EISERNE KRONE
Islam und Tradition
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Muslimischer Aufbruch

Jeder Tag ist Aschura

Zum revolutionären Märtyrerkult der Schia

Von Martin A. Schwarz (10. Muharram 1424)

Der zehnte Tag des ersten Monats des islamischen Jahres (Muharram) hat für alle Muslime eine außergewöhnliche Bedeutung. Dieser Tag, Aschura, ist der Jahrestag der Erschaffung der Welt, der Landung der Arche Noahs, der Erwählung Abrahams, der Befreiung Jonas aus dem Wal, der Herabkunft wie der Entrückung Jesu, der Heirat Muhammads mit Khadija, um nur einige der auf diesen Tag in unterschiedlichen Jahren fallenden Ereignisse von welt- und heilsgeschichtlicher Bedeutung zu erwähnen. Offenbar haben all diese Ereignisse, die eigentlich immer Handlungen Gottes sind, eine Gemeinsamkeit im transzendenten Eingreifen, der Verbindung von Absolutem und Kreatürlichem.

Für jene mehr als zehn Prozent der Muslime, die dem "Prophetenhaus" (Ahl-ul-Bayt) folgen, die Parteigänger Alis (Schiat´Ali), werden diese Ereignisse an jenem Tag jedoch überlagert von der Tragödie von Kerbala, der Ermordung des Imam Hussain und seiner Gefolgsleute im Irak. Aus dem Freudentag, der Aschura in allgemeiner Sicht ist (bzw. war), ist der Trauer- und Bußtag geworden, der höchste Festtag der Schiiten. Und dennoch muß eine Gemeinsamkeit mit den oben erwähnten Rettungsgeschehnissen des Aschura-Tages bestehen. Die Antwort auf die Frage nach der Gemeinsamkeit von Rettung, Erlösung und Untergang, Tod gibt das Mysterium der Martyriums.

Nach dem Tod des Propheten herrschte in der Umma, der Gemeinschaft der Glaubenden, eine Spannung zwischen denjenigen, die die Erwählung Alis durch Muhammad zu seinem Nachfolger als Befehlshaber der Gläubigen beim Teich von Khumm anerkannten und denen, die stattdessen Prophetengefährten an der Spitze der Gemeinde sehen wollten, die sie für die praktische Führung für geeigneter hielten. Diese Spannung führte noch nicht zum völligen Bruch. Die ersten Kalifen, Abu Bakr, Omar und Uthman werden, wenn auch opponierend, von den später als Schiiten und als Sunniten bezeichneten Parteien gleichermaßen anerkannt. Dies änderte sich als, nach dem schließlich doch erreichten Kalifat Alis, dieser von einem Gefolgsmann des ungehorsamen syrischen Gouverneurs Muâwiya ermordet wurde und mit Muâwiya sich der Clan der Umayya (Bani-Umayya) als erste Herrscherdynastie etablierte. Jene einflußreiche arabische Sippe, die den Propheten Muhammad am hartnäckigsten verfolgt und als letzte den Islam angenommen hatte, sollte nun die Führungsrolle für die nächsten Jahrhunderte einnehmen. Eine solche Usurpation unter Hintanstellung der übrigen Clans führte der Schia natürlich neue Anhänger aus den Reihen der alten arabischen Gefolgsleute Muhammads zu. Es zeigt sich auch, daß die politischen Ursprünge der Schia eher mit innerarabischen Stammesrivalitäten zu tun haben als mit grundsätzlichen religiösen Fragen oder gar mit einem außerarabischen Einfluß. Tatsächlich begannen aber Muâwiya und sein Sohn Yazid die sozialen Errungenschaften des Islam zurückzunehmen und den Nepotismus und die schamlos prassende und der Scharia Hohn sprechende Hofhaltung zu etablieren, die sich als geradezu typisch für die islamischen Länder etabliert hat. Demgegenüber hat die Schia das — im richtigen Sinne verstanden — asketische Ideal der Kämpfer des Urislam bewahrt. Einige Jahrzehnte später sollten zu den innerarabischen Rekrutierungsgründen auch noch jene Neubekehrten kommen, die von den Feudalarabern im Klientenstatus gehalten wurden, anstatt so als gleichberechtigte Muslime anerkannt zu werden wie es die islamischen Richtlinien eigentlich vorschreiben würden. Zentrum dieser schiitischen Unruhe, die die vom Ideal abgefallene weltliche Herrschaft an den Maßstäben des reinen Islam mißt, wurde zunächst und für längere Zeit die arabische Garnisonsstadt Kufa in Mesopotamien (Irak), in deren Nähe später das darauffolgende Herrschergeschlecht der Abbasiden die neue Hauptstadt Bagdad errichten werden würde. Der Name Kufa lebt übrigens in der "kufischen Schrift" fort.

Die Übergabe der Macht von Muâwiya an seinen Sohn Yazid war das Signal für einen erneuten Versuch der Rückführung der weltlichen Macht in die Hände der Aliden, der Nachkommen Alis. Der Sohn Alis und damit Enkel Muhammads, Hussain, wurde aus Mekka, wo er sich auf Pilgerfahrt befand, nach Kufa gerufen, um sich an die Spitze eines Aufstandes gegen die Tyrannenherrschaft zu stellen. Dies geschah im Jahre 680 christlicher Zeitrechnung.

Als Hussain mit seiner Familie und einigen Anhängern in die Nähe von Kerbala kam, wurde er von Soldaten des Muâwiya aufgefordert, den Treueeid auf diesen zu leisten. Auch nachdem man der Gruppe den Weg zum Euphrat und damit zum Wasser abgeschnitten hatte, war dieser dazu nicht bereit. Hussain entband seine Gefolgsleute von dem ihm geleisteten Treueeid und erlaubte ihnen zu fliehen, was einige Nichtstandhafte auch taten. Am neunten Tag des Muharram wurde er zum letzten Mal von den Truppen aufgefordert, er erbat sich eine Frist über Nacht — um Zeit für Gebete zu haben — und stellte sich am nächsten Tag mit 72 Männern dem Kampf. Mit den Worten "Der Tod ist besser als das Ertragen von Feigheit und Scham" ging Hussain seinem Schicksal entgegen. Bald wurden alle niedergestreckt. Den Toten wurden die Köpfe abgeschlagen. Die Leiber ließ man unbegraben zurück. Mit den abgeschlagenen Köpfen, den gefangenen Frauen und dem einen überlebenden Sohn Hussains, dem vierten Imam - vier Söhne Hussains waren in Kerbala getötet worden — zogen die Mörder nach Damaskus an den Hof des Yazid.

Dort wurde man des grausamen Sieges aber nur kurze Zeit froh. Der Sieg über Hussain, die Freveltat der Tötung des Prophetenenkels, die ganzen Umstände der Tat, sowie bekanntgewordene Schandtaten gegenüber den Frauen, wurden zum Fallstrick Yazids und der ganzen Umayyadendynastie. Yazid mußte die Tat letztlich sogar öffentlich verabscheuen. Besonders die Schwester Hussains, Zeinab, die in Reden das Verbrechen anprangerte, trug dazu bei, daß die mühsam aufgebaute Propaganda der Rechtmäßigkeit des Kalifatsanspruchs für die Umayyaden wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Die Niederlage von Kerbala führte der Schia neue Anhänger zu, mit deren Hilfe sich schließlich die Abbasiden an die Macht schwangen — allerdings nur um das Prophetenhaus erneut zu verraten — und der Name Yazid wurde zum meistgehaßten in der muslimischen Welt. "Muharram ist jener Monat, da durch den Führenden der Dschihadkämpfer und Unterdrückten der Islam wiederbelebt und vor den Korrupten und Verderbten sowie den Intrigen des Bani-Umayya-Regimes, das ihn an den Abgrund getrieben hatte, gerettet wurde. Von Anbeginn seines Seins an ist der Islam stets mit dem Blut der Märtyrer und Dschihadkämpfer getränkt und zur Frucht gebracht worden." (Ayatollah Khomeini) Die Besiegten hatten die Sieger durch ihr Blut, ihre Todesbereitschaft besiegt.

Doch dieser Sieg war nicht sogleich für alle sichtbar. Und vor allem war dies der Sieg der Märtyrer und nicht jener, die abseits standen. Die Reaktion jener Anhänger Alis in Kufa aber, die Hussain gerufen, jedoch dann allein gelassen hatten, war schiere Verzweiflung. Eigentlich dürften sie nicht mehr weiterleben, und wenn der Islam nicht Selbstmord streng verboten hätte, so hätten sie sich gewiß umgebracht. Als Ausweg blieb der Sühnetod am Schlachtfeld und zu dem brach ein kleiner Trupp auch auf, nachdem er einen Trauertag am Ort des Martyriums Hussains verbracht hatte. Wie zu erwarten war, wurden die meisten von der syrischen Übermacht niedergemetzelt. Die Überlebenden jedoch flehten um Vergebung, daß sie ihr Todesversprechen nicht erfüllen konnten. Wie Heinz Halm in seinem Buch "Der schiitische Islam", das eine unserer Hauptquellen für diesen Aufsatz ist, schreibt, ist dies ein Vorgang, der eine Parallele in den weinenden Bitten um Vergebung der aus irakischer Kriegsgefangenschaft Heimgekehrten am Grab des Ayatollah Khomeini fand. Man darf annehmen daß es — unbeobachtet von westlichen Zeugen — solche Ereignisse in der schiitischen Geschichte wiederholt gegeben hat, wenn auch die eigentliche Sprengkraft von Aschura erst wieder von dem revolutionären Ayatollah des 20. Jahrhunderts in Anschlag gebracht wurde.

Die Todesbereitschaft der schiitischen Kämpfer wurde dem christlichen Abendland in der Zeit des Kreuzritterstaates bekannt. Damals machten sich die Ismaeliten des Hassan-ibn-Sabbah einen Namen, die feindliche Herrscher möglichst spektakulär und am hellen Tage plötzlich töteten und keinerlei Anstalten machten, der darauffolgenden Tötung zu entgehen. Dabei ist nicht der "politische Mord" das neuartige und erschreckende, schließlich sind wohl mehr Kalifen an Gift und heimtückischen Dolchen umgekommen als an natürlichen Ursachen. Das besondere ist vielmehr - neben der Verübung der Tat unter möglichst spektakulären Umständen - das Erwarten der Strafe, die gleichsam zur Mission dazugehört. So fremdartig dies dem Abendländer erscheinen mag, die rumänische christlich-orthodoxe Eiserne Garde hat genau dasselbe praktiziert. Und in beiden Fällen handelte es sich nicht um irgendwelche Gegner, die aus dem Weg geräumt werden sollten, sondern um Todfeinde im buchstäblichen Sinne. Um Feinde, die einen selbst mit Tod und Knechtung bedrohen. Die Ismaeliten sind allerdings eine nicht-orthodoxe Strömung der Schia - und nicht alle Ismaeliten sind mit dieser speziellen Gruppe, die in die westliche Phantasie als "Assassinen" einging, gleichzusetzen.

Die gleiche Märtyrerkampfweise finden wir jedoch bei den Schiiten des Libanon, die die Truppen der USA und Großbritanniens aus dem Land vertrieben haben, sowie dem zionistischen Feind einen demütigenden Rückzug aufzwangen. Der Libanon ist ein altes schiitisches Siedlungsgebiet und die Büßerprozessionen, die immer wieder - obwohl von der Geistlichkeit nicht gerne gesehen - zu blutigen Selbstgeißlungen führen, sind dort am Aschuratag ein vertrautes Bild. Zu büßen ist nicht eine Erbsünde oder moralische Verfehlungen allgemeiner Art, sondern das Imstichlassen des Imam Hussain und damit das Überlassen der Macht an die illegitime weltliche Herrschaft. Ein Versagen, dessen geschichtliche Auswirkung erst durch die Wiederkunft des Imam Mahdi, des "Rechtgeleiteten", aufgehoben werden wird, der die lange Zeit der apostatischen Herrschaft beenden und das gerechte Reich wiederherstellen wird, das vom Ur-Islam eigentlich angestrebt worden war. Der gerechte Führer (Imam), der im Verborgenen auf den richtigen Zeitpunkt für die Restauration der Souveränität Gottes und der Ergebenheit des Menschen in das göttliche Gesetz wartet, wurde zumeist nur passiv herbeigesehnt, insbesondere von der konservativen Geistlichkeit, die sich nach und nach die Privilegien des Imam in kollektiver Form aneignete, ohne umgekehrt die Gerechtigkeit der Herrschaft zu etabilieren. Demgegenüber traten immer wieder Personen auf, die das Vermächtnis von Aschura aktualisierten, anstatt es zu konservieren: Jeder Tag ist Aschura, jeder Ort ist Kerbala.

Der letzte und bedeutendste in dieser Reihe, der Ayatollah Khomeini bezog seine gesamte Legitimation aus einer Wiederholung des Aufstandes von Aschura. Nach seinem Selbstverständnis stürzte er den Yazid seiner Zeit und beendete die ungerechte Herrschaft des Lakaien des US-Imperialismus und des Zionismus — und dies mit den Mitteln des tradierten Aschura-Ritus. Die besondere Predigtweise, die ansonsten nur zu Aschura zur Anwendung kommt und die Gläubigen zum Weinen um die Ermordeten von Kerbala bewegt, wurde zum Leitton seiner Aufrufe zur Erhebung gegen den verwestlichten Schah. Auch inhaltlich berief sich Khomeini auf nichts öfter als auf eben diesen Aufstand von Aschura: "Unsere Märtyrer sind eine Neuausgabe der Märtyrer von Kerbala, die Feinde der Nation hingegen eine Neuausgabe Yazids und dessen Komplizen. Im dortigen Kerbala wurde der Palast des damaligen Tyrannen durch das Blut der Schahidan (Märtyrer, wörtlich: Zeugen) zum Einsturz gebracht. In unserem Kerbala brach das Schloß diabolischen Kaisertums zusammen. Jetzt ist es an der Zeit, daß wir die Erben all dieses vergossenen Blutes und die Hinterbliebenen unserer gefallenen Söhne und Märtyrer sind, uns engagieren, damit ihr Opfer nicht vertan ist, sondern zu erfreulicher Ernte reifen kann und wir mit aller Entschlossenheit den Übriggebliebenen des Gewaltregimes und von Ost oder West abhängigen Ränkeschmieden das Handwerk legen." (Aufstand zu Aschura in Wort und Botschaft Imam Khomeinis)

Wie immer man die Entwicklung der Islamischen Republik Iran beurteilen mag - und die Analyse des "Klerikalismus" und des "Mullahstaates" unterschlägt ja zumeist, daß die überwiegende Zahl der Gelehrten immer eher ein konservativer Bremsklotz als eine revolutionäre Kraft waren - , man kann heute eine Art Schiitisierung auch des sunnitischen Islam feststellen: Delegitimation der konservativen Dynastien und gleichfalls der säkularisierten Regime, die eschatologische Erwartung eines Zeitenumschwungs und nicht zuletzt die sogenannten "Selbstmordattentate", wobei kritisch zu bemerken ist, daß gerade die Sunniten, denen die Praxis des gesuchten Märtyrertodes eigentlich fremd war, offenbar nicht die Ebenbürtigkeit des Gegners suchen, sondern terroristisch nächsterreichbare Ziele ansteuern, was der Märtyrertradition der Schia nicht entspricht. Ebenso ist die Fixierung auf eine jenseitige Belohnung weit entfernt von der Verankerung des Martyriums in der Buße.

Halm möchte in der das Schlachtfeld suchenden Büßerbewegung von Kufa den eigentlichen Beginn des Schiismus sehen und im Ersatz des Opfertodes durch das Büßerritual der Aschura-Prozessionen mitsamt der sich daraus entwickelnden Passionsspiele die notwendige Institutionalisierung, die der Schia den Fortbestand bis heute sichergestellt hat. Jedoch sollte der Akzent weniger auf die Ersetzung des Opfers durch eine zwar nicht unblutige, aber doch nicht todernste Form — etwa gar in Anlehnung an das unblutige Opfer der katholischen Messe — liegen, als in der jährlich wiederkehrenden Aktualisierung der tatsächlichen Opferbereitschaft. Nur wenige Besucher der Oberammergauer Passionsspiele würden sich vielleicht für ihren Glauben ans Kreuz schlagen lassen, daß dies aber für die schiitschen Hussainya-Teilnehmenden nicht unbedingt gilt, haben die letzten Jahrzehnte bewiesen. Und auch das Wechselspiel von Religion und Politik — also hier: weltliche Verwirklichung des religiösen Führungsauftrages — ist eben tatsächlich ein wechselseitiges. So haben sich am Aschura-Tag schon mehrfach Initialzündungen für tatsächliche Aufstände ereignet. Solange die Erinnerung an den Tod Hussains lebendig und nicht museal ist, lebt auch der Auftrag, hier und jetzt für die Verwirklichung der Ziele nach dem koranischen Leitwort "Das Gute gebieten und das Schlechte verwehren" einzutreten.

Ähnliches gilt für die Beziehung von Kult und Metaphysik. Halm wendet sich gegen die Thesen von Henry Corbin und Seyyed Hossein Nasr — deren beträchtliche Differenzen ihm noch dazu zu verschwinden scheinen — über den metaphysischen Gehalt der Schia. Diese hätten nur für die Isfahan-Schule Geltung. Fest steht für uns jedoch, daß genauso wie kein künstlicher Riß zwischen dem Tod Christi am Kreuz in der christlichen Tradition und der christlichen Metaphysik postuliert werden kann, besteht ein solcher zwischen Martyrium und Metaphysik der Schiiten auch nicht. Eine Religion, die als Ritualisierung eines politischen, bloß weltlichen Ereignisses entsteht, ist schwer vorstellbar. Daß die Lehre vom muhammadanischen Licht, das in den zwölf Imamen weiterbesteht, eine späte "Erfindung" ist, müßte dahingehend korrigiert werden, daß sie eher eine späte "Findung" ist, eine Erkenntnis dessen, was erst die Erklärung für die geschichtlichen Vorgänge gibt. Tatsächlich kann es Jahrhunderte dauern bis die Menschen ein Ereignis in seiner Tiefendimension begreifen. Der Opfertod Hussains kann in diese Kategorie gezählt werden. Schließlich waren es nicht zwei verfeindete Thronprätendenten oder einfach zwei politische Prinzipien die aufeinandertrafen. Imam Hussain ist der Enkel des Propheten, der geliebte Sohn der geliebten Tochter des Vollkommenen Menschen. Mit Hussain ist ein Teil Muhammads gemordet worden. So wie Ali den verborgenen — esoterischen — Aspekt der Botschaft Muhammads bildet, so Hussain den martyrologischen. Wenn der Islam damit in die Nähe des Christentums aber nicht in direkte Parallelität gelangt, so deswegen, weil der Leidensaspekt des Lebens hier zwar seine völlige Anerkennung und Rechtfertigung erlangt, aber nicht als Folge einer vom Anfang der Menschheit her bestehenden Erbsünde, sondern als Zeichen des fortschreitenden Verfalls der Zeit. Muhammad war der von der Umma akzeptierte Führer, Ali gelangte nur unter Schwierigkeiten zum Kalifat, Hussain wurde der Anspruch mit dem Schwert bestritten und der 12. Imam schließlich ging in die völlige Verborgenheit, so daß es sichtbar keinerlei legitime Herrschaft auf Erden mehr gibt. Die Revolution im alten traditionellen Sinne, der gleichbedeutend mit Restauration des Ursprünglichen ist, die Wiedererlangung der Herrschaft der Gerechtigkeit, die universal vom Priesterkönig von Salem, Melchisedek, und in seiner Reichsdimension vom Erzengel Michael symbolisiert wird, ist das Ziel der Schia, das Zeugnis des Blutes ist der Weg: im ritualisierten Trauermonat wie im realisierten Opfertod. Sie ist damit die vorderste Front, die Avantgarde, in der Schlußphase des Dunklen Zeitalters.

Wann der Mahdi nach vorhergehenden Kataklysmen das neue Goldene Zeitalter der universalen Religion einleiten wird ist unbekannt. Fest steht lediglich: es wird ein 10. Muharram sein, ein Aschura-Tag, an dem er sich gegenüber der Kaaba in Mekka offenbart.

 

 

Quellen:

Aufstand zu Aschura in Wort und Botschaft Imam Khomeinis (s). Teheran: Institut zur Koordination und Publikation der Werke Imam Khomeinis (s) 1995.

Heinz Halm: Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution. München: Beck, 1994

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