An Marathus, den Liebhaber der Pholoe
Mir ist ja wohl nicht fremd, was heimliche Winke bedeuten,
Was mit zärtlichem Ton flüsternd ein Liebender sagt.
Und doch lehren Orakel mich nicht und prophetische Fibern,
Und der Vögel Gesang kündet mir nicht, was geschieht.
Venus, die selbst mir die Arme mit magischen Knoten zurückband,
Hat mich dies alles, und nicht ohne zu schlagen, gelehrt.
Laß die Verstellung! Es suchet der Gott nur mit schärferer Glut den
Heim, an dem er gewahrt, daß er nicht willig erliegt.
Jetzt, was frommt's, daß du emsig die seidenen Locken gepflegt hast,
Daß du bald so, bald so modisch die Haare gelegt?
Daß ein glänzender Saft dir die Wange verschönert, so manchmal
Eine erfahrene Hand zierlich die Nägel gekürzt?
Leider umsonst wird jetzo das Kleid und die Toga gewechselt,
Und der knappere Schuh preßt dir vergeblich den Fuß.
Freilich, die Liebste gefällt, auch wenn sie die Wange nicht färbte,
Nicht mit zögernder Kunst schmückte das reizende Haupt.
Wie? hat ein finsteres Weib mit höllekräftigen Kräutern,
Hat sie mit Sprüchen in tief schweigende Nacht dich verwünscht?
Zaubergesang entführt von des Nachbars Acker die Früchte,
Wütende Schlangen im Lauf bannet ein Zaubergesang;
Zauber versuchte schon Lunen herab vom Wagen zu ziehen:
Wenn nicht geschlagenes Erz tönte, gelang es gewiß.
Doch was klag ich, daß Kräuter und Sprüche dem Armen geschadet!
Ach, die Schönheit bedarf nimmer der magischen Kunst.
Nein, er kam der Schönen zu nah! das ist es; er schmeckte,
Hüft an Hüfte gedrückt, lange verweilenden Kuß!
Aber, o Pholoe, du sei meinem Knaben nicht spröde;
Stolz und Härte vergilt Venus mit rächendem Zorn.
Lohn auch fordere nicht; Lohn gebe der lüsterne Graukopf,
Daß du im schwellenden Schoß frierende Glieder ihm wärmst.
Goldner als Gold ist der Jüngling mit glattem, blühendem Antlitz,
Der mit stachlichtem Bart nicht dir Umarmte verletzt.
Ihm, o Mädchen, nur schlinge den blendenden Arm um die Schulter,
Und auf der Könige Gold blickst du verächtlich herab.
Venus ersinnt ja schon Rat, dich geheim zu ergeben dem Jüngling,
Wo er die liebliche Brust fester und fester dir preßt,
Wo mit Zungen ihr kämpft und dem schwerer Atmenden feuchte
Küsse du gibst und des Zahns Spuren ihm drückst in den Hals.
Perl und Juwele, sie freuen die nicht, die das einsame Lager
Hütet im Winter, um die nimmer ein Mann sich bemüht.
Ach zu spät, wenn das welkende Haupt im Alter sich bleichet,
Ruft man die Liebe, zu spät ruft man die Jugend zurück!
Dann erkünstelt man jeglichen Reiz und, die Jahre zu bergen,
Färbt man das Haar mit der Nuß grünender Schale sich braun;
Sorgsam wird nun das kleinste verdächtige Härchen entwurzelt,
Und durch Wechsel der Haut schafft man sich neu das Gesicht.
Aber, o du, nun eben in frischester Blüte der Jugend,
Nutze sie! nicht langsam gleitet von dannen ihr Fuß.
Quäle den Marathus nicht! Kein Ruhm ist's, Knaben besiegen;
An dem veralteten Greis übe mir, Mädchen, den Trotz.
Schone des Zarten, ich flehe! nicht etwa verborgene Krankheit,
Heftige Liebe allein machte den Jungen so blaß.
O wie verfolg' er nicht oft die entfernte Geliebte mit bittern
Klagen, der Arme! wie oft schwamm er in Tränen vor mir!
"Warum verachtet sie mich? Sie konnte die Hüter gewinnen",
Sprach er, "es lehrt den Betrug Amor die Liebenden selbst!
Venus' Schliche, sie kenn ich und weiß, wie man leise den Atem
Ziehet und unhörbar raubt den verbotenen Kuß;
Weiß um die dunkelste Stunde der Nacht in das Haus mich zu stehlen,
Kann gar heimlich und still Riegel eröffnen und Tor.
Aber das alles, was hilft's, wenn ein Liebender also verschmäht wird,
Wenn sie vom Bette sogar seiner Umarmung entspringt?
Oder auch, wenn sei verspricht, und doch, die Falsche, nicht Wort hält;
Weh, da verbring ich die Nacht wachend in eitlem Verdruß.
Immer dann bild ich mir ein: nun kommt sie! beim leisesten Laute
Wähn ich, es habe der Fuß meiner Geliebten gerauscht!"
- Laß die Tränen, o Knabe! du rührst die Unbeugsame nimmer;
Müde von Weinen, ach, schwillt, Armer, das Auge dir schon! -
Aber dich, Pholoe, warn ich; es hassen die Götter Verachtung,
Weihrauch streust du umsonst auf dem geheiligten Herd.
So hat Marathus jüngst der Verliebten gespottet, er ahnte
Nicht, daß ein rächender Gott hinter dem Rücken ihm stand.
Herzliche Tränen um ihn, so sagt man, sah er mit Lachen,
Und durch verstellten Verzug neckt' er den Schmachtenden oft.
Jetzt, wie empört ihn alles, was Stolz heißt, o wie verwünscht er
Tür und Riegel und was grausam entgegen ihm steht!
Dein auch harret die Rache, wenn du, Herzlose, dir gleich bleibst,
Tage wie diese, dereinst rufst du sie kniend zurück.
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Last update: 14-07-1999
© Helmut Schulze, 1999
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