LIBYEN ´98 oder der Konzeptvergleich

click makes big
Nachdem schon seit langer Zeit in der einschlägigen newsgroup der Streit um die richtige (Reise)Enduro zwischen der BSE- (BleiSchwerEnduro) und der KTM-Fraktion hin und her getobt hatte, beschlossen 4 wackere Enduristen diesen ein für alle Male auszufahren. Leider fielen im Vorfeld schon 2 der Kämpen durch (berufsbedingte) Urlaubsstreichungen aus, so daß nur noch 2 Enduristen die große Vergleichsfahrt antreten konnten.
Als Testfeld wurde Libyen ausgewählt und die Wahl der Testgeräte hätte nicht gegensätzlicher sein können :
Giancarlos Transalp, eine Reiseenduro die mittels diverser Umbauten zum Challenger mutierte auf der einen und meine 400er Super Competition, eigentlich eine reine Sportenduro für Wettbewerbe, deren Sitzbank an solide deutsche Eiche erinnert auf der anderen Seite. Auch meine SC mußte sich einige Umbauten wie Stahlheck, große Tanks, Roadbookleser, GPS-Halter und Tripmaster gefallen lassen, Fahrwerk und Motor blieben im Serienzustand.
Doch damit genug zur Vorgeschichte, am Freitagabend gegen 22:00 hole ich Carlo in Karlsruhe ab und wir fahren mit den Mopeds auf dem Hänger Richtung Süden, nach Genua, von wo aus uns die HABIB innerhalb von 24 h nach Tunis bringt. Tunesien durcheilten wir an einem Tag und übernachteten kurz vor der libyschen Grenze in Metameur.

Ghorfahotel
Da wir anderen Tags recht früh an der Grenze sind und den Übergang in rekordverdächtigen 1,5 h schaffen, beschließen wir auf eine Übernachtung in Zuara zu verzichten und sofort die erste Piste unter die Stollen zu nehmen. Eine breiten Schotterpiste endete an einer Kiesgrube, der für einige Kilometer ein weichsandiges Oued folgte von wo aus dann eine kleine Piste in ein malerisches Tal führte, um am Ende in einer Serpentinenorgie das Hochplateau des Djebel Nafusamassivs zu erreichen.

Blick vom Abbruch ins Tal
Der nächste Tag führt uns über durchweg gute Pisten vorbei an Kamelherden zuerst zu dem Brunnen Bir Alaqh, wo wir von den dort arbeitenden Libyern zum Tee eingeladen werden. Nach dieser Rast geht's weiter in südwestliche Richtung der Piste nach Darj folgend, vorbei an einem alten italienischen Flugfeld, dem "Campo de Aviatione Nasra", bis wir am frühen Nachmittag auf die Teerstraße kurz vor Darj stoßen. Nachdem wir in Darj getankt und uns im Cafe gegenüber der Tankstelle mit Keksen und Kaltgetränken gestärkt haben, fahren wir noch die letzten 100 (todlangweiligen) Kilometer bis Ghadames wo wir uns dann 2 Ruhetage gönnen um die alte Oasenstadt zu erkunden, die Mopeds zu checken und einen kleinen Ausflug an einem malerischen See, 50 Kilometer vor Ghadames, zu unternehmen.

Namenloser See vor Ghadames
Nach diesen 2 Tagen zieht es uns aber wieder hinaus in die Einsamkeit der Wüste und auf die Piste, so starten wir mit jeweils 50 Litern Benzin, 13 Litern Wasser und Verpflegung beladen von Darj aus Richtung Uwbari, noch nicht ahnend, daß die nächsten beiden Tage die besch... der ganzen Tour werden sollen. Den Anfang der Strecke bildet eine orientierungs und fahrtechnisch leichte Piste, die wir erst einmal langsam angehen um uns an das hohe Gewicht unserer "Lastesel" zu gewöhnen. Im Laufe des Vormittags wird der Himmel immer dunkler und immer mehr Sandkörner wehen uns in unsere Crosshelme, gegen Mittag ist es dann soweit, wir stehen in einem Sandsturm. An eine Weiterfahrt ist nicht zu denken, also Mopeds parken, die Augen mit Crossbrille geschützt und ansonsten mit Tüchern im Tuaregstil umwickelt lassen wir das Elend ergeben über uns hinwegziehen. Gegen späten Nachmittag hin läßt der Sturm etwas nach und wir fahren noch eine Stunde, ehe wir auf einer trostlosen Ebene im Dämmerlicht unser Zelt aufschlagen.

Nach dem Sandsturm
Der nächste Tag beginnt wie der vorherige aufgehört hat, trübe, nach einem schnellen Frühstück brechen wir genauso schnell auf um möglichst viele Kilometer zu machen bevor es wieder losgeht und tatsächlich, gegen Mittag sieht man kaum noch 20 m weit. Zum Glück halten wir neben einem Berg unterhalb dessen Gipfels wir wenigstens etwas Schutz vor dem Sand finden, wenn auch nicht vor den Temperaturen, die auf 43° C ansteigen und einem das Gefühl vermitteln in einem Umluftbackofen zu liegen. Nachdem das Schlimmste vorbei ist fahren wir noch ein Stündchen und finden dann einen windgeschützten Platz für unser Zelt.
Anderen Morgens sieht der Himmel schon etwas freundlicher aus und wir machen uns hoffnungsvoll auf den Weg den wir aber erst einmal suchen müssen, da wir den richtigen Pistenabzweig im Sandsturm wohl offensichtlich verpaßt haben. Gegen Mittag kommt zwar noch einmal ein stärkerer Sandwind auf den wir an einem Brunnen mit viel kühlem (und vor allen Dingen frischem) Wasser aussitzen, im kühlen Brunnenwasser gelingt es uns sogar etwas Schokolade aus dem trinkbaren in den eßbaren Aggregatzustand zu überführen. Am frühen Nachmittag stoßen wir dann auf den berühmten Brunnen Hasi-Hasi, von wo aus wir auf die Pipelinepiste in Richtung Uwbari abbiegen.
Die ersten Kilometer auf dieser schnurgerade durch den Erg geschobenen Piste lassen sich noch gut fahren doch je weiter wir in den Erg hineinkommen desto schwieriger wird es. Da die Piste offensichtlich nicht mehr gepflegt wird holt sich der Erg mit jedem Sandsturm ein Stückchen zurück. Nachdem wir die schwere Transalp zum n-ten Male ausgegraben haben beschließen wir zurück zu fahren und über die reguläre Piste nach Idri zu gelangen.

Lagerplatz an der Pipelinepiste
Am anderen Morgen kämpfen wir uns gemeinsam durch die Dünen zurück, was besser geht als wir befürchtet hatten. Danach gehts über holprige Pisten mit immer wiederkehrenden verspurten Sandfeldern als "Zwischeneinlagen" nach Idri. Idri selbst zeichnet sich durch seine Tankstelle und die dort erhältlichen Rühreisandwichs mit Harissa aus, von diesen gestärkt und mit frisch gefüllten Tanks verlassen wir Idri um den Erg auf der "klassischen" Route von Idri nach Uwbari zu durchqueren.
Die ersten 50 km im Erg gestalten sich als etwas knifflig da der Sandsturm alle Spuren verweht hat und somit jeder Dünenübergang ersteinmal mühsam erkundet werden muß. Auch dabei geht es nicht ohne so manche Ausgrabungsarbeit ab.

Ausgrabungsarbeiten im Erg von Uwbari
Der zweite Teil der Strecke läßt sich deutlich besser befahren und wir kurven oft mit Tempo 100 durch die Dünentäler, die griffigen Crossreifen krallen sich regelrecht in den weichen Sand und lassen Schräglagen wie auf Asphalt zu, immer wieder halten wir an um zu fotografieren und die wunderbare Landschaft zu betrachten.

Wüstenlandschaft
Als wir am Abend in Uwbari eintreffen ist es schon dunkel, es gibt kein Hotel und bis Tekerkiba sind es noch 70 km, im Restaurant gegenüber der Tankstelle trinken wir erst einmal reichlich kaltes Wasser, wir sehen wohl nicht nur ziemlich dreckig sondern auch ziemlich fertig aus trotzdem werden wir von Mohammed eingeladen doch bei seinem Bruder und seiner Familie zu übernachten. Nach einer Dusche und mit sauberen Sachen an fühlen wir uns direkt wesentlich besser, man macht sogar noch extra für uns etwas zu essen, danach fällt es uns ziemlich schwer die aufkommende Müdigkeit zu unterdrücken und nicht im Gespräch mit dem Gastgeber, seinen Nachbarn und Verwandten einzuschlafen.
Nach einem guten Frühstück bedanken wir uns und fahren weiter bis nach Tekerkiba wo wir auf dem Campingplatz das Zelt aufschlagen und einen Waschtag einlegen. Am nächsten Tag geht es dann ohne Gepäck zu den Mandaraseen und dem Um Al Ma, einem Salzwassersee inmitten von hohen Dünen. Dieser See zählt für mich zu einem der schönsten Orte in der Sahara.

Um Al Ma (arab.: Mutter des Wassers), eine Perle in der Wüste
Nachdem ich den See umwandert habe nehmen wir ein Bad im See, der unterirdisch von einer warmen Quelle gespeist wird und deshalb nie austrocknet.
Von Tekerkiba aus geht es in einem Rutsch über Asphalt bis Tmissah wo die Piste zum Waw An Namus, dem Mückenkrater, anfängt. Ich hatte schon viel über dieses Naturwunder gehört, einige Fotos gesehen, aber vorstellen konnte ich ihn mir nicht. Als wir gegen späten Nachmittag auf einmal von hellem Sand auf schwarze Lava kommen und es eine immer steiler werdende Rampe hinauf geht wissen wir, daß wir unser südlichstes Ziel erreicht haben.

Auffahrt zum Kraterrand
Oben auf dem äusseren Kraterrand angekommen blicken wir in den Krater hinab und können uns einfach nicht satt sehen an diesem einmaligen Anblick, als ich nach einiger Zeit die Kamera heraushole und anfange Fotos zu machen wird mir klar, daß die Bilder immer nur einen (leider sehr stark) eingeschränkten Ausschnitt dieses Naturwunders wiedergeben können.

Moon over Waw An Namus
Kurz nach Sonnenaufgang machen wir uns mit reichlich Wasser und den Kameras behängt auf den Weg in den Krater und besteigen den inneren Vulkankegel, von dort hat man einen ausgezeichneten Blick auf die verschiedenfarbigen Seen die sich rings um den inneren Kegel anordnen und in ihrem Schilf den Unmengen an Mücken Unterschlupf gewähren denen der Krater seinen Namen verdankt.

Kraterrand

Dünenstruktur im Krater

Namenloser See im Waw An Namus

Bunter See im Waw An Namus

Innerer Vulkankegel
Nach diesem, eigentlich nicht mehr zu übertreffenden, Naturwunder machten wir uns auf zur langen Fahrt gen Norden. Nach endlos erscheinenden Kilometern auf libyschen Highways gönnen wir uns eher zufällig noch einmal ein Stückchen offroad als wir auf die Bautrasse des Man made River Projektes stoßen. Die gigantischen Betonröhren sind wohl schon (fast) alle vergraben und wir sehen nur noch dir Transport-LKWs, wahre Giganten der Straße die uns in einer nicht enden wollenden Reihe entgegen kommen. Eine Übernachtung und Reifenpanne weiter erreichen wir die Mittelmeerküste, da wir genug Zeit haben, beschließen wir uns auch kulturell noch etwas zu gönnen und besuchen die alte Römerstadt Leptis Magna.

Amphietheater in Leptis Magna

Statue in Leptis Magna
Es lohnt sich auf jeden Fall einen oder mehrere Tage in den alten Ruinen herum zu stöben, doch wir fühlen uns inmitten der Hektik und der vielen Mensch hier einfach nicht wohl. Am Abend sind wir dann in Zuara, kurz vor der Grenze zu Tunesien, wo wir noch einen letzten Abend in Libyen verbringen. Die darauf folgendenTage bringen uns ganz gemütlich durch Tunesien, bis dann Freitags wieder unsere Fähre aus Tunis ablegt und uns zurück nach Europa bringt.
Ach so, ja der Konzeptvergleich .............. keines der beiden Fahrzeuge hatte ernsthafte technische Schwierigkeiten, bei der KTM erwies sich der Seitenständer als nicht stabil genug und quittierte nach mehrmaligem zurechtbiegen den Dienst mit Materialbruch. Ansonsten hielt sich die "Kleine" recht gut: einmal Kette spannen, Ölverbrauch null, Minimalverbrauch unter 4 l/100 km, Maximalverbrauch 9 l/100 km, Pistendurchschnitt 5.5 l/100 km. Die verwendeten Reifen : vorne Metzeler MCE (bzw. Micelin Desert, auf der Transalp) und hinten Barum StoneKing Cross erwiesen sich wieder mal als gute Allroundkombination. Mein Hinterteil schmerzt nach diesen 6000 km auf der SC-Sitzbank und doch will das Grinsen im Gesicht nicht verschwinden sobald ein Stückchen Piste auftaucht.
Auch die Transalp brauchte kein Öl, ging sparsam mit ihrer Kette um und zog sich im Vergleich 5 / 15 / 6.5 L/100 km Sprit. Carlos Sitzfleisch hatte eindeutig weniger zu leiden als meins, dafür verzog sich sein Gesicht des öfteren schmerzhaft wenn die unzureichende Bodenfreiheit wieder einmal den Kontakt zwischen Motorschutz und Sahara herstellte, auch das höhere Gewicht und das serienmäßige Federbein sind ein deutliches Handicap für wirklich schnelle Offroadfahrten
PS : Carlo soll seit der Rückkehr häufiger vor den Schaufenstern von KTM Händlern gesehen worden sein, nun mag sich jeder seinen Reim auf den Ausgang des wohl bisher längsten d.r.m-Vergleichstests (tm) machen :-) .
Werner
Noch mehr Bilder und einen Reisebericht gibts auf Carlos Heimatseiten