http://www.welt.de/archiv/1996/08/12/0812s303.htm Thetanen im Big Business Warum sich Scientology bevorzugt auf dem Immobilienmarkt tummelt Von HANS-W. LOOSE Der Streit um den Spielfilm "Mission: Impossible" hat zu heftigen Verstimmungen zwischen Washington und Bonn geführt. Grund: Hauptdarsteller Tom Cruise ist Anhänger einer Organisation, die nach deutscher Lesart mit ihrer Heilslehre nicht weniger als die Weltherrschaft anstrebt. Bonn - Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) nennt Scientology "eine verfassungsfeindliche, intolerante, rassistische Organisation, die unsere Gesellschaft zu einem totalitären Regime umgestalten will". Die SPD-Sektenexpertin Renate Rennebach will, daß der Rechtsstaat die "totalitäre und faschistoide Organisation" bekämpft. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) ruft nach dem Verfassungsschutz, "um den Rädelsführern dieses menschenverachtenden Kartells das Handwerk zu legen". Ein Scientology-Sprecher kontert: "Politische Maulhelden!" Die Liste der Scientologen ist illuster, sie reicht von Tom Cruise über seine Schauspielerkollegen John Travolta und Priscilla Presley über den Jazzpianisten Chick Corea bis zur Sopranistin Julia Migenes. Kein Außenstehender kennt Fakten und Zahlen über die Organisation, die im Sekten-Dorado Amerika als Kirche gilt. Weltweit werden in 74 Ländern zwischen acht und 25 Millionen Mitglieder vermutet, in Deutschland zwischen 20 000 und 70 000. Alles begann im Jahr 1950. Der Science-fiction-Autor Lafayette Ronald Hubbard schrieb für Laien das Psycho-Buch: "Dianetics: Die Moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit". Um Leserfragen zu beantworten, stellte er Helfer ein. So entstand 1954 nach den Aussagen seines Sohnes Ron de Wolfe aus steuerlichen Gründen die "Church of Scientology". Ihre Mitglieder begreifen "Dianetik", ein Sammelsurium der Ideen von Buddha bis Freud, als Heilslehre. Ursula Caberta, Sektenbeauftragte des Hamburger Senats, hat für die Industrie- und Handelskammer (IHK) Köln Hubbards System durchleuchtet. In jedem Menschen stecke demnach ein "Thetan". Zitat aus dem Schulungsmaterial: "Vor 35 Milliarden Jahren löste ein böser Fürst namens Xenn das Problem der Überbevölkerung auf einem anderen Planeten, indem er zwei Milliarden Thetanen zur Erde brachte, die zu jener Zeit ,Teegeeack' hieß - er stopfte sie in Wasserstoffbomben, die er in einem Vulkankrater explodieren ließ." Das unsterbliche Geisteswesen "Thetan" müsse von hemmenden irdischen Verkrustungen befreit werden. Scientologen sollen mit Hilfe eines "E-Meters", einer Art Lügendetektor, "Engramme" und "Aberrationen" aufspüren und zerstören. Wer das schafft, gilt als "Clear". Der nächste Schritt auf dem Weg über die "Brücke zur völligen Freiheit" beginnt mit dem "Auditing" zum "Operierenden Thetan". Ein "OT" ist laut Hubbard Herrscher über Materie, Energie, Raum und Zeit - gefeit gegen Krankheit, atomare Strahlung und Homosexualität. Hubbard hatte 15 "OT"-Grade eingeplant, aber nur neun freigegeben. Für höhere Weihen fehle es Adepten an geistiger Reife, befand er. Hubbards Phantasien wurden zur Basis eines weltumspannenden Imperiums zur Gewinnmaximierung. Das Bundesarbeitsgericht in Kassel urteilte, Scientology sei ein Wirtschaftsunternehmen, keine Kirche. Das Bundesverwaltungsgericht Berlin verpflichtete Scientology, für den Verkauf von Büchern und Kursen mit geschätzten 150 Millionen Mark Jahresumsatz ein Gewerbe anzumelden. An der Spitze der Scientology-Zentrale in Kalifornien steht nach heftigen Führungskämpfen Heber C. Jentzsch als Präsident. Die Kölner IHK hat in ihrer Zeitschrift "Markt und Wirtschaft" analysiert: Das "Religious Technology Center" (RTC) hält seit Hubbards Tod 1986 alle Lizenzen und Vermarktungsrechte. Die Führungsmannschaft gliedert sich in die Computerabteilung "Incomm", das "Senior Executive Strategic Committee" und das "Finance Office". Das "Watchdog Committee" als Überwachungsapparat kontrolliert alle Zweige von Scientology: die "Church", die "Association for Better Living und Education" (ABLE) und das "World Institute of Scientologist Enterprises International" (WISE). WISE hat seine Schwerpunkte in den Bereichen Fortbildung, Software und Unternehmensberatung. Die Organisation vergibt Lizenzen an Unternehmen, kassiert die Gebühren und behält sich das Recht vor, jederzeit die Buchhaltung zu kontrollieren. Hubbard zeigte in seiner "Führungsanweisung ED 1040" den Weg auf: "Suche Dir ein Geschäft aus, welches bereits sehr gut arbeitet. Wende Dich an den höchsten Direktor. Biete ihm an, dafür zu sorgen, daß sein Geschäft ihm mehr Geld einbringt. Lokalisiere Gegner in der Organisation und wirf sie hinaus. Zeige den leitenden Angestellten, um was es sich handelt; das wird dann den Zyklus in Gang setzen: Die leitenden Angestellten werden die Jungmanager und das andere Personal dazu drängen, Audit-Sitzungen zu nehmen." Angelika Christ, Vorsitzende der Sekteninformation und Selbsthilfe Hessen/Thüringen, schreibt in ihrem Buch "Scientology im Management" über die Praktiken: "Es entsteht ein ineffizienter Verwaltungs-Wasserkopf." Die Kölner IHK kennt Fälle, in denen Unternehmen mit 44 Mitarbeitern in drei Stabsstellen, sieben Abteilungen und 20 Bereiche auf- und untergliedert worden seien. Unternehmen als WISE-Lizenznehmer müßten zwischen fünf und 18 Prozent des Umsatzes an die Zentrale abführen: "Aufgrund des immensen Erfolgsdrucks ist das Unternehmen praktisch gezwungen, seine Kunden über den Tisch zu ziehen." Die Wirtschaft versucht sich abzuschotten. Unternehmen pochen vor Vertragsabschlüssen immer häufiger auf die Klausel, daß der Bewerber kein Scientologe ist. Der Verband Deutscher Unternehmensberater in Bonn ist laut Geschäftsführer Wilfried Domke nach einem Abgleich der 462 Mitgliedsgesellschaften mit Namen aus Sekteninfos zumindest sicher, "daß in den Führungsetaten der Beratergesellschaften keine Scientologen sitzen". Die Warsteiner Brauerei steckte 200 000 Mark in eine Anzeigenkampagne - gegen Gerüchte, die sie in die Nähe von Scientology rückten. Die Abteilung "Sicherheit" beim Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) in Bonn nennt Scientology eine "tickende Zeitbombe", eine "Organisation, auf Befehl und Gehorsam aufgebaut". Sie schaffe "den gläsernen Menschen, der sich ohne Mitspracherecht allen Richtlinien unterwerfen muß" und bilde "ein weltweites Wirtschaftsunternehmen, militärisch strukturiert, vergleichbar mit der Mafia". Scientology sei "eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland" und "beliebäugelt gerade Immobilienmakler". Der Ring Deutscher Makler (RDM) beschloß 1995: Die Arbeitsweise nach Hubbard ist mit den Standesregeln nicht vereinbar. Scientology war längst aktiv. Der Hamburger Makler Peter Landmann klagte, bei jedem zweiten Umwandlungsgeschäft von Miet- in Eigentumswohnungen streckten Scientologen Fangarme aus - "mit Methoden, die nicht den Regeln eines ehrbaren Kaufmanns entsprechen". Im boomenden Berlin wußten Senat und seriöse Makler von 20 Scientology-Filialen, die Firmenschilder änderten wie ein Chamäleon die Farbe. Sie kauften bewohnte Mietshäuser von älteren Eigentümern oder zerstrittenen Erbengemeinschaften, zahlten einen Teil des Kaufpreises an und versprachen, den Rest nach einem Jahr zu überweisen. "Berater" drängten die Mieter zum Kauf der Wohnung oder zum Auszug. Ein Makler: "Lehnen die Mieter ab, werden sie systematisch vergrault; ältere und rechtsunkundige Bewohner werden oft unter Druck gesetzt." Hamburgs Sektenfachfrau Caberta warnt: "Mittels ,Love-bombing' werden die Menschen Schritt für Schritt an die Organisation herangeführt. Das erste, was systematisch abgebaut wird, ist die Kritikfähigkeit. Und das geht verdammt schnell." Wie bei Martin Beyer, Inhaber eines angeschlagenen Kölner Reparaturdienstes. Ein Nachbar überredete ihn, den Kurs "Grundlagen der Dianetik" in Düsseldorf zu besuchen. Die Kursleiter machten "Studienschwierigkeiten" aus und rieten zu einem Kommunikationskurs; Beyer willigte ein. Er wurde an die "Qualitätsabteilung" verwiesen, um "Definitionen zu lernen", gewöhnte sich an das neue Gedankengut und war schließlich überzeugt: "Das ist es, was ich brauche." Der Geschäftsmann überwies 40 000 Mark für seine Ausbildung, machte ein paar gute Umsätze, zahlte zehn Prozent Provision an Scientology und erkannte zu spät, "daß mir das betriebswirtschaftliche Wissen und die Infrastruktur fehlten". Als er die Werkstattmiete nicht mehr bezahlen konnte, ging er zum Konkursrichter. Nun weiß er, daß er nie ein "Clear" oder gar ein "Operierender Thetan" werden wird - und berät Sektenopfer. © DIE WELT, 12.8.1996 www.welt.de