Wolfgang Bauer (*1941)


Das Herz

In Ermangelung einiger Dollars
reiße ich wieder einmal mein Herz heraus
knalle es blutspritzend auf die schwarze Theke
einer kleinen Bar in Tijuana
dem Blutbad entweichend
trinke ich meinen Tequila
draußen
höre ich Chet Bakers Flötentrompete rauchig blasen
mitten aus der Hitze kommt der Ton
von einer weißen Wolke
das sind so meine Schießereien
wie oft schon habe ich so bezahlt
wie oft ist mir dieser pochende Lappen nachgewachsen
habe ich diesen roten Dschungel begossen
gerodet
verkauft
aufgepumpt mit Strahlenluft
die immer vorbeizieht
als gleißender Cadillac
der mit blendenden Scheinwerfern
durch das Chicago meiner Nacht
auf mich zurast
ihm zusteigend
sein ängstlicher Chauffeur
mähe ich ganze Völker nieder
und tanke mit ihrem Blut
mein Herz auf

Hunderten Frauen und Männern
lieh ich es schon
zerfressen
gespickt von verzweifelten Zähnen
fand ich es immer wieder
in dunklen Ecken
auf dampfenden Kanalgittern
irgendwo im hellen Wald zwischen Blättern
wartete es keuchend
erschöpfter Jagdhund ohne Beute zwischen den Lefzen
hungrig briet ich ihn über dem zischenden Ätna
verschlang ihn barbarisch
mich mordend erwachend mit Blick auf Taormina
heilte mein Herz ein scharfer Frühwind
wund und schwer stieg ich ins Föhrental

Stets ein Fremder in mir
ein kalter Magnet
gefrorener blutiger See
nahe Bolsena
die Fremdheit anlockend
zwang mich das Herz in die Schönheit
die ich nie wollte
in die blindwütigen Irrfahrten
zu Enden die längst zu Ende sind
wo nur noch trockene Palmen
unter weißer Sonne zerkrachen
splittern
rascheln
bunte Ratten
mich mit bummelwitzigen Geisterchören erwarten
am lauen Meer
im kopfförmigen Funafuti-Atoll
meinem Gefängnis
zu meiner Zerstörung
ein Selbstmörder ist mein Herz
Profi-Selbst-Killer
Rucksack mit tausend Pistolen
fällt es der Schwerkraft lachend entgegen
mein Ich als fröhlichen Fallschirm verwendend
als Unterhalter
Poeten
Hofnarren
als fernen Kondensstreifen
für seine tiefe Bewegungseinsamkeit
in meiner Finsternis

Aber wenn ich schlafe und träume
will es davonschleichen
mit leisem Motor als gelackter Gangster
wie ein junges neugieriges Mädchen
will es durchs Fenster
zu einem großen Ballfest
für die einsamen Herzen
im blutigen Karneval von Rio
möchte es tanzen
weit unter dem Äquator des Lebens
sich andere
leichtfüßigere Gesellen suchen
sich schminken und putzen
zu den Hexen will es
mit ihnen sich kreischend zu Tode raufen
um den Tod

(für Camilla)

Quelle: Wolfgang Bauer: Das Herz. Gedichte. München 1985. © 1981 Residenz Verlag, Salzburg und Wien.

Nur für private Zwecke!


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Last update: 18-05-1999
© Helmut Schulze, 1999


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