Die Fleischtöpfe der Sklaverei

Der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann hat Heimweh nach Berlin und würde den Stasi-Spitzeln gerne verzeihen - wenn sie ihn ließen

FOCUS: "Heuchler", "Geier","Simpeltröpfe" - was haben Sie gegen Journalisten, dass Sie sie in einem neuen Spottgedicht mit einer wahren Schimpfkanonade belegen?

BIERMANN: Ach, das ist eine seelische Notdurft, die ich manchmal verrichten muß, damit ich nicht platze. Gute Journalisten lachen sich schief über dieses Gedicht, nur die schlechten fühlen sich getroffen und schreien "Journalistenschelte".

FOCUS: Seit Ihrer Ausbürgerung aus der DDR 1976 leben Sie in Hamburg. Ihr neues Buch aber ist eine Hommage an Ihre alte Heimat Berlin. Ist die Liebe noch so groß?

BIERMANN: Ja, zum Ostteil der Stadt. Hier im Prenzlauer Berg könnte ich blind rumlaufen. Etliche meiner Freunde wohnen am Kollwitzplatz. Ich beneide alle, die hier leben dürfen, doch ich gönne es ihnen. Übrigens habe ich noch immer einen gültigen Mietvertrag in der Chausseestraße, obwohl ich dort länger als 30 Jahre nicht war.

FOCUS: Wie das?

BIERMANN: Als die Lumpen mich aus der DDR rausgeschmissen haben 1976, hatten sie anderes im Kopf, als Mietangelegenheiten zu regeln. Die dachten: Den sehen wir nie wieder, und die Macht verlieren wir niemals. Beides ist zum Glück anders gekommen.

FOCUS: Einigen "Lumpen" geht es aber heute ganz gut.

BIERMANN: Sogar besser als je zuvor. Es ist natürlich viel schöner, einen BMW zu fahren als einen Wartburg. Vor allem aber müssen sie keine Angst mehr haben vor ihren eigenen Genossen. Vor nichts hatten die doch so viel Schiss wie vor der Parteikontrollkommission.
Wenn die alten Verbrecher sich wirklich ändern würden, dann wären wir alle gerührt. Versöhnungssüchtig, wie wir sind, würden wir ihnen auf die Schulter hauen und sagen: Na, du Arschloch, mach das bloß nich' noch mal. Und dann wäre das Ding gegessen. Aber die werden sich nie ändern. Die werden uns nie verzeihen, was sie uns angetan haben.

FOCUS: Sie nennen den PDS-Politiker Gregor Gysi gern einen "Stasi-Spitzel" und fordern seinen Ausschluß aus dem Bundestag. Im Ernst?

BIERMANN: Natürlich, denn wer läß sich schon gern über Demokratie belehren von Leuten, die alle Rechte des Volkes mit Füßen getreten und Menschen systematisch kaputt gemacht haben......

FOCUS: ....und jetzt von 20 Prozent der Bevölkerung im Osten gewählt werden.

BIERMANN: Leider ist es so, daß sich die Unterdrückten in Freiheit oft zurücksehnen nach den Fleischtöpfen der Sklaverei. Wenn man die Schnauze hält und sich duckt, dann ist das Leben in Unterdrückung ganz angenehm. Freiheit dagegen bedeutet Verantwortung, aber das lernt man in der Sklaverei nicht. Insofern war meine Ausbürgerung ein großes persönliches Glück, was ich damals natürlich nicht so sah. Die Parteiführung hat mir die Chance gegeben, 13 Jahre vor meinen Schicksalsgenossen den Kapitalismus zu lernen.

FOCUS: Wie hat die Stasi Sie im Westen weiter verfolgt?

BIERMANN: Auf die Vermittlung meines Freundes Günter Wallraff bekam ich einen Manager: den Stasi-Spitzel Diether Dehm. Der saß mal für die SPD im Bundestag und ist inzwischen stellvertretender PDS-Vorsitzender.

FOCUS: Und Wallraffs Rolle?

BIERMANN Ich halte ihn für keinen Spitzel. Die Tatsache, daß es so viele Spitzel gab, spricht übrigens für die DDR, so paradox das klingt. Die Herrschenden haben ja nicht aus lauter Jux und Dollerei so viele hochgebildete Leute ernährt samt Rentenansprüchen und Urlaubsgeld. Es gab anscheinend viele wiederspenstige Geister, die man unter Kontrolle halten mußte.

FOCUS: Kaum jemand hat das Verhältnis zwischen Tätern und Opfern in dre DDR so genau erforscht wie ihr Freund, der Psychologe und Dichter Jürgen Fuchs. Im mai starb er an Krebs. Er war sich sicher, daß die Stasi ihn im Gefängnis verstrahlt und damit schleichend umgebracht hat. Glauben Sie das auch?

BIERMANN: Ich halte es für sehr wahrscheinlich. Ich weiß, daß Diktator Ceausescu in Rumänien massenhaft streikende Arbeiter mit Strahlenkanonen ermordet hat. Die wurden lautlos erschossen mit diesen Strahlen, die man nicht spürt. Die Stasi hat nicht nur in ihren Papieren solche Methoden gelehrt, sondern - nach allem, was wir wissen - auch praktiziert.

FOCUS: "Paradies uff Erden" nennen Sie Ihr neues Buch. Ursprünglich sollte das mal die DDR sein, und auch Sie dachten, daß sie es werden könnte.

BIERMANN: Weil ich mit der marxistisch-leninistischen Erziehung, die meine Eltern mir eingepflanzt hatten, wie ein Kind gesagt habe: Wenn die Kapitalisten entmachtet werden, dann kann das doch nur gut sein für alle ehrlichen, fleißigen, lustigen Menschen.
Aber schon die Hoffnung des Kommunismus auf eine Gesellschaft in der die Menschen alle Brüder sind, hat sich nicht nur als schwer durchführbar erwiesen, sondern auch als falsch und gefährlich. Deshalb kann ich mich heute auch nicht mehr Kommunist nennen.
Ich bin der Meinung, daß niemand gefährlicher war in der Geschichte der Menschheit als die, die das Paradies auf Erden erzwingen wollten. Die haben uns in Höllen geführt, die schlimmer sind als alles, was wir bisher kannten. wir müssen lernen, uns für eine bessere Gesellschaft einzusetzen ohne diesen Kindertraum vom Paradies.

FOCUS: Der Kommunismus als größtes Verbrechen der Geschichte? Was ist mit dem Nationalsozialismus?

BIERMANN: Die Faschisten haben nicht so viel Zeit gehabt. Es ist immer heikel und wohl auch verfehlt, solche maßlosen Verbrechen gegeneinander aufzurechnen. Aber natürlich müssen wir vergleichen, schon damit wir nicht gleichsetzen.
Mein Vater war Jude und Kommunist und wurde von den Nazis ermordet. Ich bin beides. halb Jude, halb Goi. Die Verbrechen der Nazis an den Juden machen mich todtraurig, aber sie erschüttern mich nicht so tief. Weil ich von denen nichts anderes erwarte, denn das sind meine gelernten Todfeinde. Daß aber im Namen derselben Ideen, für die mein Vater als Kommunist in den Tod gegangen ist, Millionen Menschen liquidiert wurden, das muß mir doch noch mehr weh tun. Wenn dein eigener Vater dich fesselt und dir mit einem scharfen Messer die Ohren abschneidet und die Nase, dann tut dir das noch mehr weh, als wenn das irgendein Mensch tut, den du sowieso schon als Verbrecher, als Mörder, als Folterer kennst.

(FOCUS 36/99 - Jobst-Ulrich Brand)

1