Der Entfernte
Ohne mich, mein Messalla, durchschifft ihr ägäische Fluten:
Ach, so denke doch fern mit den Genossen auch mein!
Krankheit fesselt mich hier im fremden Phäacier-Lande.
Laß, o finsterer Tod, ab mit der gierigen Hand!
Finsterer Tod, laß ab, ich flehe! hier fehlt mir die Mutter,
Die das verbrannte Gebein les' in den traurigen Schoß.
Ach, die Schwester ist fern, die, zur Asche den syrischen Balsam
Fügend, an meinem Grab weine mit flatterndem Haar;
Keine Delia hier, die, wie man versichert, die Götter
Alle zuvor noch befragt, eh sie aus Rom mich entließ.
Dreimal zog sie des Knaben geweihete Lose, und dreimal
Ward ihr der Lose Geschick deutlich vom Knaben erklärt:
Alles verhieß Rückkehr; sie achtete nichts und von neuem
Weinete sie, mir nach immer die Blicke gewandt.
Ich, der Tröstende selbst, da ich alles bestellt und geordnet,
Suchte mit wachsender Angst immer noch längern Verzug.
O was bracht' ich nicht vor! jetzt hielten mich schreckliche Zeichen,
Jetzo der Vögel Flug oder der Tag des Saturn.
Und wenn ich weg schon gegangen, wie oft noch rief ich erschrocken:
Böse Bedeutung! ich stieß mir an der Schwelle den Fuß!
Wag es keiner hinweg ohn' Amors Willen zu scheiden,
Oder er lernt, was es heißt, reisen dem Gotte zum Trotz.
Deine Isis, was hilft sie mir nun, o Delia? was doch
Jenes von deiner Hand häufig geschwungene Erz?
Oder daß, heiligem Brauche gemäß, du rein dich gebadet,
Daß du im züchtigen Bett (mir unvergeßlich?) geruht?
Nun, nun rette mich, Göttin! So manches Wundergemälde
Deines Tempels bezeugt, daß du zu helfen vermagst.
Dann wird Delia, was sie gelobt, dir treulich erfüllend,
Dort vor der heiligen Tür sitzen, in Linnen gehüllt;
Zweimal täglich singe sie dir den Hymnus und strahle
Unter dem Pharischen Chor herrlich, die Locken gelöst.
Aber mir sei es vergönnt, die Vater-Penaten zu feiern,
Weihrauch jeglichen Mond streuend dem altenden Lar!
- O da Saturn noch herrschte, wie lebte man glücklich, bevor man
Über die Erde noch weit führende Straßen gebahnt!
Ach, da trotzte kein Mast noch den blauen Fluten, kein Segel
Gab dem Winde den hochschwellenden Busen zum Spiel.
Noch nicht hatte, so fern dem Gewinn nachschweifend, ein Schiffer
Schwer mit des fremden Gefilds Waren belastet den Kiel.
Damals beugte noch nicht der gewaltige Stier in das Joch sich,
Und mit gebändigtem Maul knirschte kein Roß in den Zaum;
Türen hatte kein Haus, und, die Grenze der Fluren zu sichern,
Waren die Steine nicht zwischen die Äcker gesetzt;
Honig gaben die Eichen von selbst; dem geruhigen Menschen
Trug das Euter voll Milch will entgegen das Schaf.
Keinerlei Feindschaft war, kein Krieg, zur Schärfe des Schwertes
Formte kein Schmied noch den Stahl durch die unseligste Kunst.
Jetzt, da Jupiter herrscht, gibt's Wunden und Mord, ach ein Weltmeer
Gibt es, und tausendfach führen die Pfade zum Tod.
Schon', o Vater! es drücket kein Meineid ängstlich das Herz mir,
Noch daß mit frevelndem Wort heilige Götter ich schalt.
Aber wofern ich bereits die verhängten Jahre vollendet,
Nun, so zeichne mein Grab, also beschrieben, ein Stein:
Hier ruht, unbarmherzig entrafft vom Tode, Tibullus,
Als er zu Land und zu Meer seinem Messalla gefolgt."
Ja, und weil ich dem Gott, dem zärtlichen, immer getreu war,
Führet mich Venus auch selbst hin zu Elysiums Flur.
Dort ist ewig nur Tanz und Musik; aus melodischen Kehlen
Flatternder Vögelchen tönt überall süßer Gesang.
Kasia trägt das Feld ungebaut, mit duftenden Rosen
Schmücken verschwenderisch dort rings die Gelände sich aus.
Chöre der Jünglinge sieht man gemischt, mit blühenden Mädchen
Spielend, und immer erneut Armor den lieblichen Krieg.
Hier ist der Liebenden Sitz, die der Tod frühzeitig hinwegriß,
Und die Myrte bekränzt ihnen das lockige Haar.
Aber in gräßliches Dunkel versenkt liegt tief der Verruchten
Wohnung, es rauschet und hallt schwarzes Gewässer umher;
Und Tisiphone, wild, statt der Haare die Schlangen verwickelt,
Wütet, daß links und rechts flieht der Verworfenen Schar.
Schrecklich zischet am Tor mit den Drachenzungen der schwarze
Cerberus, welcher die erz-flüglichte Pforte bewacht.
Dort auch drehn sich auf sturmgewirbeltem Rad des Ixion
Sträfliche Glieder: er hat Juno, die Hohe, versucht.
Auf neun Morgen gestreckt liegt Tityus, und des Verruchten
Blutige Leber, sie dient ewig dem Geier zum Fraß.
Hier ist Tantalus, ringsum Wasser: schon hofft er zu trinken,
Schon vor des Lechzenden Mund schwand auch die Welle hinweg.
Danaus' Töchter sind dort, die der Venus Gottheit beleidigt,
Ins durchlöcherte Faß tragen sie Wasser des Styx.
Ha! dort hause, wer irgend an meiner Liebe gefrevelt
Und mir langen Verzug unter den Waffen gewünscht.
Doch du bleibe mir, fleh ich, getreu! und die emsige Mutter,
Heiliger Keuschheit Schutz, weile beständig um dich.
Märchen erzähle sie dir und ziehe beim Schimmer des Lämpchens
Lange Fäden aus voll strotzender Kunkel herab;
Während dem Mädchen zur Seite, gebannt an die drückende Arbeit,
Schon vom Schlafe besiegt, mählig die Spindel entsinkt.
Plötzlich komm ich alsdann, von keiner Seele gemeldet,
Wie vom Himmel gesandt stehe der Liebste vor dir.
Wie du dann bist, so läufst du mir in die Arme, die langen
Flatternden Haare verwirrt, nackend der reizende Fuß.
O dies werde mir wahr! o führten so seligen Tag doch
Balde mir Auroras rosige Pferde herauf!
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Last update: 14-07-1999
© Helmut Schulze, 1999
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