom Dunkeln einzuweben! Eine innere Stimme sagt mir, heute sei mein glücklichster Tag! Wie kann mir aber ein Glück werden, da ich alles besitze, nichts bedarf? denn die Natur hat mir die Augen zu ihren besten Schätzen geöffnet! das muß mein Sterbetag sein.
(Die Königin, die aus der Grabhöhle hervortritt, schlägt den Schleier um sich und reicht dem Einsiedler die Hand)
Einsiedler (erstaunt)
Ja, ich verstehe dich! Aus meiner Grabhöhle trittst du hervor, mein guter Genius, und reichst mir anmutsvoll die Hand, daß ich dir folgen soll.
Königin
Bei dir will ich einkehren.
Einsiedler
Willig nehm ich dich auf; du freundlicher Todesengel, sei mir willkommen!
Königin (hebt den Schleier auf)
Guter Alter! Kennst du mich nicht mehr?
Einsiedler (nach einer Pause)
Ja, ich kenne dich! Du bist eine von den lieblichen Menschengestalten aber von den Göttern geschickt, zu den letzten wankenden Schritten mir deine Hilfe zu reichen. Führe mich in mein Grab denn heute ist mein Sterbetag! und reiche beim Hinabsteigen mir deine Hand, daß ich mich anständig niederlege.
Königin
Aber, ehrwürdiger Mann, warum bin ich dir denn ein Bote des Todes?
Einsiedler
Die lange Einsamkeit hat mein Inneres auf einen Grad geschärft, daß sich mir zu Augenblicken die Zukunft öffnet. Auch dein Schicksal ist mir nicht verborgen. Höre es! Der Unedlen Entwürfe werden willige Aufnehmer finden! Die Raserei wird die Torheit leiten, und so stürzt ein berühmtes Reich in den Abgrund der Dunkelheit, daß es durch Jahrhunderte die Geschichte nicht mehr nennen wird; deine erhabne Tugend aber wird durch Jahrtausende aufgezeichnet bleiben.
Königin
Du bist ein wunderbarer Mann! Offenbare mit deinen Namen und die Schicksale deines Lebens, wenn du mich dessen wert hältst.
Einsiedler
Ich habe keine, und von dem Buch meines Lebens sind die Blätter unbeschrieben geblieben; auch sogar meinen Namen habe ich durch die vielen Jahre, wo kein lebendes Geschöpf die Luft zu diesen Silben bildete, vergessen. Von meiner ersten Jugend ergriff ich nur den Geist der Dinge, so daß ohne die von Sonn= und Mondlicht hingeworfenen Schatten ich in einer an Wahnsinn grenzenden Ungewißheit war, welche von beiden Erscheinungen, Körper oder Geist, ich für die wahre halten sollte. Dadurch wurde ich wie verwaist unter den Menschen, aber ich genoß eine Seligkeit, die selten ein Erdenbewohner begreift, und da ich vom Körperlichen immer getrennt blieb, so gehe ich weiter in andere Sphären und werde nie eine Bildung dieser Erde wieder erfassen.
Königin
Erkläre mir noch dieses!
Einsiedler
Jahrtausende gehen vorüber, ehe diese seltsame Bildung einmal vorkommt; sie macht sich auch nur durch Jahrtausende, ehe sie die Millionen Bande vom Geiste löst, um sie in feinere zu knüpfen, und so bevölkert sich nach und nach von diesen hier, da über unserem Erdenball, eine andere Welt.
Königin
Aber diese Fäden zu lösen, hängt wohl nicht von uns ab?
Einsiedler
Wie freudig wird mirs? Es trennt sich mein letztes Band. Hier meinen Abschied!
Erde, du meine Mutter! und
du mein Vater, der Lufthauch!
und du Feuer, mein Freund! du
mein Verwandter, der Strom!
und mein Bruder, der Himmel! ich
sag euch allen mit Ehrfurcht
freundlichen Dank! Mit euch hab ich
hienieden gelebt,
und gehe jetzt zur andern Welt,
euch gerne verlassend.
Lebt wohl, Brüder und Freund, Vater und
Mutter, lebt wohl.
(Die Königin unterstützt ihn; er verlangt nach der Höhle zu gehen durch ein Zeichen; sie führt ihn hinein)
Dritte Szene
Die Szene ändert sich nach Karthago. Palast der Königin, Zimmer der
Elissa.
Elissa
(sitzt, sich auf die Hand stützend)
Ach, eine lange Nacht! und die Hoffnung des Tages betrogen!
(Jarbas und Feldherr treten herein)
Jarbas
Mein schönes Fräulein! Warum so traurig? Wir haben dich hier nur vor Gefahren sichern wollen. Wer weiß, welchen Räubern du auf deiner Flucht hättest können zuteil werden! Vertraue dich mir an! Du siehst hier den König Jarbas vor dir, der gern das Herz deiner Königin verdienen möchte. Es ist ein Gefühl, das ich mit dem deinigen teile; kannst du mirs verdenken?
Feldherr
Mancher glaubte Liebe in sich, weil er Widerspruch fand! Aber, mein königlicher Herr, diese ist nicht die echte; es fehlen ihr die Ahnen.
Elissa
Du wirst der Natur nicht das Geheimnis entreißen, wie man ein Herz gewinnt, das diesen magischen Zug nicht erwidern kann.
Jarbas
Ja, ich werde es! Zu meinen Füßen will ich die stolze Frau noch liegen sehen.
Feldherr
Aber wenn sie Stolz mit Stolz erwidert?
Jarbas
So wissen wir doch länger damit die Spitze zu bieten.
Feldherr
Stolz und Liebe stehn sich wohl an, wenn ersterer von der letzten entstanden ist; aber wenn er ihr muß entgegengesetzt werden, ists ein widriger Kampf.
Elissa
Wie willst du das hier anwenden?
Feldherr
Es war nur so ein Nebengedanke, mein Fräulein, ein Thema zu einer vielfältigen Abhandlung; in beiden Fällen wird mein königlicher Herr sein Schild in diesem Kampf nicht zerbrechen. (Feldherr ab)
Vierte Szene
Ein Diener des Tempels. Die Vorigen.
Diener des Tempels
Albicerio sendet mich, dir, König, zu sagen, daß sein heiliger Dienst ihn zum Tempel rufe, und nicht erlaube, sich hier im Palast länger festhalten zu lassen.
Jarbas
Sage ihm, er wisse die Bedingung, unter welcher er die Wohnung des Tempels wieder betreten dürfe: den Aufenthalt der Königin soll er mir kund tun. (Zu Elissa) Oder wollen deine Lippen mir ihn gefällig aussprechen?
(Diener ab)
Elissa
Mögen alle meine Begriffe sich verwirren und mir versagt sein, je ein verständlich Wort über meine Lippen zu bringen, ehe du einen ähnlichen Laut von mir hörest.
Jarbas
Bedenke, daß sich die Wut des Volkes darein mischen wird, und ich kann dich alsdann nicht gegen üble Behandlung schützen.
Elissa
Nenne die nicht Volk, die den gebahnten Weg der Ordnung nicht betreten mögen, sich ihre Schlünde und Abgründe bahnen glauben, bis sie von Tiefe zu Tiefe selbst hineinstürzen und von der letzten verschlungen werden.
Jarbas
Ich überlasse dich einer bessern Überlegung.
(Ab)
Fünfte Szene
Ein ander Zimmer im Palast.
Feldherr und ein Diener des Albicerio.
Feldherr
Ist dein Herr zu sprechen, so melde ihm einen Fremden.
Diener
Der Kummer macht ihn stumm; doch gehe ich. (Ab)
Feldherr
Warum verlieh die Natur dem, dem sie das stärkere Gefühl von Recht gab, nicht auch vielfachere Arme!
Sechste Szene
Albicerio. Feldherr.
Feldherr
Reich mir deine Hand! Du bist ein edler Mann! Sag an: womit kann ich dienen?
Albicerio
Mich befreien von dem ungerechten Befehle deines Königs, der hier keine Gebote zu geben hat.
Feldherr
Mein Wille übereilte meine Kräfte. Aber laß uns überlegen; endlich muß doch der verständige Wille über den bösartigen die Herrschaft erhalten. Glaube nicht, daß ich meinem König beifalle; ich entsage laut seinen Gesinnungen und will es ihm frei erklären; jetzt komm ich, dich zu befreien. Noch gehorcht mir das Heer, und die Wache, die dich hier festhält, wird dich durchlassen; ich gehe mit dir. Komm!
Albicerio
Aber dir erwächst eine Gefahr; versuche Vorstellungen!
Feldherr
Die sind zu ungewiß; er hat nur rührbare Saiten von Gefühl und Vernunft nach Launen; vergeblich suchst du in ihm eine Folge. Die glänzendsten Ansichten von Feinheit des Herzens und Verstandes hatten mich an ihn gezogen; aber da sich seine Gesinnungen untereinander, und so auch seine Handlungen, widersprechen, so ist mein Herz von ihm abgefallen, wie die Frucht vom Baume, der ihr nicht den gehörigen Saft gibt.
Albicerio
Ich überlasse mich dir. (Gehen ab)
Siebente Szene
Eine Straße
Wache von Grätuliern vor einem Haus daselbst. Einige Bürger kommen.
Bürger
Ihr grätulischen Barbaren, laßt uns hinein!
Wache
Ehret unsern Stand!
Bürger
Wir wollen das Haus besetzen.
Wache
Fürchtet unsern Bogen!
(Sie kommen ins Handgemenge. Es kommen noch mehr grätulische Soldaten)
Wache
Helft uns gegen die Straßenräuber!
Ein Soldat
Wir wollen sie bald preschen.
Bürger
Nicht so geschwind, als ihr denkt.
Wache
Ruft unsern Feldherrn!
Soldat
Ei was! Wir wollens wohl allein ausführen; unsre Pflicht ist unser Wegweiser.
Bürger
Hier ist für euch keine Pflicht.
Achte Szene
Dodus. Die Vorigen.
Dodus
Was bedeutet der Lärm?
Wache
Unsre Bürger sind ungeschliffen.
Bürger
Und ihr seid Räuber, die nicht in unsre Mauern gehören. Wir lassen uns die Tür zu dem Hause nicht verbieten.
Dodus
Was wollt ihr in dem Haus?
Bürger
Sie halten zwei von unsern angesehensten Männern drinn fest, die würdigsten Räte der Königin, wir wollen sie los haben.
Dodus
Geht mit mir, ihr meine edlen Mitbürger! Ihr seid einer Aufklärung wert.
Bürger
Nun, laßt doch sehen!
(Dodus, Bürger, Soldaten ab)
Neunte Szene
Albicerio. Feldherr. Wachthabende Soldaten.
Wache
Es lebe unser Feldherr!
Feldherr
Meine Kinder, meine Brüder, ich danke euch! (Albicerio und Feldherr gehen ins Haus)
Zehnte Szene
Wache. Gätulische Soldaten gehen vorüber.
Wache
Wohin Kameraden?
Soldaten
Hübsche Mädchen zu besuchen. Unser Feldherr entließ uns der Wache und nahm unsern Gefangnen selbst in seine Aufsicht.
Wache
Ja, bei uns gehts oft mit einem Sprung aus dem Orkus ins Elysium; die Reihe wird ja auch an uns kommen.
Soldaten
(singen im Fortgehen)
Den besten Kuß, den kriegen wir.
Wenns Glück nicht will, bewacht die Tür!
Ha! Ha! Ha! (Gehen lachend ab)
Wache
Die eingebildeten Narren!
Elfte Szene
Die Szene ändert sich in das Zimmer, wo die Räte sitzen
Erster Rat
Es ahndet mir, daß dies schöne, blühende Reich nun mutwillig dahingerichtet wird.
Zweiter Rat
Wunderbarer Schluß in dem Lauf der Dinge! Der Gipfel der Vollkommenheit so gut als der der Bosheit, sie müssen beide herab.
Erster Rat
Es war also die wahre Vollkommenheit noch nie erschienen; denn die muß bleibend sein, wie die ewigen Götter.
Zwölfte Szene
Albicerio. Feldherr. Die Vorigen.
Albicerio
Ich bringe euch diesen edlen Fremden als unsern Schutzgeist. Ich war festgehalten, wie ihr; er befreite mich und will euch auch befreien.
Feldherr
Ich kann euch nur eine kurze Zeit dienen; von dieser kurzen Zeit macht Gebrauch, da leider Phöbus erleuchtende Strahlen die Tage des Irrtums schneller herbeiführen und langsamer herauf zum rechten Weg zu steigen scheinen.
Erster Rat
Ihr stellt uns Euch wie ein Götterbote dar.
Zweiter Rat
Leitet uns mit Eurer Anweisung! Denn, wie ich ahnde, seid Ihr einer von den wenigen, welche die Natur gleich zurecht stellte.
Feldherr
Ich kann weiter nichts tun als euch befreien, und dann fliehn. Ich will lieber in den Wäldern wohnen, meine Kräfte lieber den wilden Tieren entgegensetzen, die mich anfallen werden, als Leidenschaften gegen Leidenschaften in dem Getümmel der Welt hervorrufen. Kommt! Ich mache euch Platz durch die Wache. (Ab)
Die Szene ändert sich in die Wohnung des Einsiedlers.
Dreizehnte Szene
Zwei Sklaven.
Erster Sklave
Hier wollte ich ruhen.
Zweiter Sklave
Arme Königin, wärest du nur schon ferne! Die Bösewichter mißgönnen dir die Ruhe.
Erster Sklave
Wenn sie die traurige Nachricht hören wird, daß man ihre Freunde mißhandelt, ach, so fürchte ich, sie übernimmt selbst die Gefahr. Aber du hast doch nicht verraten, du dummer Bursch, wo wir sind? Ich sagte dirs ja nur, daß ich mit der Königin fort müßte, damit du meinen kleinen Jaro trösten solltest.
Zweiter Sklave
Du kannst auf meine Verschwiegenheit zählen. Ich sagte nur zu meinen Kameraden, daß du mir das gesagt hättest, aber sie solltens nicht verraten. Da wars, als wenn die Wände Ohren hätten, und auf einmal ward Elissa und Albicerio, indem er die Gesinnungen der Königin dem Volk ankündigte, mit den zwei Räten festgesetzt. Die Gelehrten und ihr ganzer Anhang maßten sich gleich des Befehlens an und verlangten mit Gewalt von ihnen, der Königin Aufenthalt zu wissen.
Erster Sklave
Daß du des Orkus Sklave wärst, du verdammter Geselle, wenn es durch dich verraten ist!
Zweiter Sklave
Wie es jetzt hergeht, kanns leicht dazu kommen. Es sah bunt aus, wie ich mich aus dem Staub machte. In verschiedenen Straßen standen Redner und sprachen zum Volk; um unsern Dichter hatten sich Weiber, am meisten die lustigen Nymphen, gesammelt; der Geschichtsschreiber hatte die Kriegsmänner und der Philosoph die Schwätzer aller Art um sich. Jarbas ging mit den drei übrigen Gesandten, welche mit den Gelehrten in Gätulien waren, und ermunterte das Volk, sein Gespräch zu unterstützen. Ein Heer von Jarbas zog ungehindert zum Tore hinein. Glaubst du wohl, daß sich die Leute werden geduldig drein schicken? Das gibt Mord!
Erster Sklave
Mit dem großen Haufen hab ich kein Mitleiden; er läßt sich eben so gern vom Bösen wie vom Guten führen; ich kenne meine Gesellen. Mich dauern nur die Edlen, die sich um die räudigen Schafe aufopfern. Du gehörst auch zu der schmierigen Herde. Geh mir hier nicht aus der Stelle; sonst verrätst du uns noch einmal. Siehst du, meine Fäuste sind die stärksten; ich befehle dirs.
Zweiter Sklave
Es kommt mir vor, daß du recht hast. Immer überzeugt mich der, der zuletzt mit mir spricht, besonders wenn ers mit ein paar Prügeln, wie deine Fäuste, tut.
Erster Sklave
Versteck dich, daß dich die Königin nicht sieht! Sie geht sonst gewiß willig zurück und wird das Opfer ihrer Güte.
Zweiter Sklave
Gib mir nur etwas zu essen in dem Gefängnis, wo du mich verwahren willst; sonst lauf ich vor Hunger nach Hause.
Erster Sklave
Fort! Fort! die Königin kommt. (Ab)
Vierzehnte Szene
Königin (allein)
Willig und ergeben dem uns widrigsten Befehl der Natur, vor dem selbst der Unglücklichste doch noch zurückschaudert, hat der wunderbare Alte sich mit Ehrfurcht, Freundlichkeit und Dank geneigt; sein letzter Händedruck hörte so leise auf wie sein Atemzug. Ach! so sanft ward meinem Acerbas der Abschied nicht gegönnt; seine Mörder übereilten die Natur. Und immer schwebt noch das Bild vor meinem Angesicht, wie er mir im Traum mit einem Ausdruck von Verzweiflung erschien, mir seine Wunden wies und die ihm von dem Ungeheuer Pygmalion unwürdig zubereitete Grabstätte entdeckte. Bruder kann ich ihn nicht mehr nennen. O mein Acerbas, erscheine mir noch einmal in einer glücklichern Gestalt und gib Friede meiner Seele! Nie erhob sich seitdem ein freier Atemzug aus meiner Brust. Du, mein lang getragner Schmerz, scheinst ein Verbündeter der Ewigkeit. (Sie sieht sich nach der Hütte um) Von dieser Hütte will ich nun Besitz nehmen, und in dieser ungekünstelten Wohnung meine Elissa erwarten, die einzige, die meinen Gram versteht. (Sie geht hinein)
Fünfzehnte Szene
Zweiter Sklave
Ha, da! es hört mich niemand und sieht mich niemand! Nun, so kann ich ja meine Neugierde stillen. Um noch sichrer zu sein, will ich doch rufen, wie man im Wald schreit. Hub! Hub! Es ist ja so leer da herum, daß es einem zum Grausen widerhallt! Wenn mir nur meine Neugierde (Erster Sklave kommt, packt ihn bei der Kehle und treibt ihn fort)
Sechzehnte Szene
Königin kommt aus der Hütte
Königin
Wer außer meinem Sklaven kann hier in die Lüfte rufen? Sind es Laute von Sehnsucht der Entfernten? Ich muß diese Stimme aufsuchen! (Sie geht der Stimme nach)
==============================================================
Erste Szene
Erster Kaufmann
Hast du sie erkannt? Es war die Königin Dido, die den Weg wieder nach der Stadt nahm.
Zweiter Kaufmann
Ja, ich erkannte sie, wie sie mir mit einem Ausdruck von ernster Trauer, doch wohlwollend, ihr Haupt neigte, und mich ihr Anblick rührte, als wenn ein höheren Wesen sich zu mir herabgelassen hätte.
Erster Kaufmann
Unsre Mitbürger verschulden sich tief, daß sie dieser edlen Frau Gesetze vorschreiben wollen.
Zweiter Kaufmann
Und sich glücklicher halten, wenn sie an ihrer Seite sich von dem gätulischen Barbaren, dem goldsüchtigen Jarbas, befehlen lassen.
Erster Kaufmann
Wenn er uns nur keine Eingriffe tut! denn zum Golde glaubt jeder ein Recht zu haben, und wir haben doch darauf gelernt.
Zweiter Kaufmann
Greifen wir doch manchmal nach Titeln, die uns nicht passen; aber mit dem Geld kann sich jeder seine Narrenkappe mit jedermanns Beifall aufsetzen.
Erster Kaufmann
Aber was kann die Königin bewegen wieder zurückzukehren? Sollte sie erfahren haben, daß ihre Edlen in Gefahr sind?
Zweiter Kaufmann
Jetzt laß uns nur unsern Stab weiter setzen. Auf unsrer Rückreise wird sichs ja wohl aufklären. (Ab)
Zweite Szene
Ein Zimmer im Palast
Jarbas. Feldherr. Albicerio. Räte. Wache von Karthaginensern.
Jarbas
(auf Albicerio und die Räte deutend)
Kriegsmänner, dies sind eure Gefangene!
Einer aus der Wache
Unsre Königin hat uns verlassen; wir gehorchen dir.
Jarbas (zum Feldherrn)
Wer erlaubt dir, unsern Befehlen entgegen zu handeln?
Feldherr
Die gerechte Sache, der ich diene und nicht mehr dir.
Jarbas
Es steht dir nicht an, meine Handlungen zu untersuchen.
Feldherr
Es war doch einmal eine Zeit, wo du heucheltest, meine Warnungen anzuhören.
Jarbas
O! dieser Kinderwahn ist längst vorüber.
Dritte Szene
Dodus. Ogon. Die Vorigen.
Dodus
König! Albicerio allein weiß den Aufenthalt der Königin; dies ist gewiß. Brauche Gewalt! Das Volk verlangt es.
Jarbas (zum Albicerio)
Rede! Oder man führt dich zum Tode.
Albicerio
Ich gehe willig diesen Weg.
Jarbas
Wache, führt ihn hinweg! Und ihr, meine gelehrten Freunde und Ratgeber, begleitet ihn zum Todesplatz.
Dodus (vor sich)
Glaubt er wohl, uns eine Ehrenstelle dadurch anzuweisen?
Ogon (zum Albicerio)
Wer wollte auch ein Geheimnis um den Preis verwahren? Du bist schon von Amors Pfeilen getötet, die dich aus den Augen der schönen Dido trafen, und siehst nun in Jarbas einen Nebenbuhler.
Albicerio
Behalte für dich deine Auslegung! Wenn ich die Königin liebe, so sproßt meine Liebe aus edlerm Boden, als derjenige, den du in deinem Herzen trägst.
Jarbas
Priester, zaudre nicht länger!
Albicerio
Ja, ich gehe! Aber laß keine unheilige Hand mich berühren! Das Messer, vom Blut der Opfertiere gefärbt, welche, im dunkeln Bewußtsein ihrer Unschuld, mir ihre Brust verteidigungslos hingaben und noch mit Zuversicht ihren letzten Blick auf mich warfen, dieses will ich auch mit dem meinigen färben. Es geziemt dem Priester, das letzte Opfer an sich selbst zu vollbringen.
Beide Räte
Götter! Rettet den unsträflichen Mann!
(Albicerio, Ogon, Dodus, ein Teil der Wache ab.)
Vierte Szene
Feldherr. Jarbas. Räte.
Feldherr (vor sich)
Welch ein Gemüt, das man eben so schnell zur Grausamkeit führen kann, als es schnell durch eine fremde Anleitung wieder auf die feinsten Gefühle Ansprüche macht.
Erster Rat
König! Du verurteilst diesen den Göttern werten Mann zum Tod und hüllst dadurch desto gewisser das Geheimnis von der Königin Aufenthalt in undurchdringliche Nacht.
Jarbas
O Männer! So werdet ihr mir dafür stehn! Ich leide keinen Widerspruch! Von Jahrhunderten zu Jahrhunderten erbte ich diesen festen Sinn von meinen Ahnen!
Zweiter Rat
Der Königin Bruder wird in wenig Tagen die Last der Krone auf sich nehmen, und dessen Willen werden wir gehorchen.
Jarbas
Mein Haupt ist kraftvoll zu vieler Kronen Lasten.
Feldherr
Wenn sie nicht drückt, ists ein Zeichen, daß er sich zu vielen ihrer Schwerpunkte entzieht.
(Man hört Lärm; in der Ferne wird gerufen: Es lebe Jarbas, der Gemahl der Königin!" Es dringt Volk und karthaginensische Soldaten herein; sie umringen die Räte)
Einige Stimmen (rufen)
Schafft uns die Königin!
Erster Rat
Ach! Wir sehen, daß diese wohltätige Göttin sich uns entzogen hat.
Stimmen aus dem Volk
Fort! Fort! Gebt Rechenschaft! Wo ist die Königin? Eure Köpfe wollen wir noch auf unsern Wurfspießen sprechen lehren.
(Sie schleppen die Räte fort; die Wache wehrt und geht mit ab)
Jarbas (zum Feldherrn)
Ich weiß selbst nicht, zu was mich dies führen wird.
Feldherr
Ich gehe an die Spitze des Heers, so du mir übergeben, zurück; nimm dir, Herr, einen andern Gefährten! Unsre Wege, wie du siehst, gehen zu weit auseinander. Die Bahnen des Lebens, die allein zum Glück führen, von denen mein graues Haupt dir Bürge gemachter Erfahrungen sein könnte, diese willst du nicht mehr wandeln.
Jarbas
Wohlan, ich verzeihe dir! So gehe denn deine Wege; aber gestehe wenigstens, daß ich großmütig sein kann.
Feldherr
Gestehen! O wie gern sollte alles in mir zu Atem werden, um deine Tugenden laut auszurufen! Denn das Beispiel der Könige ist der sicherste Lehrmeister für das Volk. Ach! und dein in der Jugend damals viel versprechendes Bild ist mir tiefer in mein von Alter trockenes Gehirn eingegraben als dein jetziges, wovon die Oberfläche sich leicht wieder ebnen könnte.
Fünfte Szene
Es dringt wieder Volk herein; Aratus führt es an.
Aratus
Zeige dich, König, dem Volk! Es verlangt dich. (Zum Volk) Treulos hat euch die Königin verlassen; lehrt sie, daß viele Köpfe mehr Willen haben als einer. (Geht ab mit dem Volk)
Jarbas (zum Feldherrn)
Heute noch bleib!
Feldherr
So widerrufe eiligst das Todesurteil des Albicerio.
Jarbas
Komm mit mir ins Freie! (Ab)
Sechste Szene
Zimmer der Elissa
Man hört Waffengeklirr; eine Sklavin stürzt herein.
Sklavin
Rette dich! Man dringt mit Gewalt zu dir! Sie wollen dich fortschleppen, wie die Räte der Königin. Sie werden vom Volk mißhandelt; man weiß nicht, ob sie noch leben. Auch dem Albicerio ist das Todesurteil gesprochen. Fliehe und sichre dich in dem Tempel! Ich habe deine Wache gewonnen.
Elissa
O! laß mich mein Leben weghauchen! Dicke Finsternisse bedecken meine Aussicht! Wo ist sie! Wo ist sie? meine Freundin! meine Königin!
Sklavin (tritt ans Fenster)
Siehe! siehe! Man dringt mit Wut herbei! O Fräulein, fliehe! (Sie schleppt sie mit Gewalt fort)
Siebente Szene
Eingang vor dem Palast
Mandat. Karthaginensische Soldaten.
Mandat
Wer den Aufrührern widersteht und der Königin getreu bleibt, der trete zu mir, ihren Palast zu verteidigen. (Es treten einige zu ihm) Wir! wir! Kommt, Kameraden!
Ein Soldat
Nein! Den Palast wollen wir stürmen; die drinn sind, sollen uns für die Königin stehn.
Ein Soldat
(zielt auf den Mandat)
Entferne dich! Wir gehorchen deinem Befehle nicht mehr.
Die zum Mandat Getretenen
Haltet, Verwegene! Ihr seid Meineidige!
Die Aufrührer
(zielen wieder auf sie)
Wir folgen euch nicht! Man hat uns aufgeklärt. Es lebe König Jarbas! (Sie dringen ein und zwingen die wenigen, sich zu entfernen)
Achte Szene
Eine Straße in Karthago
Jarbas. Feldherr. Dodus, Ogon begegnen ihnen.
Dodus
Wir suchen dich auf, König! Unsre Gegenwart dürfte dir nötiger sein auf deinem Weg, als dort im Tempel dem Albicerio auf seinem Weg der Schatten.
Ogon
Wir haben ihn am Eingang des Tempels verlassen und wünschen Glück, König. Du hast im Albicerio einen Nebenbuhler getötet. Sein Bruder war der Königin Gemahl; drum glaubte er sich das erste Recht auf sie, und seine heißesten Gebete waren ihr mehr geopfert als den Göttern.
Jarbas
Es schärft sich meine innere Wut gegen den heuchlerischen Priester.
Ogon
Du bist ein großer Mensch; bald wird sichs entwickeln.
Feldherr (zum Jarbas)
So gehe ich also meinen Weg wieder allein, indes mannigfaltige niedrige, selbstsüchtige Leidenschaften immer ihre Gesellen finden.
Jarbas
Ach, du armseliger Tugendhafter!
Feldherr
Noch muß ich eine Träne über dich weinen.
Neunte Szene
Aratus. Die Vorigen.
Aratus
Es drängt sich alles zum Tempel, als wenn es eine große Begebenheit andeutete.
Dodus
Es deutet auf das Prachtmahl, das Albicerio den Göttern gibt.
Feldherr
So spottet man noch über der Edlen Blut!
Zehnte Szene
Die Vorigen. Es gehen Bürger vorüber.
Bürger
Heil uns! Die Königin ist im Tempel und hat alles gerettet! (Ab)
Jarbas
Welche Erscheinung? Haben sie die Götter aus den Wolken gesendet?
Feldherr
O, so eile, Herr! Säume nicht, dich in ihren wohltätigen Kreis zu mischen!
Jarbas
Wollen mich die Götter mit Gewalt von unholden Taten abhalten?
Feldherr
Erkenne ihren Wink!
Jarbas
Nichts von den Göttern! Ich hatte eben vergessen, daß ich an keine mehr glaube.
Aratus
Vor dem Altar könntest du dich jetzt ihrer Hand bemächtigen; du hast den Beistand des Volks.
Jarbas
So laß sehen, was das Schicksal über mich beschließt. (Ab)
Elfte Szene
Der Tempel
Man sieht die Königin, zwischen der Elissa und Albicerio
stehen, die Räte und viel Volk dahinter.
Königin
Dank! Dank den ewigen Göttern, daß ich euch, meine Freunde, wieder habe. Ach! und möchte mein beklemmtes Herz ihnen auch das Gefühl davon auf ihren Altar können niederlegen!
Albicerio
Uns hast du gerettet, aber eine schwarze, tiefe Wolke hängt noch vor dem Ausgang deines Schicksals.
Elissa
O, möchte sie sich bald zum blauen Äther ausdehnen!
Königin
Ich bin ruhig und ergeben, welchen Weg mir die Götter zeigen werden. Indes, Albicerio, laß für einen wohlausgeschmückten Stier, den ich zum Dankopfer für die Rettung meiner Freunde opfern will, einen Scheiterhaufen bereiten. (Albicerio ab)
Zwölfte Szene
Jarbas. Aratus. Ogon. Dodus. Feldherr. Die Vorigen.
Jarbas (zur Dido)
Warum, Königin, bewog dich das Anerbieten meiner Hand zur Flucht? Fließt nicht eben so echtes Blut in meinen Adern als in den deinigen? Siehst du weniger Stolz auf meine Stirn als den, womit dein Haupt umwunden ist? Weniger Mut als den, so sich ein Weib anmaßen könnte?
Königin
Alle diese Vergleichungspunkte mögen deinen Vorzug krönen. Mich aber fesselt ein heiliges, ein mir süßes Gelübde, das ich heute noch einmal aus den tiefsten Gefühlen meiner Seele zu den Göttern hinauf sprechen würde, wenn es nicht schon mit aller Kraft vor ihren Altären ruhete.
Dodus
Mache ihr das lächerlich!
Ogon
Diese Antwort schickt sich in ein Drama, das ich eben schreibe.
Aratus
Ihr Poeten zieht, wie die Bienen, aus allem den Honig.
Feldherr
Höre noch einmal, König, den Rat deines ehemaligen Lehrers. Der Sternenkranz, welcher das Haupt dieser irdischen Unsterblichen umwindet, wird dich verblenden oder verbrennen. Ziehe hinweg von diesen Mauern! Sie ist zu fest in ihren Entschließungen.
Dodus (zum König)
Entferne diesen Ratgeber! Unsre Freunde kommen eben dir beizustehen.
Die Aufrührer
(dringen in den Tempel, umringen die Königin; einer von ihnen sagt)
Das Volk gibt deine Hand dem König Jarbas.
Aratus
Auch ich rufe dich zu deiner Pflicht: reiche dem König die Hand! Oder siehst du die Purpurfarbe so gern, um dir ein Lustspiel von deiner Untertanen Blut zu machen?
(Ein Teil des Volkes im Tempel setzt sich den Eindringenden zur Wehr)
Königin
Daß niemand verletzt werde! Wehre, König, den Deinigen. (Indem sie ihm ihre Hand reicht) Auch der Ärmste mag sein ihm wohltätiges Dasein vielleicht lieber austragen als ich das meinige.
Jarbas
Seid friedlich, meine Freunde!
(Das Volk wird ruhig)
Königin
Aber an diesen Männern (auf die Gelehrten deutend) hast du dir falsche Ratgeber gewählt. Entfernt euch!
Aratus, Dodus, Ogon
(zugleich)
Welche Beschimpfung!
Königin
Noch einmal befehle ich es: entfernt euch aus diesem Lande! Es ist die letzte Wohltat, die ich meinem Volk erweise. (Spöttisch) Dich, Ogon, hat die Natur so glücklich in dein eigen Herz verpflanzt, daß du kein Vaterland vermissen wirst. Und deine Philosophie, Dodus, kannst du künftig den Bewohnern des Waldes predigen. Natürlich wirst du, Aratus, deinen Freunden folgen, um in deinem weiten Gedankenraum bald ihre Tollheit und bald ihre Weisheit ferner aufnehmen zu können.
Dodus
Ich erwarte, König, du ergreifst diese Gelegenheit, um das Band zwischen uns und dir fester zu knüpfen.
Jarbas
Jetzt, da sie mir eben die Hand reicht? Freunde, ihr habt ja Zauberkräfte des Geistes, wißt euch selbst herauszuziehen.
Feldherr
Schreibt Abhandlungen über die Dankbarkeit, Erfahrungen übers Vergeltungsrecht!
Ogon
O des Spottes! Ich habe nur e i n e Existenz, und die will ich ganz spielen. Kommt, Brüder, wir wollen diesen brennenden Horizont verlassen und nach dem milderen Iberien überschiffen.
Aratus
Wir haben Freunde, die uns rächen werden!
Dodus
Wer die Ursachen der Dinge weiß und kennt, darf nicht den Acheron fürchten und seine gierige Flug. (Die drei Gelehrten ab)
Dreizehnte Szene
Die Vorigen außer den drei Gelehrten. Ein Diener des Tempels.
Diener des Tempels
Albicerio meldet dir, Königin, nach deinen Befehlen sei im Vorhof des Tempels der Scheiterhaufen zum Dankopfer bereitet.
Königin
Es ist mein letztes Fest; nie ging ich einem freudiger entgegen! Folgt mir, meine Freunde!
Elissa
Wie haben sich ihre Gefühle umgestimmt!
(Alle ab)
Vierzehnte Szene
Der Vorhof des Tempels
(Man hört Musik und einen Gesang von Chören. Der Scheiterhaufen brennt. Dicht daneben
ein Altar mit Blumenkränzen; Chorknaben schmücken einen Stier damit)
Albicerio
Zu welchen Abwechselungen rufen mich die Götter! Schon war ich im Geist hinüber zu jenen friedlichen Ufern, und nun wieder hier in den Verwirrungen des Lebens! Ein blutiger Krieg wird beginnen ihrem Gelübde entsagt die Königin nie! Welcher Zerstörung zuzusehen bin ich aufbehalten! Was für eine Zahl von meinen Freunden und Zeitgenossen sah ich schon hinabstürzen! Als ein melancholisches Monument von einer jammervollen Zeit werde ich stehen bleiben; der Sturm, der den Wald zerriß, läßt meinen einsamen Stamm vielleicht ungebrochen! Und zu welchem Vorsatz! Noch die Tränen des Mitleids und der Beklemmung auf die Trümmer herabzuträufeln, die unter mir liegen.
Fünfzehnte Szene
Dido. Jarbas. Elissa. Räte. Volk. Feldherr. Soldaten. Albicerio.
Königin
Dieser Stier ist mit vielen Kränzen geschmückt; ich brauche auch einen zu dem Fest.
(Sie nimmt vom Altar einen Kranz und nimmt ihren Schleier ab. Indes)
Elissa (zu Albicerio)
Sie gab dem Jarbas die Hand.
Albicerio
Ists möglich? Und ihr Gelübde?
Königin (zur Elissa)
Zu diesem Fest will ich dir ein Geschenk machen. (Sie steckt ihren heruntergenommenen Schleier der Elissa mit einem Juwel an, nachdem sie sich den Kranz um ihre Haare gewunden hat) Vergib, daß ich dir mit meinem Entschluß wehe tue.
Elissa
In deiner Seele kann kein gemeines Unrecht sein.
Königin (zu Albicerio)
Auch du vergib mir! Ich weiß, ich zerreiße dein Herz!
Albicerio
Götter! Seid nicht streng, nur gerecht gegen sie!
(Indes schneidet Dido eine von ihren Haarlocken ab)
Königin
Liebster, teuerster Albicerio, nimm dies zu meinem Ankenken! (Sie gibt ihm die Locke)
Albicerio
(bezeugt einen stummen Schmerz)
Dem Unwürdigen deine Hand! (Er faßt sich wieder) Mögen die Götter volle Freude über dein Leben ausgießen!
Königin
Nichts mehr davon! Der Aufwand von Kraft, einen tiefen Schmerz zu tragen, nimmt auch die mit hinweg, eine Freude wieder fassen zu können. (Sie nimmt Albicerio und Elissa bei der Hand, indem sie sich zwischen sie stellt) Lebt wohl, meine Freunde! (Sie umarmt beide) Ich gehöre euch nicht mehr! (Sie nimmt das Opfermesser vom Altar) Knaben, führet den Stier herbei! Und nun, mein Acerbas, zu dir!
(Sie springt auf den Scheiterhaufen und ersticht sich)
Feldherr
Ach! sie selbst das Opfer! Das Messer traf ihr Herz!
Elissa
Götter, Rettung! Wir verstanden ihre Abschiedsreden nicht!
Albicerio
(stürzt vor dem Scheiterhaufen hin)
Erde, nimm mich auf!
(Alle ihre Freunde knien um den Scheiterhaufen)
Jarbas
Verdammtes Schicksal! Ich erkenne Deine Gewalt, und bin doch nicht dein Liebling.
(Der Vorhang fällt)
Last update: 19-09-1998
© Helmut Schulze, 1998
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