James Ragan
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Zivanska

Nachdem die Türen zu waren und die Fenster fest verriegelt,
damit der weiche Fuß der Glut liegen bleibe, kippte
mein Vater den Kristall vom Weine hell, dann hob sich gleich
groß wie Janosik, gemütsvollen Herzens, und flüsterte hinab:

"Gras brennt. Die Hirsche sind im Wald."

Und hinaus in die grüne Nacht, unter dem Salzlaubenbug
den Bach entlang, folgten wir dem Räuberkönig hügelauf
durch kirchlich spitze Äste und Gebüsch zu einem Wald
wo nichts als Schimmelpilz und Rosendörnchen blühten.

Bei einem niederhängenden Mond, wie ein Champignongebäck,
sauerweihten wir Kohlen mit Sprößlingen und Ingwergras,
und verschleiert sowie jede Absicht die der Geist durch Hinterlist bestiehlt,
nahmen wohl die Funken an der brennenden Erde wahr

was für ein Feuerstein die Nacht ins Keuchen bringen soll.
Aus einem Knistern wuchs ein sausendes Gewirr,
zunächst von Rehhufen, verlängert dann in Rudelhetze,
als Fett von Speck schmelzfroh in Brotschöße tropfte

und Saft von Spießzwiebeln über Feuerspeeren zischte.
Im Griff von meinem Vater, wandelte das lange Windriet sich
wie der fünfte Finger einer Hand zur Rute um, die den Kartoffeln
hakenartig ins Auge stach. Der Wein trieb Wehgefühle

bis in die Kehle tief hinab, und noch tiefer wo das Herz
von etwas bebte, das einzig die Natur als Ton erkennen konnt'.
Im knacksenden Finstern dann, das Gras bis auf die letzte schluchzende
Zunge verbrannt, deutete mein Vater zum stillen Boden hin.

"Die Hirsche sind geflohen, ihre Jungen dank Wildschweinen tot."

Niemand rührte sich. Der Räuberkönig steckte seine Lanze
in die Erde wieder ein. Keiner ahnte, daß im nassen Gestein
der spätsommerlichen Wiese ein Wildschwein sich verbarg,
das allein, sich seiner Raße schämend, gestöhnt hatte und geweint.

* * *

Verkennung

für Jan Zajic (1950-1969), zweites Brandopfer der Selbstanstiftung
zur Protestierung gegen den sovietischen Einmarsch in Prag von 1968.

Dort geht die Nacht hin, ohne zu erkennen
was sie sieht. Ein Junge schneidet sich in die Lippe
beim Rasieren, spült das Blut vom Waschbecken aus,
das seine Hand ohne gezielten Gedanken ins Hirn gerieben hat.
Bei erstem Tageslicht schoß er einen Reiher.

Er muß den Lehrern ihre Schulden an ihn vergeben haben,
mal für das Versprechen, der Mond würde ihn stets himmelhoch
begleiten, mal für das versprochene Hauptwort, das es seiner
unbezähmbaren Zunge nie zu verkündigen gelang.

Vielleicht zählte er als seine Errettung auf
jeden mit Spitze verzierten Hauch, den das Mädchen ihm am
St. Vitus See durch sein jammerndes Haar gestrichen hat.
Er muß gewußt haben: Dort läuten die Glocken die,

wie er ja wissen mußte, in Týn für Palach allein
bestimmt waren, der als erster lief; das Volksabkommen
im Einfallsreichtum sieht nur einen einzigen Anstifter vor,
ganz egal, wie er heiße, wo er herstamme.

Für ihn galt als vorgefundende Weisheit eines Zeitalters,
die Sünden eines Volkes niemals zu vergeben,
wie, ach, die Katakomben unter dem Staré Mesto
mit der modrigen Kreide von Dichterknochen veralten.

Nun kommt der Nachahmer mit seiner diebischen Nachplapperei daher.
Nun läuft der Intrigant durch die Katzenköpfe von Karluv most,
wo jede Steinrippe ein Andenken an Verlust,
eine Geburt in die jedwede gemeinsame Zunge darlegt,

der sagt, dort geht der Wind hin ohne zu erkennen
was er hört. Dort kriecht Blatt, Mond, Flamme heran.
Dort zuckt der Sekundenzeiger auf der Uhr, und
mit jedem Blinzeln rückt er tiefer ins Partout,
wie Husten in die Lunge hinein.

Dort geht ein Hauptwort, im Munde stumm gehaucht, in Verkennung über.

* * *

Die Hochzeit

I

Da war ihr Hochzeitstanz und dort
ihre beiden Schwester stark geneigt,
ein kirschwangiges Dreieck so markant,
der Saal schien regelrecht zu kippen,
als ob ein Tannenfaß unterhalb
der Erdenplatte rollte, vielleicht der borovitsa,
und der Bruder von dem Bräutigam im Walzen
von einem Arm zum nächsten, hielt nur kurz
für eine neue Runde an; alle tauschten einen Gewinn aus
gegen einen Verlust, alle waren Mannequins, mit Ämtern
zu bekleiden, wie es ihrem Brautstatt ziemte,
gar so weiß und gern bereit
über hickorygepflöcktes Kernholz
sich und alle Nächte
in diese eine Füßenflut zu spülen.
Jetzt kam ihr Tanz der Lust,
jetzt der letzte Aufruf zu redovy tanec,
zum Kuß von einem Jungfrauenmund,
zur Anreihung des schmächtigen Wochenlohns
für einen männlich kräftig geknallten Schuß.

Zwar schrieben die Volksusancen vor,
er habe sich fern zu halten, der Bräutigam, weit weg
von der spitzen Zunge des Besoffenen
der gerade das Eis durchstach.
Zwar durfte dieser zum letzten Mal den Weizen
ihrer Haare mitgenießen, mit heißen Lippen
die Salzlecke ihrer Wange überfahren. Ja, dieser
würde ihren Blick auf sich herlenken gerade
als ihr Auge unter Rosenkugeln goß.
Doch, ja, dieser würde die Armensperre
ihrer Jungfer stürmen, diese Bindung
abbrechen, versuchen ihr Gesicht
emporzuheben, von der falschen Drehrichtung
der Erde abzuwenden, von den
Füßen der Mutter im Scheinknien,
von dem Brautschleier,
der von Natur aus sowieso anmutig
zum Plafond hin aufgeschmißen wird,
           und von dem Eisstecher
der gezielt ins Nichts einschneidet,
das Sehvermögen an seiner zwistigen Spindel so richtig kriegt,
daß die Wut so tief in blinde Vergessenheit gerät
sie reißt seines Nächsten Auge durch, dann der Sturm
von Armen, vereinigt im Versuch die wilde Beute
mit Fäusten einzuspangen, der Besoffene im Aufsprung
am Verschütteten vorbei,
an den Sichtkammern vorbei
die Finsternis vergoßen in den Wein.

II

           Nein, sie kniete sich
als blute nur die Spitzenkunst von ihrem Kleid,
tröstete den Kopf von ihrem Schwiegerbruder in der Schoß,
ihre Haare meilenlange Lispelfilamente
für die Geistesmeldungen die er noch sendete,
sein Gedächtnis, ein Kastanien-
ast am Brechen, seine Stille nur mehr
hörbar als das Rütteln im Frisson,
eine Flöte die dem Tonlaut seinen Hauch zurückverlieh.
           Nein, sie hatte nicht gewußt,
daß der Bräutigam den pan Dämon,
tagelang wie ein Bessessener
durch meilenweite Rottannen verfolgt hat. Ja,
er durfte sich am Attentäter rächen mit der Axt
bis auf den letzten Milliliter Atem gebilligt durchs Gesetz.
Doch, nein, er wußte die Wut in diesen Augen
erbarmungsloser zu verwunden,
so gut als hätte die Gendarmerie
selbst den Dornenkranz gesegnet,
           und das einzige, woran sie denken konnte,
war das Auge das sich schwarz
auf ihrem weißen Brautkostüm umartet hat,
           und das einzige, woran er denken konnte,
war die Mauer hinter sich zu bringen
die von seinen Wächtern bestochen ward,
und so nächtlich wie ein Sarg aufging,
          und das einzige, woran sie sich erinnerte,
war ihr Atem, geschleudert wie ein Fluß,
keuchend über Felsen, und die naßen Kräuter
in ihrem Bett, das er bei Morgengrauen verliess,
           und das einzige, woran er sich erinnerte,
war das Nacht um Nacht im Wonnerausch verbrachte Jahr
und die Trauer in der Haftzelle, die er anlegte,
wie Steine um sein Haupt umher,
           und das einzige, woran beide sich erinnerten,
war die Leidenschaft sie paarten mit
langsam ersehnter Umarmung,
ein Hochzeitstanz bis in den Tod,
           auf zwei Kontinenten
treibende Erdklöße in einer Welt, die
an der Kutsche des Erzherzogs vorbei raste,
sich von ihrem Radkranz freilöste
und langsam zu Asche zerspann.

Übersetztungen aus dem englischen
© 1999 Maureen Holm
Sämtliche Rechte vorbehalten.

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