
Wolf Biermann wurde am 15. Nov. 1936 in Hamburg geboren. Der Vater, der
auf einer Hamburger Werft arbeitete, war nach 1933 im kommunistischen
Widerstand engagiert und wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet. 1953
uebersiedelte Biermann in die DDR.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat B. den "Jungen Pionieren" bei und war
1950 Leiter einer Pionierbrigade beim Weltjugendtreffen in Ostberlin.
Als eines der wenigen Arbeiterkinder besuchte er bis 1953 das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Hamburg, dann ein Internat bei Schwerin. An der Berliner Humboldt-Universitaet studierte er anschliessend Politische Oekonomie und in den Jahren 1959-1963 Philosophie sowie Mathematik.
Die Theaterarbeit machte Biermann zu seinem Beruf. 1957-1959 war er als
Regieassistent am "Berliner Ensemble" taetig. Gefoerdert wurde er durch
den Komponisten Hanns Eisler. Mit Schreiben und Komponieren befasste
sich Biermann ab 1960. Fruehe Gedichte veroeffentlichte er in DDR-Zeitungen
und in Anthologien wie "Liebesgedichte" (1962) oder "Sonnenpferde und
Astronauten" (1964). Mit Freunden baute Biermann 1961/1962 ein altes
Hinterhofkino zum "Berliner Arbeiter- und Studententheater" (b.a.t.) um,
das bereits vor der Premiere geschlossen wurde. Ein erstes Auftrittsverbot fuer Biermann dauerte bis Juni 1963.
Als 1965 (Neuaufl. 1976) im Westberliner Wagenbach Verlag B.s Gedichtband "Die Drahtharfe" erschien, erhielt er von den DDR-Behoerden Auftritts-, Publikations- und
Ausreiseverbot. Damit war ein vorlaeufiger Schlußstrich unter eine Kampagne gesetzt, die schon vor dem 11. Plenum des ZK der SED im Dez. 1965 ihren Anfang genommen hatte: Man warf Biermann u. a. Klassenverrat und Obszoenitaet vor. Erst im Sept. 1976, elf Jahre nach Inkrafttreten des Berufsverbotes, hoerte das DDR-Publikum den verfemten Protestsaenger erstmals wieder in der evangelischen Kirchengemeinde in Prenzlau.
Im Westen setzte Biermann, der nicht "den Berufsdissidenten spielen", "oeffentlich seine Ostwunden lecken" wollte, seine Kuenstlerkarriere fort.Zwischen Geschichtslektionen und autobiographischen Anekdoten, zwischen
Heine-Liedern und Hoelderlin-Versen suchte sich der "Troubadour
der deutschen Zerrissenheit" (SZ, 2.10.1987) seinen Weg zum Erfolg. Mit Trauer, Wut und Heiterkeit brachte er auf den vielen in- und
auslaendischen Tourneen die Schatten der Vergangenheit zur Sprache, rechnete er mit der DDR ab, artikulierte er die Unzufriedenheit mit dem neuen Lebensraum und bekundete er nimmermuede seine sozialistische Einstellung.
In den folgenden Monaten (1990/1991) mischte sich Biermann mit Aktionen und
Aufsaetzen in die Tagespolitik ein - als Besetzer des Stasi-Hauptquartiers, Schiedsrichter im Literaturstreit und Befuerworter
der US-Intervention am Golf. Eine aufsehenerregende Diskussion ueber den
Einfluss der Stasi auf die DDR-Kulturschaffenden loeste er im Okt. 1991
mit seiner Dankesrede zur Verleihung des Buechner-Preises aus: Er fuehrte darin "eine sehr unakademische Attacke auf die
Oppositionsgruppen der DDR im allgemeinen ("von Stasi-Metastasen zerfressen") und auf den Lyriker Sascha Anderson ("Stasi-Spitzel") im besonderen, der in der DDR als fuehrender regimekritischer Literat gegolten hatte. Nach der ersten Einsicht (15.1.1992) der eigenen Stasi-Akten in der Berliner Gauck-Behoerde erklaerte Biermann seine
oeffentliche Auseinandersetzung mit der Stasi fuer beendet und verzichtete darauf, weitere Spitzel zu enttarnen.
Im Nov. 1994 war Biermann in
den Schlagzeilen wegen seiner Angriffe auf den PDS-Politiker Gregor Gysi und den fuer die PDS am 16. Okt. 1994 in den Bundestag gewaehlten
Schriftsteller Stefan Heym, den er einen "aufsaessigen Feigling" nannte. Einen Skandal gab es im Dez. 1994, als der oesterreichische Bildhauer
Hrdlicka im "Neuen Deutschland" seinen Brief an den Schriftsteller und Saenger Biermann veroeffentlichte, in dem er ihn wegen seiner Kritik an den PDS-Politikern als "Arschkriecher" und "Trottel" bezeichnete.
Der Kuenstler Biermann machte in den ersten 90er Jahren als "Beschreiber deutscher Zustaende" von sich reden. Er veroeffentlichte dazu Kurzprosa
("Der Sturz des Daedalus oder Eizes fuer die Eingeborenen der Fidschi-Inseln ueber den IM Judas Ischariot und den Kuddelmuddel in
Deutschland seit dem Golfkrieg"), trat am "Berliner Ensemble" sowie auf Tournee auf und war zwei Semester lang (1993-1995) als
Heinrich-Heine-Gastprofessor an der Duesseldorfer Universitaet zu hoeren. Gute Kritiken erhielt Biermann 1994 vom Feuilleton fuer seine auf Tournee vorgestellte Interpretation des "Grossen Gesangs vom
ausgerotteten juedischen Volk" von Jizchak Katzenelson. Im Sept. 1996
kamen siebzehn neue Lieder von B. unter dem Titel Suesses Leben -
saures Leben" auf CD heraus.
Auf Vorschlag von Rolf Hochhuth war Biermann im Jan. 1996 als Nachfolger des verstorbenen Dramatikers und Theterleiters Heiner Mueller am "Berliner
Ensemble" im Gespraech. Er selbst nannte dies "aus seiner Sicht einen absurden Vorschlag".
Im Juni 1996 zaehlte B. zu den Mitbegruendern des "Buergerbuero e.
V.", das jenen helfen will, die durch Willkuerakte der DDR fortdauernd
geschaedigt sind.
1998 - Verleihung des Nationalpreises der Deutschen Nationalstiftung.
1998 erscheint die Live-CD: "Brecht - Deine Nachgeborenen" (98) (Doppel-CD)
Neueste CD: "Paradies uff Erden. Ein Berliner Bilderbogen" (99)
(sh. auch unter News" )